Berühmte Moorleiche aus dem Weiter Filz:

"Rosalinde war eine Einheimische"

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Im Jahr 1957 wurde der Sarg mit Moorleiche Rosalinde zwischen Peiting und Hohenpeißenberg entdeckt.

Landkreis – Sie ist eine echte Berühmtheit des Landkreises und über dessen Grenzen hinaus bekannt; bayern- und deutschland-, sogar weltweit nimmt man Notiz von ihr: Rosalinde, die 1957 im Weiter Filz zwischen Peiting und Hohenpeißenberg geborgene Moorleiche. Immer wieder versuchen Wissenschaftler, den Überresten der im 14. oder 15. Jahrhundert Verstorbenen Informationen abzuringen. Der Kreisbote hat sich mit Dr. Brigitte Haas-Gebhard unterhalten. Sie ist die Expertin der Abteilung Mittelalter/Neuzeit an der Archäologischen Staatssammlung in München, in deren Depot Landkreis-Promi Rosalinde derzeit ein vorübergehendes Schattendasein fristet.

Zahllose Geheimnisse ranken sich um Leben und Sterben der – für heutige Verhältnisse – jungen Frau, die wohl 20 bis 30 Jahre alt war, als sie verschied. Wieso wurde Rosalinde kein Platz auf dem Friedhof zuteil, weshalb begruben ihre Mitmenschen sie im Moor?

Dr. Haas-Gebhard hat sich Gedanken darüber gemacht, worin die Begründung für die abgeschiedene Ruhestätte Rosalindes zu finden sein könnte. „Besondere Todesumstände sind da die einleuchtendste Erklärung“, sagt sie. Lange hatte die Wissenschaft angenommen, dass die Frau, die als erste entdeckte Moorleiche Bayerns gilt, im Wochenbett verstorben sein könnte. Zwischenzeitlich wurde diese Theorie jedoch wieder angezweifelt. Eine Isotopen-Analyse der Haare, der sich Dr. Haas-Gebhard angenommen hat, könnte diesem Szenario aber wieder neuen Auftrieb geben.

Denn ungefähr sechs Monate vor ihrem Ableben stellte Rosalinde ihre Ernährung komplett um. „Sie hat keinen Getreidebrei mehr gegessen“, erklärt die Expertin. Heutzutage ließe ein solches Verhalten auf eine Schwangerschaft schließen. Doch wie es die Frauen damals hielten, ist unklar. Dazu kommt: „Das war damals eine hochdramatische Zeit“, so Dr. Haas-Gebhard. Die Pest und Hungersnöte wüteten. Auch letzteres könnte zu veränderten Essgewohnheiten geführt haben. Allerdings trug Rosalinde zu Lebzeiten wohl auch das ein oder andere Speckröllchen mit sich herum.

„Dass sie als Wöchnerin gestorben sein könnte, reicht als Erklärung für ihre Ruhestätte aber nicht aus“, schränkt Dr. Haas-Gebhard ein. „Dann hätten wir mehr entsprechende Funde.“ Irgendetwas habe Rosalinde oder ihr Ableben für ihre Mitmenschen zusätzlich unheimlich erscheinen lassen müssen.

Der Schopf wurde zur Isotopen-Untersuchung genutzt.

Dass sie eine Auswärtige, vielleicht eine Jüdin, war, machen die Erkenntnisse der Isotopen-Analyse unwahrscheinlich. „Man hatte damals ungern Fremde auf dem eigenen Friedhof“, erklärt Dr. Haas-Gebhard. Doch habe die Frau in der Gegend gelebt und sei hier aufgewachsen, sie habe keinen Ortswechsel vollzogen. „Rosalinde war eine Einheimische.“ Das gilt auch für ihr Schuhwerk. Zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung und in der Folgezeit galten die bestens erhaltenen Stiefel als Sensation, waren seinerzeit doch keine ähnlichen Funde bekannt. Rosalinde wurde zwischenzeitlich gar in die Rolle einer Angehörigen eines östlichen Reitervolks gesteckt. Auch das ist vom Tisch. „Die Stiefel sind von hier, es gibt mittlerweile aus jeder Stadt, inklusive München, entsprechende Funde“, sagt Dr. Haas-Gebhard.

Sowohl die Schuhe als auch Landkreis-Promi Rosalinde selbst stammen also aus dem Schongauer Land. Aktueller Aufenthaltsort ist allerdings die Landeshauptstadt München. Weil das dortige Museum der Archäologischen Staatssammlung gerade eine Generalsanierung erfährt, ist die Tote aus dem Weiter Filz derzeit im Depot untergebracht.

Das soll sich künftig aber wieder ändern. Für 2020/22 ist die Wiedereröffnung des Museums geplant. Dann erhält Rosalinde auch wieder die gebührende Würdigung. „Sie wird der Mittelpunkt eines um sie herum angelegten Saals sein“, beschreibt Dr. Haas-Gebhard.

Mit der zwischenzeitlich angedachten Gesichtsrekonstruktion wird es bis dahin aber nichts. Weil die Säuren des Moors die DNA der Frau zerstört haben, lassen sich Haar- sowie Augenfarbe und Teint von Rosalinde nicht mehr ermitteln.

Rasso Schorer

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