Heimisch im Leben und im Tod

»Wichtiger Schritt« für Muslime in Bayern: Bestattung im Leintuch, ohne Sarg

Muslimische Gräber Waldfriedhof Schongau
+
Auf dem Waldfriedhof können Verstorbene auf einem muslimischen Gräberfeld bestattet werden, samt Orientierung in Richtung Mekka. Die Stadt klärt derzeit, inwieweit sie nun die seit 1. April aufgeweichte Sargpflicht in ihrer Friedhofssatzung verankert.
  • vonRasso Schorer
    schließen

Schongau – Seit 1. April ermöglicht es die neugefasste Bestattungsverordnung in Bayern, sich ohne Sarg, dafür aber im Leintuch beerdigen zu lassen. Vor allem Muslime begrüßen das. Nun ist die Stadt am Zug: Sie passt ihre Friedhofssatzung an – und regelt damit, wie Bestattungen vor Ort ablaufen dürfen. Die Verwaltung sendet positive Signale, macht aber auch deutlich: Nicht jeder, der will, wird auch im Leintuch bestattet werden können.

Sich als gläubiger Muslim in Bayern bestatten lassen zu wollen, das erfordere Kompromissbereitschaft im Detail, erklärt Aykan Inan, Geschäftsführer im Ditib Landesverband Südbayern e.V., unter dessen Gemeinden auch jene in Schongau organisiert ist. Die Neufassung der Bestattungsverordnung in Bayern – andere Bundesländer waren hier teils deutlich schneller – sieht er als bedeutenden Schritt der Akzeptanz. „Für viele Muslime ist das religiös und politisch eine wichtige Sache.“

Wohl je nach Einzelfall

Die Stadt stehe einer Anpassung ihrer Satzung recht positiv gegenüber, schildert Daniel Felsmann, Leiter des Standesamts und der Friedhofsverwaltung. Schnell erarbeitet sei diese aber nicht, das könne noch einige Wochen, vielleicht Monate dauern. Auch Details seien dementsprechend noch nicht spruchreif. „Wir kommen gegebenenfalls entgegen, wo das möglich ist.“ Gleichzeitig macht er aber auch klar, dass die Aufweichung der Sargpflicht in Schongau nur für jene Personen Anwendung finden wird, deren Glaubensrichtung das entspricht. Dies sei somit keine Frage des Geschmacks, sondern der Religion. Ein Antrag werde wohl vonnöten sein – und eine darauffolgende Überprüfung des jeweiligen Einzelfalls, bei der zum Beispiel ausgeschlossen sein muss, dass der Körper des Toten infektiös ist.

Zurück zur Erde

Die Zahl der Schongauer Muslime, die sich lieber im Leintuch beerdigen lassen wollen, sei hoch, schätzt Inan. Als Transportmittel sei ein Sarg sinnvoll und gängig, „aber eben nur bis zum Grab.“ Denn er verzögere und störe somit das Einswerden des Körpers mit dem Boden. „Wir kommen von der Erde und gehen zu ihr zurück“, fasst Inan ein wichtiges theologisches Sprichwort zusammen.

Dass die Neufassung der Bestattungsverordnung den Wünschen der Gemeinden nach einigen Jahren nun entgegenkommt, sieht Inan als wichtige Etappe für viele Muslime in Bayern. „Da wo ich bestattet werde, da bin ich heimisch.“ Den Hinterbliebenen ermögliche die Beerdigung am Wohnort die Möglichkeit, das Grab regelmäßig zu besuchen, statt dafür ins Ausland reisen zu müssen.

Jüngere ziehen eine Überführung in die „alte Heimat“ zunehmend seltener in Betracht, beobachtet Inan eine Entwicklung. „Sie gehen häufiger davon aus, dass auch ihre Kinder und Enkel in Zukunft in der ‚neuen Heimat‘ leben werden.“

Wichtige Details

Die Bestattung gläubiger Muslime in Schongau könne schon jetzt erfolgen, ohne viele Kompromisse eingehen zu müssen, beschreibt Inan: „Die Waschung ist in der Nähe möglich, zum Beispiel auch in einigen Krankenhäusern.“ Auf dem muslimischen Gräberfeld auf dem Waldfriedhof sind die Gräber in Richtung Mekka ausgerichtet. Auch Imame, zum Beispiel für das kurze Totengebet in der Moschee oder am Friedhof, gebe es genug, so Inan. „Das ist das Wichtigste.“

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Präzision in Sachen Corona made in Schwabsoien
Präzision in Sachen Corona made in Schwabsoien
Hausarztpraxis im neuen Peitinger Ärztehaus eröffnet
Hausarztpraxis im neuen Peitinger Ärztehaus eröffnet
Pflege, Distanzunterricht, Rahmenbedingungen: Heimerer Schulen mit Warnung
Pflege, Distanzunterricht, Rahmenbedingungen: Heimerer Schulen mit Warnung
Hochlands Blick auf 2020: Mehr Menge, Umsatz, Marktanteil
Hochlands Blick auf 2020: Mehr Menge, Umsatz, Marktanteil

Kommentare