Landfrauentag in Bernbeuren widmet sich dem Heimatbegriff

Dahoam is was genau?

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Wartete mit einem interessanten Blick auf den Begriff „Heimat“ auf: Bezirksheimatpfleger Dr. Norbert Göttler.

Bernbeuren – Mit dem Begriff der Heimat auseinandergesetzt haben sich die Teilnehmer des diesjährigen Landfrauentags in Bernbeuren, erstmals unter Führung von Kreisbäuerin Christine Sulzenbacher. Einer, der sich der Thematik fundiert und nachdenklich, dennoch aber packend annahm, war Gastredner und Bezirksheimatpfleger Dr. Norbert Göttler.

Ihrer „Feuertaufe“ sah sich Sulzenbacher, seit rund einem Jahr als Kreisbäuerin im Amt, beim Landfrauentag gegenüber. Dieser fand am Dienstag vergangener Woche in Weilheim, tags darauf in Bernbeuren statt. Dabei hatten sie und ihre Mitstreiterinnen an der Spitze der größten Vertretung für Frauen im ländlichen Raum schon so einiges auf die Beine gestellt, wie die Rückschau aufs vergangene Jahr dokumentierte.

„Das ist Heimat!“, lautete das Motto der Veranstaltung. Ein facettenreicher Begriff mit langer und zwiespältiger Historie, wie Oberbayerns Bezirksheimatpfleger Dr. Göttler darstellte – passenderweise am selben Tag, an dem Horst Seehofer in Berlin als erster Bundesheimatminister vereidigt wurde.

Heimat als Pseudo-Idylle im Stile von „Dahoam is Dahoam“ sei ihm ein Grauen, offenbarte der Experte mit Dienstsitz in Benediktbeuern. Es gebe genug Quellen, die belegten, dass Heimat etwas „ganz furchtbares“ sein könne. Sie könne ausschließen, gängeln, scheitern. Beleg dafür: Das historisch lange Zeit bedeutsame juristische Heimatrecht, ohne das man nicht habe heiraten dürfen und selbst im Wirtshaus und der Kirche in der Platzwahl eingeschränkt war.

Dennoch sei sie, die Heimat, für den Menschen eine höchst emotionale und mitunter identitätsstiftende Angelegenheit. Mit Beginn des Bevölkerungswachstums im 19. Jahrhundert habe die ländliche Heimat als Lebensgrundlage nicht mehr ausgereicht. Die Folge: Um zu überleben machten sich die „proletarisierten“ Bauern massenhaft auf in die Städte. „Heimweh entstand aus einer Verlusterfahrung“, so Dr. Göttler.

Heutzutage sei die Bevölkerung höchst mobil, teils aber eben auch entwurzelt. „Heimat schaffen ist dann eher ein sozialer Prozess als ein Ort“, den aber beispielsweise auch schon die Vertriebenen des zweiten Weltkriegs zu meistern hatten. Daneben komme eine utopische Heimat-Facette dazu: Heimatsuche könne auch sein, ortsungebunden als Teil eines Netzwerks oder einer Community, zum Beispiel im Internet, Anschluss zu finden.

Die Aufgabe von Klöstern und wiederkehrend sanierungsbedürftige – weil kaum mehr genutzte – Kirchen beschäftigten ihn als Denkmalpfleger ebenso, wie das Wachstum der Metropolregionen. Eine Dezentralisierung von Wirtschaftsstandorten halte er für unumgänglich. Auch, um Verdrängungsprozesse im ländlichen Raum – nämlich dann, wenn die zahlungswillige Stadtbevölkerung auf der Flucht vor urbanen Verkehrsinfarkten und Wohnpreis-Explosionen ins Umland dränge – abzuschwächen.

Heimat ist Inklusion

Ihre größte Stärke entfalte Heimat allerdings dann, wenn sie inklusiv wirke und alle Menschen an die Hand nehme. Die Dorfgemeinschaft sei dabei das wichtigste Gut, das es zu erhalten und weiterzuentwickeln gelte. „Sie vor Verlusten zu bewahren, Werte hinzuzufügen und zu einer wertvolleren Gesellschaft beizutragen – das ist echte Heimatpflege.“ Die Landfrauen trügen dazu bei. „Jeder, der Verantwortung übernimmt – bestenfalls wir alle – sind Heimatpfleger.“ Wer den Heimatbegriff missbrauche, um auszuschließen, wer „Hass und Hetze“ säe, sei eine Schande für die Heimat.ras

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