Gelebte Geschichte

Bis ins Detail wie anno dazumal

Gelebte Geschichte Baab Apfeldorf historisch
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Sabine und Richard Baab mit Kleidungsstücken und Gegenständen, wie sie im späten 15. Jahrhundert zum Einsatz kamen. Dazu zählt die handgefertigte Laterne mit Hornplatten.
  • VonHans-Helmut Herold
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Apfeldorf – Es gibt Vereine, die man eigentlich nicht näher beschreiben muss. Deren Namen sofort erklären, um was es geht. Schützen-, Fußball-, Veteranen-, Trachten- oder Faschingsverein, „nomen est omen“ würde da der Lateiner sagen. Was aber hat es mit dem „1476 staedtisches Aufgebot e.V.“ auf sich? 

Jüngst hat sich eine kleine Gruppe zu Fuß auf eine Pilgertour in Richtung Hohenpeißenberg gemacht. „Kommt doch öfters vor“, könnte man jetzt sagen. Was jedoch den sichtbaren Unterschied machte, war die Kleidung: Historische Gewänder, wie man sie um 1500 getragen, vor allem aber hergestellt hat.

Wenn man den Beruf von Sabine Baab (54) kennt, kann man sich vorstellen, dass sie in Richtung Mode sehr versiert ist. Als Schneidermeisterin hat sie bisher in der Region für 24 Faschingsprinzenpaare das komplette Gewand entworfen und genäht. Zur 700-Jahr-Feier Apfeldorfs kleidete sie 2005 fast das ganze Dorf historisch ein. Eine Modenschau samt Zeitreise durchs Mittelalter krönte die Veranstaltung. Die „Freien und Edlen zu Rauhenlechsberg e.V.“ bildeten sich.

Die Gruppe besuchte danach Burg Ehrenberg bei Reutte. Natürlich in passender Kleidung. Die Veranstaltung beeindruckte Sabine und Richard Baab. „Es war überwältigend zu sehen und zu erkennen, wie die Menschen von damals gelebt haben“, erklärt Richard (58). Er sieht in der Veranstaltung eine „gelebte Geschichte“, verbunden mit „experimenteller Archäologie“.

Das hat sich auch der Verein „1476 staedtisches Aufgebot e.V.“ auf die Fahnen geschrieben. Genau das Richtige für das kreative Ehepaar, welches, wie auch der Verein, zu „nachgemachten mittelalterlichen Rummelveranstaltungen“ einen Trennstrich zieht. Bei der Zeitreise in Ehrenberg habe sie förmlich Blut geleckt, erinnert sich Sabine. Auch Richard ist begeistert. Als Maschinenbautechniker wirft er sein Auge natürlich auf technische Belange.

Laterne wie damals

„Schon vor 30.000 Jahren hat der Mensch mit einfachsten Mitteln Feuer entfacht“, so Richard. Das gelänge heute ohne Feuerzeug oder Streichholz nicht mal mehr 95 Prozent der Leute, schätzt er. Er kann es, denn Feuer hat es ihm angetan. Nach alter Handwerkstechnik baute er eine Laterne, wie sie im späten 15. Jahrhundert zum Einsatz kam. Die Seitenhölzer mit Boden- und Deckenplatte verzapft, Haltegriff und Aufhängung hat Richard handgeschmiedet. Der Clou aber ist der „Scheibeneinsatz“, bestehend aus Hornplatten, die ja den Lichtschein nach außen leuchten lassen müssen. Dafür hat der Tüftler ein Kuhhorn in kochendes Wasser gelegt, biegsam gemacht und wie vor 500 Jahren abgeschält. Zum wurden die Stücke in eine Form gepresst und getrocknet.

Derweil widmet Sabine sich der Kleidung. Alles rund um die Herstellung der Stoffe, die Färbung, die Weberei, die Nähtechnik und vor allem die Kleiderordnung von damals faszinieren und fesseln die Meisterin der Nadel.

So verrät sie, dass sie für eine Haube bis zu sechs Meter Stoff verwendet. Natürlich behütet sie auch ihren Richard. „Denn damals hat ein jeder eine Kopfbedeckung getragen, egal gegen Schmutz, Staub, Regen oder Sonne.“

Aufgrund der Herstellung der Laterne und einer Veröffentlichung im Internet bekamen Sabine und Richard eine ganz besondere Einladung nach Dänemark. In der Ortschaft Nykoping ist im Laufe der Zeit ein Museumsdorf entstanden, das unter Fachleuten Sehnsuchtsort für Mitglieder von historischen Vereinen ist. Hier wird im Sommer in der gesamten Ortschaft das Leben und der Arbeitsalltag von der Zeit um 1500 dargestellt.

Alles, was man sich vorstellen kann, ist vertreten: „Schmied, Weber, Drechsler, Schneider, Stoffdrucker, Schuster, Kammschnitzer, Färber oder Hutmacherin“, zählt Richard auf. Sabine nennt noch die Heiligenfigurenmacherin, eine Art Töpferin,. Die hat sie besonders beeindruckt.

Starken Eindruck hinterlassen hat dort aber auch Richard mit seinen speziellen Laternen. Und zwar derart, dass die beiden von einem Vertreter des Vereins „1476 staedtisches Aufgebot“, einem Ableger von „Company of Saynt George“, angesprochen wurden. Man wollte die beiden als neue Mitglieder gewinnen. Dass im Verein strenge Regeln herrschen, hat Sabine gleich vor Ort beobachtet. Von einem Einheimischen wurde das Hemd auf der Wäscheleine kritisiert, weil die Nähte zum Teil mit der Nähmaschine gefertigt waren. Strenge Sitten.

Rekrutenstatus

Doch die Eheleute Baab sind so von der „gelebten Geschichte“ und „experimentellen Archäologie“ fasziniert, dass sie sich um eine Mitgliedschaft bemühen. „Als Rekruten müssen wir erst mal über ein Jahr beweisen, dass wir in diese Gemeinschaft passen“, erzählt Sabine. 2019 haben sie den Rekrutenstatus bekommen, wegen Corona sind auch hier alle Termine und Treffen abgesagt worden. So müssen die beiden noch etwas Geduld aufbringen, um vollends in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden.

Doch in dieser Zeit hat Richard im Homeoffice wertvolle Arbeit geleistet. Er war mit beteiligt, dass ein Kanonenrohr bei einer Glockengießerei in Innsbruck nach historischen Unterlagen gegossen werden konnte. Ob zur Aufnahme als neue Mitglieder für Sabine und Richard mit der fertigen Kanone dann Salut in Apfeldorf geschossen wird?

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