Demo-Premiere unterm Auerberg

300 Bernbeurer demonstrieren für Schnitzer-Stadel-Abriss

+
Entsteht hier ein Neubau samt Lebensmittelmarkt? Geht es nach diesen Bernbeurern, lautet die Antwort „ja“.

Bernbeuren – Bernbeuren probt den Aufstand. „Das mussten wir erst lernen, eigentlich sind wir ja alle ganz brave Bürger“, scherzt Bürgermeister Martin Hinterbrandner am Montag im Gespräch mit dem Kreisboten. Doch das Anliegen von ihm und rund 300 Interessierten, die am Freitag zuvor zum Schnitzer-Areal gekommen waren, um ihren Unmut über die sich dort entsponnene Hängepartie zum Ausdruck zu bringen, ist ein durchaus Ernstes. „Keiner von uns kann sich an eine Demonstration in Bernbeuren erinnern – aber das war eine.“ Denn nach Monaten des Wartens soll im Ringen mit dem Landratsamt und dem Landesamt für Denkmalpflege nun endlich die Entscheidung fallen, ob der alte Stadel zugunsten eines Lebensmittelmarkt-Neubaus abgerissen werden darf.

Die Kundgebung, sie ist nicht die einzige Aktion, mit der die Bernbeurer ihrem Ärger Luft machen. „Abbruchgenehmigung – 97 Prozent warten auf eine Entscheidung“, lässt ein großes Schild am Ortseingang verlauten. Bürgermeister Hinterbrandner hat einen offenen Brief an Landrätin Andrea Jochner-Weiß formuliert. Warum die ganze Aufregung am Auerberg?

Ein kurzer Rückblick: Mitten in Bernbeuren, an der Füssener Straße, liegt das sogenannte Schnitzer-Areal. Auf dem Grundstück steht eine alte, momentan geschlossene, Gaststätte, die seit 1974 unter Denkmalschutz steht. Daneben ein Stadel aus dem Jahr 1900. Eben dieser soll weichen, an derselben Stelle ein Neubau zur Nahversorgung entstehen. Die Lebensmittelkette Feneberg hat ihr Interesse hinterlegt, als Betreiber zu fungieren.

Als die Gemeinde, Grundstücksbesitzer und Feneberg vor rund eineinhalb Jahren entsprechende Planungen aufnahmen, schien ein Abriss des bis dahin nicht unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes Formsache. Doch zum Jahreswechsel – der neue Bebauungsplan wurde gerade auf den Weg gebracht – meldete das Landesamt für Denkmalpflege Einwände an. Es erklärte den Stadel zum Einzeldenkmal. Abriss, zumindest aus Sicht des Landesamts, ausgeschlossen.

Anfang Juli sprachen sich bei einem, durch ein Ratsbegehren initiierten, Bürgerentscheid 97 Prozent der Bernbeurer Wähler für eine Feneberg-Ansiedlung aus, die Beteiligung an den Urnen lag bei 64 Prozent. Wenige Wochen später bewilligte der Gemeinderat den Antrag zum Abriss einstimmig. Aber: Grünes Licht, ob es dazu wirklich kommen darf, muss das Landratsamt erteilen. Es ist die befindende Instanz. „Die untere Denkmalschutzbehörde hat abzuwägen, es ist eine Ermessensentscheidung“, erklärt Hinterbrandner. Eine Entscheidung steht seitdem aus.

"Erwarte mir ein anderes Verhalten"

„Der Stadel ist schon ein prägnantes Gebäude“, findet der Rathaus-Chef, ein Abriss falle niemandem leicht. „Allerdings weiß das Denkmalamt eben seit 1974 von diesem Stadel und bis wir mit der Bauleitplanung begonnen haben, hat der als Einzeldenkmal nie interessiert.“ Das Gebaren der Behörde wecke Unverständnis, „ich erwarte mir ein anderes Verhalten“. Eine Stellungnahme der Denkmalschützer, der Bürgerentscheid sei rechtswidrig gewesen, erklärt Hinterbrandner zur „bodenlosen Unverschämtheit“. Ein weiterer Beleg dafür – so der Rathaus-Chef – dass sich das Landesamt nicht auf eine argumentative Ebene einlasse. „Die pochen stark auf ihren Standpunkt, dabei sagt das Denkmalschutzgesetz eindeutig, dass zugunsten des Gemeinwohls abgerissen werden darf.“ Einschlägige Gerichtsurteile belegten diese Sichtweise nach seiner Auffassung. „Wir haben mit großem Aufwand dargelegt, warum ein Abriss gerechtfertigt sein könnte.“ Der Ball liegt beim Landratsamt.

Eine gewichtige Rolle dabei sieht Hinterbrandner bei der Landrätin. „Eine Ermessensentscheidung ist immer auch eine politische Entscheidung.“ Seinem persönlichen Geschmack nach, geriere das Landesamt gegenüber Andrea Jochner-Weiß zu offensiv. „Da versucht man, einem gewählten Volksvertreter den Schneid abzukaufen, das ist ein Unding.“ Dass sein eigenes Verhältnis zur Landrätin durch seinen offenen Brief Kratzer abbekommen könnte, glaubt der Bürgermeister nicht. Diese inhaltliche Auseinandersetzung laufe auf einer ausschließlich sachlichen Ebene ab. Am Tag nach Veröffentlichung des offenen Anschreibens auf der Gemeinde-Homepage habe sich Jochner-Weiß telefonisch gemeldet. Ihr Landratsamt bemüht sich darum, vor einer Entscheidung nochmals alle Parteien an einen Tisch zu bekommen.

„Es soll nochmal ein Gespräch vor Ort geben“, erklärt Pressesprecher Hans Rehbehn. Die Terminsuche sei in vollem Gange. „Unser Ziel ist eine für alle zufriedenstellende Lösung.“ Dazu, wie seine Behörde die Situation nach derzeitigem Stand bewerte, will er nichts sagen – mit Verweis auf das „laufende Verfahren“. Doch: Es gelte, einen Kompromiss zu finden, „das kann kein Abriss sein“.

Standpunkte kaum zu vereinbaren

Dem Landesamt für Denkmalpflege schwebt vor, ein Nahversorgungsangebot in den zu erhaltenden Stadel zu integrieren. Für Hinterbrandner ist das kein gangbarer Weg. Eine Verkaufsfläche von mindestens 600 Quadratmetern sei das Minimum, nur derer 450 ließen sich in dem alten Gebäude realisieren, das zudem noch mittig im Areal liege und deshalb das Errichten von Parkplätzen erschwere. „Das sind Totschlag-Argumente. Und selbst, wenn man den Stadel komplett entkernen dürfte, wären die Kosten viel zu hoch und die Mieten für die dann suboptimale Lösung zu gering.“ Immerhin seien die investitionswilligen Grundstückseigentümer – die Familien der beiden Bernbeurer Ignaz Keck und Richard Lerchenmüller – Privatleute. Hinterbrandners Vorschlag zur Güte an das Landes- und Landrats­amt: Den Neubau so zu gestalten, dass er sich bestmöglich ins sensible Ensemble einfüge. Doch der Bürgermeister weiß auch: „Momentan liegen die Positionen weit auseinander. Wenn sich jeder nur ein bisschen auf den anderen zubewegen will, wird es schwierig.“

Dieses Schild am Ortseingang macht auf die Hängepartie aufmerksam.

Keine leichte Aufgabe für die Entscheidungsträger. „Die können uns den Abriss natürlich verweigern, aber dann wollen wir schon endlich einmal wissen, was unseren Argumenten entgegensteht“, findet der Rathaus-Chef, der für den Falle einer Abfuhr weitere Schritte ankündigt. „Der Bauherr könnte gegen einen Bescheid Rechtsmittel einlegen und gegebenenfalls vor das Verwaltungsgericht ziehen“, erklärt Landratsamt-Pressesprecher Rehbehn. Strebten die Eigentümer das an, sichert Hinterbrandner die Unterstützung seiner Gemeinde zu. „Moralisch“ und „durch das Zur-Verfügung-Stellen unserer Vorleistungen“. Habe sich das Verwaltungsgericht tatsächlich mit der Causa Schnitzer-Stadel zu befassen, gibt sich der Bürgermeister optimistisch. Auch im Landtag wolle er dann vorstellig werden. „Wir haben einiges in petto.“

Denn der Leidensdruck in Hinblick auf die Nahversorgung sei in Bernbeuren kein kleiner. „Um einen attraktiven Ort zu bewahren, braucht es eine entsprechende Infrastruktur.“ Die einzige Alternative zum Schnitzer-Areal sei die grüne Wiese am Ortsrand. „Aber ein großflächiger Aldi, Lidl, Netto oder Rewe – das ist genau das, was wir eigentlich nicht wollen.“

Zumal die Aussicht auf zwei geschützte aber ungenutzte Baudenkmäler Hinterbrandner wenig reizvoll scheint. „Da kommt dann ein Bauzaun drumherum, die Gebäude verfallen und wir haben zwei Ruinen mitten im Dorf.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass sich wieder eine Nutzung für die alte Gaststätte fände, sinke von Jahr zu Jahr. Dabei sei eine Wiederbelebung seitens des Eigentümers laut Hinterbrandner durchaus angedacht – aber eben nur, wenn der „Ballast“ Stadel wegfalle.

Dass die kleine Einkaufsmöglichkeit, die die Gemeinde als Interimslösung realisiert und die zeitnah eröffnen soll, eine Dauerlösung sein könnte, schließt das Gemeinde-Oberhaupt aus. „Das ist eine ganze Spur kleiner als ein richtiger Dorfladen, außerdem bräuchten wir dann eine andere Betriebsstruktur“, sagt Hinterbrandner über das Geschäft, das die Gemeinde in den Räumlichkeiten der ehemaligen Bäckerei Heiligensetzer betreiben wird. Chef Karl Heiligensetzer hatte sein Unternehmen im Mai mit einigem Gepolter geschlossen und seinen Ärger über die geplante Feneberg-Ansiedlung per Aushang kund getan: „Nachdem unser Bürgermeister und unsere Gemeinderäte anscheinend nichts anderes mehr im Kopf haben als den letzten Ladengeschäften die Existenzgrundlage zu entziehen, sehe ich mich leider gezwungen mein Geschäft zu schließen. Vielen Dank dafür!!!“ Schnee von gestern, nun tritt der ehemalige Bäcker als Vermieter für die von Feneberg belieferte Einkaufsmöglichkeit auf.

Demo schafft Rückenwind

„Der Freitag hat gezeigt, dass fast die ganze Bevölkerung für den Neubau ist. Wieso müssen wir uns dafür rechtfertigen, dass wird das Beste für uns selber wollen?“, fragt Hinterbrandner, der sich eine Spitze in Richtung Landesamt nicht verkneifen kann: Bernbeuren sei ein Ort mit vielen liebevoll hergerichteten Baudenkmälern. Die Kosten für die laufende Sanierung der Auerberg­kirche stiegen „ins Siebenstellige“. „Bisher 5.000 Euro vom Landkreis, vom Landesamt hat man noch gar nix gehört. Da leisten die Gemeinde und die Bürger mehr.“

ras

Auch interessant

Meistgelesen

Weniger Deich, mehr Wildnis für die Ammer
Weniger Deich, mehr Wildnis für die Ammer
In großen Schritten zum Dorfladen
In großen Schritten zum Dorfladen
Von Urnen, Stelen und Bäumen
Von Urnen, Stelen und Bäumen
Kopfstoß statt Faustschlag
Kopfstoß statt Faustschlag

Kommentare