Neue generalistische Ausbildung bewährt sich

Chancen für die Pflegeschule

Pflegeschule Schongau Bölt
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Der neue Schulleiter Bernhard Bölt, Rebekka Orterer und Julian Grünfelder – beide im ersten Schuljahr – und Lehrer Thomas Schäfer gaben Einblicke, vor welchen Herausforderungen und Möglichkeiten die Pflegeschule am Schongauer Krankenhaus gerade steht.
  • vonRasso Schorer
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Schongau – Es gibt Felder, auf denen Corona und seine Begleiterscheinungen unmittelbare Auswirkungen entfalten: Schule und Pflege sind zwei Beispiele. An der Berufsfachschule für Pflege am Schongauer Krankenhaus treffen beide Bereiche aufeinander. Bernhard Bölt, seit 1. Januar dieses Jahres Schulleiter, und sein Stellvertreter Thomas Schäfer blicken auf das aktuelle Geschehen, das von zwei Größen geprägt ist: die Einschränkungen im Unterricht und die ersten Monate der neuen generalistischen Ausbildung. 

Corona hatte im Frühjahr 2020 starke Auswirkungen auf den Betrieb und jetzt seit Herbst wieder. In kürzester Zeit musste die Pflegeschule von Präsenz- auf Distanzunterricht umstellen. So schildert es Krankenhaus-Sprecherin Isa Berndt.

Anfangs, Mitte März, waren die Ausmaße der Pandemie kaum abzuschätzen. Drei Wochen lang fand damals überhaupt kein Unterricht statt. Weil ein Patientenansturm am Krankenhaus befürchtet wurde, wurden Pflegelehrer und -schüler als Unterstützung auf die Stationen verteilt.

Dann bildeten sich zwei Erkenntnisse heraus, erinnert sich Pflegeschulleiter Bölt: „Das dauert noch länger“ und „man kann die Ausbildung nicht einfach unterbrechen“. Umstellungen waren und sind gefordert.

Im Sommerloch, das Corona gewährte, gingen die Examen in der Pflegefachhilfe, Gesundheits- und Krankenpflege über die Bühne. Dann folgte zum 1. August der Start der neuen Klasse in der Pflegefachhilfe und zum 1. September die neue dreijährige generalistische Ausbildung zur Pflegefachfrau beziehungsweise zum -mann.

Diese befähigt zur Pflege von Menschen in allen Bereichen – Patienten auf Station im Krankenhaus, Kindern oder Alten – und setzt die Basis für spätere Spezialisierungen, erklärt Berndt. Für die Schule bedeutete dies: Neue Ausbildungsinhalte, neuer Lehrplan, neue Lehrkräfte, neue Räumlichkeiten und zusätzlich startete die neue Ausbildung mit einem zweiten Kurs – also 40 statt 20 Auszubildenden. „Ein Kraftakt für uns alle“, erklärt Bölt.

Der nächste folgte auf dem Fuße: „Die zweite Corona-Welle hat uns voll erwischt“, blickt der Schulleiter zurück. Wieder Distanzunterricht, wieder eine komplette Umstellung. Jeder Schüler wurde mit einem Tablet ausgestattet, der Unterricht läuft via Zoom.

Praxis fehlt

Die Pflegeausbildung lebe aber nun mal von Praxis, schränkt Schäfer ein. Mit dem Üben unter Anleitung durch einen Lehrer falle ein großer Schwerpunkt weg, so der Lehrer. Natürlich sei es schade, wenn der Thrombose-Wickelverband lediglich theoretisch erklärt, dann aber nicht umgehend erprobt wird, bedauert Rebekka Orterer. „Aber ich lasse mir das dann in der Arbeit vom Praxisanleiter zeigen.“ So hält es auch Julian Grünfelder, der wie Orterer im September seine Ausbildung begann. Dass die Pflegeschule schon vor einiger Zeit Praxisanleiter abstellte, die sich komplett um die Schüler kümmern, komme ihr jetzt zugute, ist Bölt überzeugt.

Dennoch, so Berndt: Distanz­unterricht ist Frontalunterricht und methodisch eingeschränkt, er ist nicht so flexibel und persönlich, Stimmungen können nicht gut wahrgenommen werden, Rückmeldungen sind reduzierter. Die Lehrkräfte kompensieren das durch vermehrte Telefonate oder Mails, verteilen Arbeitsaufträge, üben die Betreuungsfunktion anders aus.

Die Schüler scheuen vor der auferlegten Selbstständigkeit nicht zurück, erklärt Bölt. Zu einer erhöhten Abbrecherquote führen die erschwerenden Umstände nicht, diese sei genauso niedrig wie in allen Jahren zuvor. „Es kann ja keiner was dafür, die Schule macht das sehr gut und gibt sich sehr viel Mühe“, lobt Orterer. Grünfelder bestätigt das.

Wichtige Kompetenz

Ebenso wie der Schulleiter und sein Stellvertreter gewinnen aber auch die beiden Auszubildenden der Situation etwas gutes ab. Für die Schüler sei viel Führung und Struktur, Disziplin und Selbstorganisation vonnöten; „das lernen sie jetzt“, sagt Bölt, „Eigenverantwortlichkeit, Kreativität und Durchhalten sind in Coronazeiten gefragt“.

Der Online-Unterricht befähige dazu zwangsläufig, weiß auch Schäfer. Die Selbsterarbeitung wird zu Normalität. „Und in der neuen Ausbildung ist sie eh ein Schwerpunkt.“

Denn diese rücke den Erwerb von Kompetenzen gegenüber dem Erlernen von Inhalten in den Vordergrund. Zuvor, als Kinder-, Alten- und Krankenpflege separat liefen, „haben wir nur fürs Krankenhaus ausgebildet“, erinnert Bölt. Wie der Schulleiter, so befürwortet auch Schäfer das neue erweiterte Spektrum. Die generalistische Ausbildung sei gut für die Schüler, die erst Eindrücke sammeln und sich dann überlegen, in welche Richtung sie ihren beruflichen Werdegang vorantreiben wollen. Die ganze Fülle an Inhalten lasse sich im Unterricht nicht vermitteln. „Aber ein Leitfaden und das Wissen, wo etwas nachzuschauen ist“, schildert Schäfer. Überhaupt erkenne er positive Entwicklungen.

Steigender Stellenwert

Im Bewusstsein der Bevölkerung sei der hohe Stellenwert der Pflege mittlerweile angekommen. Auch die neue Ausbildung und der Umstand, dass Pflege nun in Vollzeit studiert werden kann, verleihen mehr Wertigkeit: „Pflege hatte immer den Touch, die Assistenz des Arztes zu sein“, so Schäfer. Nun emanzipiere sich die Pflege in ihrem Kompetenzbereich.

In ihrer Ausbildung fühlen sie sich jedenfalls genau richtig aufgehoben, schildern Orterer und Grünfelder. Erstere fand über ein FSJ den Weg in den Beruf. Zweiterem kam im Sommer 2020, damals in Kurzarbeit in einem gänzlich anderen Beruf, die Erkenntnis: „Ich flacke gerade rum, während andere sich den Allerwertesten abarbeiten – das kann es nicht sein.“ Einig sind sich beide: Ihre Tätigkeit in einem spannenden Umfeld gebe ihnen viel zurück.

Solche Eindrücke seien es, die auch künftig für neue Azubis sorgen, sind sich Bölt und Schäfer sicher. Rund 80 Prozent finden über Mundpropaganda ihren Weg zur Anmeldung, die restlichen 20 über das Internet. Dass Ausbildungsmessen oder Tage der offenen Tür derzeit ausfallen oder online stattfinden, falle daher nicht allzu sehr ins Gewicht. „Für den Landkreis Weilheim-Schongau ist es wichtig und existenzsichernd für seine Krankenhäuser eine eigene Pflegeschule zu haben“, fasst Berndt zusammen.

Info: Thema Abschlussfahrt

Die zweitägige Abschlussfahrt der Pflegeschule nach Berlin, wo die Infektionszahlen im Vergleich mit dem heimischen Landkreis höher waren, war nach dem Corona-Ausbruch im Herbst im Schongauer Krankenhaus in der Kritik gestanden. Dass sich das Virus so verbreitete, wies die Klinik damals entschieden zurück. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Abschlussfahrt ursächlich für den Corona-Ausbruch im Schongauer Haus war, hielt Sprecherin Susanne Heintzmann für „äußerst gering“.

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