Schongaus City-Manager Martin Soyka über sein erstes Jahr in der Lechstadt

"Die Stadt steht nicht schlecht da"

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City-Manager und Wirtschaftsförder Martin Sokya in seinem Büro im dritten Stock des Schongauer Rathauses. Mehr Nähe zur Altstadt geht nicht.

Schongau – Vor knapp einem Jahr hat Martin Soyka seine Stelle als City-Manager und Wirtschaftsförderer für die Stadt Schongau angetreten. In der Öffentlichkeit ist er seitdem wenig in Erscheinung getreten. Der KREISBOTE sprach mit dem Diplom-Geografen über überzogene Erwartungshaltungen, die zu lösenden Probleme der Altstadt und warum eine Fußgängerzone am Marienplatz vielleicht doch Sinn machen würde.

Herr Soyka, Sie wohnen seit Oktober 2013 in Schongau. Haben Sie sich eingelebt? 

Soyka: „Ich denk’ schon. Natürlich muss man am Anfang erst einmal ankommen, muss sehen, wie die Stadt tickt. Aber mittlerweile weiß ich, wer was zu sagen hat.“ 

Was gefällt Ihnen besonders an der Lechstadt? 

Soyka: „Sie ist eine sehr sinnliche Stadt, in der man wunderbare Entdeckungen machen kann, die urbanes Ambiente mit ländlicher Idylle verbindet. Das ist eine Kombination, die man nicht so häufig antrifft. 

Hand aufs Herz: Was gefällt Ihnen weniger gut? 

Soyka: „Nicht gefallen ist ein zu harter Ausdruck. Teilweise war ich erstaunt über die Vehemenz mancher Diskussionen. Veränderungen sind einem gewissen Reifeprozess unterworfen, aber nicht per se schlecht. Man muss allerdings der Perspektive Raum geben, auch mal größere Lösungen zu verfolgen und letztendlich umzusetzen. " 

München, Hamburg, zuletzt Wien: Ihre bisherigen Stationen lagen immer in großen Metropolen. Was war für Sie die größte Umstellung? 

Soyka: „Es war weniger der Kontrast zwischen Großstadt und ländlichem Raum, sondern vielmehr die politische Komponente der Stelle. Das habe ich zu einem gewissen Teil unterschätzt. Für mich war das völlig neu, in der Privatwirtschaft, in denen ich vorher tätig war, haben politische Prozesse keine Rolle gespielt. Daran musste ich mich erst einmal gewöhnen.“ 

In der Öffentlichkeit sind Sie im vergangenen Jahr wenig in Erscheinung getreten. Können Sie nachvollziehen, dass manche sagen, das Geld für Ihre Stelle hätte sich die Stadt sparen können? 

Soyka: „Ich kann teilweise verstehen, dass die Leute so denken. Man nimmt ja nur das wahr, was man auch tatsächlich sieht. Also wenn etwa Bagger rollen oder ein neues Geschäft irgendwo eröffnet. Die ganze Vorarbeit sehen die Leute nicht. Wirtschaftsförderung beinhaltet viele Facetten, mit denen man nicht ständig an die Öffentlichkeit gehen kann. Es bedeutet auch nicht nur eine Stelle zu schaffen, es geht vor allem um eine Denkweise, eine mentale Einstellung, an der sich mein Handeln orientiert. Strukturen schaffen dauert Jahre, das habe ich schon bei meinem Amtsantritt gesagt.“ 

Damals waren Sie für viele der Heilsbringer. 

Soyka: „Die öffentliche Erwartungshaltung war unglaublich. Viele haben gedacht, da kommt jetzt einer, der die Altstadt in zwei Jahren zum Erblühen bringt. Das war angesichts der strukturellen Rahmenbedingungen unrealistisch. Dazu kam, dass der politische Wechsel schon absehbar war. Ich hatte kein Budget, der Haushalt 2014 ist erst vor kurzem verabschiedet worden. Das sind nicht gerade die besten Voraussetzungen.“ 

Zumal Sie sozusagen erstmal Pionierarbeit leisten mussten. 

Soyka: „Richtig. Die Stelle gab es vorher ja nicht. Da müssen auch verwaltungsintern erstmal Grundlagen geschaffen werden. Damit haben andere Städte, mit denen Schongau immer gern verglichen wird, vor zehn Jahren angefangen. Da müssen Strukturen und Prozesse überdacht und teilweise überarbeitet werden. Das geht nicht von heute auf morgen.“ 

Wirtschaftsförderung bedeutet auch, sich mit den Firmen vor Ort ins Benehmen zu setzen und ihre Anliegen zu erfahren. Wie viele haben Sie bereits abgeklappert? 

Soyka: „Bei den großen Unternehmen wie Hörbiger, Hirschvogel oder UPM war ich selbstverständlich vor Ort. Außerdem habe ich alle Unternehmen mit mehr als drei Beschäftigten, sofern das zu eruieren war, angeschrieben und zu ihrer aktuellen Situation befragt. Der Datenbestand in dieser Richtung war nur sehr marginal vorhanden.“ 

Was sind die größten Nöte und Sorgen der Firmen? 

Soyka: „Die Standortbedingungen erachten viele als gut. Häufig wiederkehrende Themen betrafen die überregionale Anbindung, die Breitbandversorgung und die Fachkräfte. Im Klartext: Die Stadt steht gar nicht so schlecht da, wie sie häufig gemacht wird.“ 

Erläutern Sie das genauer. 

Soyka: „Wir haben eine hervorragende Infrastruktur und breite Wirtschaftsstrukturen, viele Handwerksbetriebe. Wir sind im Gegensatz zu anderen Orten nicht abhängig von einem Arbeitgeber oder einer Branche. Nach Penzberg hat Schongau im Landkreis die höchste Einpendlerquote. Die Umsätze im Vergleich zur vorhandenen Kaufkraft sind überdurchschnittlich hoch.“ 

Dazu passt aber die immer wieder geäußerte Kritik nicht, dass in Schongau Stillstand herrscht und nichts vorangeht. 

Soyka: „Stimmt. Das Bild von Schongau in der Öffentlichkeit wird jedoch – leider muss man sagen – stark von der einzelhändlerischen Ausstrahlung der Altstadt bestimmt und hier gibt es tatsächlich einige Probleme, die gelöst werden müssen.“ 

Eines davon ist der große Leerstand. Wie kommt es, dass es immer weniger Einzelhändler in der Altstadt gibt? 

Soyka: „Das ist ja nicht über Nacht entstanden. Man hat über die Jahre ein Fachmarktzentrum in Schongau West mit zentrenrelevanten Sortimenten entwickelt, ohne die möglichen Folgen für die Altstadt zu bedenken. Damals wurde anscheinend eher befürchtet, dass ein großer Player in der Innenstadt dem dortigen Einzelhandel schaden würde. Diese Entwicklung jetzt umzukehren, ist schwer. Das Fachmarktzentrum ist ja präsent und in den täglichen Aktionsradien der Menschen fest verankert.“ 

Wie schwierig es ist, einen bekannten Namen, einen Magneten in die Altstadt zu bekommen, zeigt sich am Gonizianer-Haus. 

Soyka: „Die Verhandlungen sind tatsächlich nicht leicht. Das gilt nicht nur für dieses Objekt, sondern auch für andere Gebäude. Nehmen Sie nur einmal den ehemaligen Gasthof Sonne. Allein um die Brandschutzvorschriften mit dem Denkmalschutz zu vereinbaren ist ein Riesenaufwand. Da will kein Investor in Vorleistung gehen. Deshalb beabsichtigt die Stadt jetzt, den Vorgang mit einer städtebaulichen Feinuntersuchung zu beschleunigen, damit alle Aspekte auf den Tisch kommen. Das kostet natürlich nochmal Zeit.“ 

Das klingt alles wenig ermutigend. 

Soyka: „Es ist schwierig, keine Frage. Wir haben meiner Meinung nach einen attraktiven Einzelhandel in der Altstadt, der in Bezug auf das eine oder andere Sortiment sinnvoll ergänzt werden kann. Aber was die Leute in der Altstadt vor allem machen können, ist eine urbane Erfahrung. Am Besten müssen wir dahin kommen, dass die Leute die Altstadt besuchen, ohne etwas Spezifisches erledigen zu wollen. Dafür brauchen wir auch eine höhere Aufenthaltsqualität. Öffentliche Dienstleistungen wie Bibliothek oder Volkshochschule gehören möglichst zurück ins Zentrum, genau wie ein Lebensmittler.“ 

Um letzteren hat sich auch Klaus Kirstein für das Gonizianer-Haus bemüht, bislang ohne Erfolg. Ein Hinderungsgrund für die großen Ketten: Es mangelt an Parkplätzen vor der Tür. 

Soyka: „Zu erst einmal: Ein Lebensmittelgeschäft würde viel Leben in die Altstadt bringen und auch die Versorgung der dortigen Bewohner verbessern. Parkplätze sind tatsächlich ein Knackpunkt, an dem wir gerade arbeiten. Ich finde, es lohnt sich auch über ein genossenschaftliches Modell nachzudenken. Ein Bürgermarkt, bei dem Bürger Anteile zeichnen und sich so beteiligen, hätte sicher eine hohe Akzeptanz.“ 

Sie sprechen außerdem von höherer Aufenthaltsqualität. Halten Sie den Entschluss des Stadtrats, den Marienplatz im Rahmen der Kanalsanierung so wiederherzustellen wie zuvor, für falsch? 

Soyka: „Der Beschluss wurde ja so gefasst, weil man sich für die Zukunft nichts verbauen wollte. Insofern ist das nachvollziehbar. Eine Dauerlösung ist er so tatsächlich nicht. Gleiches gilt für die Münz- und Weinstraße, da laufen ja gerade die Planungen für den Umbau. Meiner Meinung nach muss auch über das Thema Fußgängerzone neu gesprochen werden. Gerade bekannte Namen, die sich für eine 1a-Lage am Marienplatz interessieren, haben in Gesprächen ganz klar gesagt, dass eine Fußgängerzone Voraussetzung für eine Ansiedlung sei.“ 

Welche Rolle spielt das Integrierte städtebauliche Entwicklungskonzept (ISEK), das die Stadt in Auftrag geben möchte? 

Soyka: „Das ist Voraussetzung dafür, dass man Wirkungszusammenhänge beurteilen kann. Es bindet zudem die Bürger in Entscheidungen mit ein, was die Akzeptanz fördert. Es ist ganz wichtig, dass wir hier zu einer Schongauer Großfamilie werden. Die Zeiten, wo man strukturpolitische Entscheidungen ohne umfangreiche Bürgerbeteiligung treffen kann, sind vorbei.“ 

Welche Projekte stehen neben dem ISEK für das nächste Jahr ganz oben auf Ihrer Liste? 

Soyka: „Grundsätzlich liegt der Fokus natürlich darauf, die handelsspezifische Ausstrahlung in der Altstadt zu verbessern, Flächenentwicklungen sind hier ein wichtiges Thema. Aber auch flankierende Angebote mit einer breiten gesellschaftlichen Orientierung, wie sie etwa im Münzgebäude möglich sind, stehen auf der Tagesordnung. Dann gilt es, die Standortbedingungen der ansässigen Unternehmen individuell zu optimieren. Die anstehende intensivere interkommunale Kooperation mit Peiting und Altenstadt liefert zusätzliches Potenzial bei der gewerblichen Entwicklung, der Mobilität oder der naturräumlichen Erschließung und Vermarktung. Nicht zuletzt sollten vernetzende Angebote in einer zeitgemäßen Internetpräsenz präsentiert werden." 

Braucht es, um die Altstadt zu beleben, auch mehr Veranstaltungen und Feste? 

Soyka: „Es gibt bereits viele gute Ansätze und auch sehr lohnenswerte Events in Schongau. Diese sind einer stetigen Veränderung unterworfen und können inhaltlich ergänzt und weiterentwickelt werden. Da ist auch die neue Gruppe „Schongau belebt“ eine gute Sache. Hier entstehen viele Ideen, findet Vernetzung statt, wird positives Miteinander in die Öffentlichkeit getragen. Bei allem darf man aber nicht vergessen: Derlei Aktivitäten ändern nichts an der Struktur.“ 

Der französische Markt, den Sie im Mai nach Schongau geholt hatten, hat Ihnen viel Kritik eingebracht. Baustellen-Flair am Marienplatz, kaum Besucher. 

Soyka: „Das ist meiner Meinung nach viel zu hoch gehängt worden. Es war ein fertiges Konzept, bei dem ich schauen wollte, wie es läuft. Sicher waren die Rahmenbedingungen schlecht. Aber der Veranstalter wollte unbedingt auf den Marienplatz und die Stadt hat das Ganze nichts gekostet. Fürs nächste Mal weiß ich, dass es wohl mehr Sinn macht, so ein Konzept innerhalb lokaler Strukturen aufzuziehen. Ich habe dennoch auch positive Rückmeldungen für den Markt erhalten. Wenn man Neues ausprobiert, besteht immer die Möglichkeit, dass etwas nicht so ankommt. Das muss möglich sein, sonst kann man es gleich sein lassen." 

Ihr Vertrag bei der Stadt ist auf zwei Jahre befristet. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass Schongau auch 2015 Ihr Arbeitgeber sein wird? 

Soyka: „Darüber denke ich gar nicht nach. Für mich steht die fachliche Perspektive nach wie vor im Vordergrund. Strukturelle Defizite lassen sich ohnehin nicht innerhalb eines kurzfristigen Zeitraumes beheben. Wirtschaftsförderung ist eine dauerhafte Aufgabe und die Herausforderungen hier sind sehr vielfältig.

Das Interview führte Christoph Peters

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