CSU-Ortsvorsitzender Kellermann im Interview

Strauß-Vorwürfe: "Typisch für den Spiegel"

+
Franz Josef Strauß (li.) mit seinem Nachfolger als Schongauer Landrat, Dr. Gustav Hilger.

Schongau – Es sei typisch für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, dass es kurz vor dem 100. Geburtstag von Franz Josef Strauß über die Existenz einer Briefkastenfirma und über Schmiergelder aus der Wirtschaft berichte. Diese Ansicht vertritt der Schongauer CSU-Ortsvorsitzende Dr. Oliver Kellermann. Im Interview mit dem Kreisboten nimmt Kellermann (41) den Begriff „Beraterverträge“ in den Mund. Von Korruption könne aber keine Rede sein, erklärt der Vorsitzende der Schongauer CSU, die vier Wochen nach der städtischen Gedenkfeier Anfang Oktober eine eigene Kranzniederlegung vor der Statue am Schlossplatz vornimmt.

Zum 100. Geburtstag von Franz Josef Strauß will die Schongauer CSU das Gedenken „in würdigem Rahmen“ ausrichten, wie es in der Einladung heißt. Das Gedenken an einen Politiker, der sich laut Magazin „Der Spiegel“ über Jahre mittels einer Briefkastenfirma von Unternehmen schmieren ließ? 

Kellermann: „Dass diese Briefkastenfirma Eureco existiert hat, ist unumstritten. Aber es war nie ein Fall von Korruption. Dies konnte Franz Josef Strauß nie nachgewiesen werden. Es waren Beraterverträge, bei denen auch hohe Beträge geflossen sind. So was gibt’s auch in der heutigen Zeit – nennen wir nur den Namen von Ex-Kanzler Gerhard Schröder. Es ist typisch für den Spiegel, dass der Vorwurf der Bestechlichkeit rechtzeitig zum 100. Geburtstag aufgekocht wird. Wir wissen ja, dass der frühere Spiegel-Herausgeber Augstein und Strauß Intimfeinde waren.“ 

Es gibt Politiker-Stimmen, die aufgrund der Berichte über die aus der Wirtschaft an Strauß geflossenen Gelder gar eine Umbenennung des Franz-Josef-Strauß-Flughafens für richtig halten. Was sagen Sie dazu – und: Kann der Name Franz-Josef-Strauß-Kaserne für die Bundeswehr in Altenstadt beibehalten werden? 

Kellermann:„Das ist völlig aus der Luft gegriffen. Franz Josef Strauß hat als bayerischer Ministerpräsident viel für den Freistaat und die Landeshauptstadt bewirkt. Das gleiche trifft zu für die Bundeswehr in Altenstadt und für unsere Region; er war Flakoffizier, Landrat in Schongau, Verteidigungsminister in Bonn und direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Weilheim für den Bundestag von 1949 bis 1978. Die Forderung nach einer Umbenennung ist daher völlig überzogen.“ 

Wie ist das zu verstehen: Die Schongauer CSU macht Anfang Oktober eine eigene Gedenkfeier, und die Stadt Schongau lädt Anfang September schon zu einer Kranzniederlegung am Schlossplatz ein.


Kellermann: „Das hat damit zu tun, dass der 100. Geburtstag am Sonntag, 6. September, noch in den Ferien liegt. Deswegen sind viele unserer Mitglieder mit ihren Familien noch im Urlaub. Wie etwa unser Fraktionsvorsitzender Michael Eberle, Vorstandsmitglied Kornelia Funke oder meine Person. Die Stadt, sprich Bürgermeister Sluyterman, wollte aber eine Würdigung mit Kranzniederlegung genau am Geburtstag an der Statue vor dem Landratsamt haben. Wir hätten es gern kombiniert. Doch die Stadt wollte den Termin wahren, und wir sind aufgrund der Ferienzeit stark ausgedünnt.“ 

Heißt dies, dass die Gedenkfeier der Stadt ohne die Christsozialen stattfindet? 

Kellermann: „Nein. Es werden schon auch Stadträte, frühere Stadträte und Mitglieder des Ortsverbandes anwesend sein.“ 

Bürgermeister Sluyterman ist im Urlaub. Die Schale der Stadt wird am 6. September wohl sein Stellvertreter Tobias Kalbitzer von der Alternativen Liste Schongau niederlegen. Also ein junger Stadtrat aus dem linken Spektrum. Da werden CSU-Gefolgsleute und Strauß-Verehrer aber mächtig die Nase rümpfen! 

Kellermann:„Wir sehen das ganz neutral. Wenn der Bürgermeister selber zeitlich verhindert ist, dann ist dessen Vertreter dran. Damit können wir umgehen.“

Sehen das auch die alten Haudegen in der CSU so? 

Kellermann: „Ich denke, die kommen damit genauso klar, als wenn ein SPD-Bürgermeister die Ehrung vornimmt. Deswegen wegzubleiben, wäre ein falsches Signal. Grundsätzlich sehe ich es als richtiges Zeichen, dass die Stadt Schongau ihren ersten Landrat nach dem Krieg ehrt. Ich finde es jedenfalls gut.“ 

Haben Sie Franz Josef Strauß selbst noch auf einer Veranstaltung erlebt? 

Kellermann: „Ich kenne ihn nur aus Fernsehen, Radio, Zeitungen und Büchern. Ich war 24 Jahre, als er im Herbst 1988 verstarb. Damals war ich auch noch nicht CSU-Mitglied und politisch nicht engagiert. Das war während meines Studiums.“ 

Wenn Sie an Franz Josef Strauß denken: Was von diesem Vollblutpolitiker geht Ihnen in der heutigen Zeit ab?

Kellermann: „Sein zielstrebiges Verhalten und sein Durchsetzungsvermögen. Auch die Bereitschaft, immer klar Stellung zu beziehen und niemandem nach dem Mund zu reden. Er war ein begnadeter Rhetoriker. Er konnte die Leute mitreißen wie kein anderer.“ 

Und was vermissen Sie von seinen Eigenschaften auf gar keinen Fall? 

Kellermann: „Mag manch einer dem Strauß seine Wutausbrüche übel nehmen – das gibt’s auch in der heutigen Zeit. Auch Politiker sind Menschen und sollen ihre Gefühle zeigen – in allen Facetten. Meinetwegen bis hin zu Wutausbrüchen. Das streitbare Fernsehinterview im Heute-Journal zwischen SPD-Chef Sigmar Gabriel und Moderatorin Marietta Slomka ist erst wenige Monate her. Ich bin kein Freund von Sigmar Gabriel. Aber in diesem Streitgespräch kann ich sogar als eingefleischter Christsozialer dessen Wutausbruch gut verstehen. Solche scharfzüngigen und spannungsgeladenen Interviews waren bei Strauß ja fast an der Tagesordnung.“

Interview: Johannes Jais

Auch interessant

Meistgelesen

Erst 2020 barrierefrei
Erst 2020 barrierefrei
Schnittpunkt zwischen Gleis und Straße
Schnittpunkt zwischen Gleis und Straße
Digitale Ergänzung kommt an
Digitale Ergänzung kommt an
Das Pizzakarton-Problem
Das Pizzakarton-Problem

Kommentare