Zur Flussüberquerung Glocke läuten:

Die alte Seilfähre über den Lech bei Hohenfurch

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Das alte Flussbett des Lechs bei Hohenfurch vor dem Bau der Staustufe 8. Eingezeichnet die geplante Staustufe, das Wohnhaus, der Brennofen und die Seilfähre sowie der alte und der neue Weg (ab 1941) zum Lech.

Hohenfurch – Wie umtriebig die Hohenfurcher Großfamilie Schmid beziehungsweise Schilcher Ende des 19. und bis Mitte des 20. Jahrhunderts war, um auf ihrem Hof außerhalb Hohenfurchs ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, hat der ehemalige Gymnasiallehrer Peter Schratt bereits in der Vorwoche an dieser Stelle nachgezeichnet. Neben dem Kalkbrennen gehörten auch Fährdienste über den Lech zu ihren Nebentätigkeiten.

Die Quellenlage zur Hohenfurcher Seilfähre am Lech ist zwar eher dürftig. Genauere Daten finden sich nur verstreut in mehreren Aufzeichnungen, einiges lässt sich indirekt aus dem spärlichen Material erschließen. Wichtig ist aber eine Gerichtsakte aus dem Jahr 1910: Dabei geht es um eine Schadensersatzklage Georg Schilchers, der 1907 die Hofstelle mit Fährrecht zusammen mit seiner Frau Maria übertragen bekommen hatte. Er forderte Entschädigung von der Kinsauer Papierfabrik Hegge.

Diese hatte 1906 einen neuen und höheren Triebwerkskanal sowie ein neues Wehr gebaut, um genügend Wasser für die neue Turbine zu erhalten. In Schilchers Augen führte das in strengen Wintern zu einem Eisrückstau, der bis Hohenfurch reichte und den Fährbetrieb erheblich störte. Dabei ging die Seilfähre zu Bruch.

Strenger Winter mit Folgen

Der Birkländer Pfarrer Andreas Schneller berichtete für den Januar 1909 von einer „außerordentlich großen Eisanstauung, sodass die Eisblöcke zerklüftet und in Schluchten an den Ufern bis zu 3 Metern in die Höhe ragten. Die Eisansammlung hat noch weit über die Fähre des Klägers hinaufgeragt“.

Auch Martin Ritter, Landwirt und Jäger aus Hohenfurch, gibt zu Protokoll: Im Winter 1909 „schoben sich die Eismassen an den Ufern bei der Fähre ganz grenzenlos aufeinander, sodass sie 2 bis 2 ½ Meter Höhe und ½ Kilometer in der Länge und beinahe 40 Meter Breite erreichten.“ Für den Verlust der Fähre erhielt Schilcher 40 Mark zuzüglich einer nicht näher bezifferten Summe für entgangene Fähreinnahmen in den vorherigen Wintern.

Xaver Schrimp, Flussmeister im Straßen- und Flussbauamt Weilheim, wohnhaft in Schongau, erinnerte sich 1910: „Früher ist man , wo jetzt die strittige Fähre ist, mit dem Stechruder übergefahren.“ Also mit einem Ruderboot. Etwa um 1890 errichtete Schilchers Schwiegervater, der Bauer und Kalkbrenner Johann Schmid, eine Seilfähre an der engsten Stelle des Lechs.

Etwa 1941: Der Bauernhof im Hintergrund, hinten rechts die Kalkbrennerkapelle. Im Vordergrund links die Wohnbaracken und Dienstgebäude der Baufirmen der Lechstaustufe 8.

Dazu wurde beidseitig je ein Fundament für das Spannseil gesetzt, das in größerer Höhe über den Fluss führte, ohne den Floßverkehr zu stören. Das Fährboot hing mit einem kurzen Seil an einer Rolle, die im langen Stahlseil beweglich eingehängt war. Durch geschicktes Betätigen des Ruders stellte man das Boot etwas schräg in die Strömung. Dadurch wurde ein Vortrieb Richtung anderes Ufer erzeugt, das man dann ohne großen Kraftaufwand und – ohne abgetrieben zu werden– relativ schnell erreichen konnte. Die kleine Insel oder Sandbank, die man dabei zuerst erreichte, war wohl mit einer Art Steg mit dem festen Ufer verbunden, damit man den Lech trockenen Fußes überqueren konnte.

Für 10 Pfennige

Für eine Überfahrt zahlte der Fahrgast 10 Pfennige, was einem heutigen Wert von etwa 60 bis 70 Cent entsprechen dürfte. Wer die Fähre von Hohenfurch aus in Anspruch nehmen wollte, konnte sich über die Glocke der Kalkbrenner-Kapelle bemerkbar machen, die von 1892 bis 1895 ungefähr 100 Meter westlich des Hofes an einer Quelle erbaut worden war. Auf der anderen Seite des Flusses wird sich wohl auch eine Glocke befunden haben.

Die für die Überquerung des Lechs so wichtige Seilfähre fiel 1910 einem verheerenden Hochwasser zum Opfer. Davon berichtet Sebastian Brömauer, Landwirt aus Hohenfurch. Sein Vater, der 1895 geborene Sebastian Brömauer, habe ihm des öfteren davon erzählt. Lediglich einen Teil des Fundaments habe er als Jugendlicher in den 1930er Jahren noch am Lechufer auf Hohenfurcher Seite vorgefunden. Ähnlich erging es auch dem Sägewerk beim Greißl an der Schönachmündung, rund 500 Meter oberhalb, das ebenfalls fortgespült wurde. Fundamente davon sind heute noch an der Schönachmündung erkennbar.

Danach gab es dann nur noch wenige Überfahrten, meist mit normalem Ruderboot, wobei auch private Boote, wie das selbst gebaute Faltboot von Paul Schratt, zum Einsatz kamen. Ein späterer Besitzer des Kalkbrenner-Anwesens, Johann Ertl, schrieb dazu in einem Brief an das Amtsgericht Schongau von 1966: „Das Fährgeschäft wurde nach dem 1. Weltkrieg aufgegeben“. Und obwohl faktisch keine Fähre mehr bestand, vertrat er vehement die Auffassung, dass dieses urkundlich erwähnte Recht mit dem Haus Nr. 84 ½ fest verbunden sei und „dass das Recht auf Überfahrt noch nicht gegenstandslos ist“. Auch der jetzige Besitzer des ehemaligen Kalkbrennerhofes, der Bildhauer Egon Stöckle, geht davon aus, dass ein eingetragenes Fährrecht noch existiert.

Dank des Verfassers

„Bedanken möchte ich mich für wertvolle Informationen bei Herrn Sebastian Brömauer ( geboren 1924), der sich als Kind und Jugendlicher oft am Lech aufhielt und mehrfach mit einem Boot übersetzte, um seine Verwandten in Birkland zu besuchen. Mein Dank gilt auch Herrn Stöckle, der mich zu diesem Aufsatz anregte und mir die Prozessakte und andere Schriftstücke zur Auswertung zur Verfügung stellte.“

Peter Schratt

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