Mehr Pakete denn je

Der Weihnachts-Retter

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Beim Einräumen verlässt sich Jochen Bader (44) auf sein „Tetris-Talent“. Ordnung ist geboten, gerade in der Weihnachtszeit, wenn rund 350 Pakete in die Ablageregale seines DHL-Trucks passen sollen.

Schongau – Millionenfach rumpeln sie quer durch Deutschland. Von Süden nach Norden, von Westen nach Osten und umgekehrt: Päckchen und Pakete, die als Weihnachtsgeschenke unter dem Christbaum landen werden. Mitunter lange im Vorfeld geordert, teils als Retter der häuslichen Harmonie auf den letzten Drücker bestellt und mit bangem Blick sehnlichst erwartet, trudeln sie an den Wohnungstüren der Bundesrepublik ein. Auch in Schongau. Der Kreisbote hat einige dieser Päckchen auf den letzten Metern ihrer weiten Reise begleitet.

Hierfür wurde das Wort „Hochbetrieb“ erfunden: Seite an Seite stehen die gelben DHL-Trucks auf dem großen Parkplatz auf der Rückseite des alten Postgebäudes in der Schongauer Bahnhofstraße. Die Ladetüren sind weit geöffnet, ununterbrochen steigen Männer hinein, verräumen Kartons in Ablageregale, werfen einen prüfenden Blick auf ihre tragbaren Scanner und beginnen von vorn. Es ist 8 Uhr morgens, leichter Nieselregen tropft aus einem wolkenverhangenen Himmel. Ob die Sonne heute überhaupt noch aufgeht – der Blick nach oben verrät es nicht. Ein hoher Rollbehälter fährt laut ratternd über den groben Asphalt. Er bringt noch mehr Pakete, die ein DHL-Subunternehmer gerade eben in einem großen LKW angeliefert hat. Nachschub für Jochen Bader.

„Jedes Jahr werden es durchschnittlich sechs, sieben, acht Prozent mehr an Päckchen, irgendwann sollte doch Schluss sein“, sagt er. Er muss es wissen. Bader, 44 Jahre alt, leicht gerötete Wangen und blitzend grau-blaue Augen, arbeitet seit 28 Jahren als Postler. Sein Haar ist dunkelblond – kurz auf dem Kopf, stoppelig im Gesicht. „Früher war es ein krasses Gefühl, als ich das erste Mal 200 Päckchen eingeladen habe. Jetzt bin ich froh, wenn es an manchen Tagen weniger sind.“ Heute sind es nicht weniger. Heute sind es 350. Weihnachten steht vor der Tür und die Ladefläche des Trucks füllt sich.

Fünf statt wie sonst drei Laster werden an diesem Tag in Schongau unterwegs sein, um der Massen an Sendungen Herr zu werden. „Diese Woche ist die schlimmste, die Leute bestellen alles auf den letzten Drücker.“ Das gehe manchmal gut, „aber manchmal kommst dir schon komisch vor, wenn du am 27. noch ein in Weihnachtspapier verpacktes Geschenk auslieferst“.

Auch die Packstation quillt derweil über, zwölf Sendungen müssen umgelenkt werden. „Das gibt es nur an Weihnachten“, seufzt Bader. Ein Lkw-Fahrer läuft unverständlich schimpfend vorbei. Er muss weiter, es geht ihm nicht schnell genug. „Hier lernst du auf allen Sprachen zu fluchen“, witzelt Bader, die Zigarette locker im Mundwinkel. Er arbeitet zügig, der Stress um ihn herum scheint kaum auf den Schongauer abzufärben. Ordentlich räumt er die Regale weiter ein. „Mia san mia“ steht auf einer roten Schachtel, die ihren Platz auf der Ablage findet. Irgendein Fanartikel des FC Bayern wird in Kürze, ausgehändigt von 1860-Anhänger Bader, sein Ziel erreichen und in wenigen Tagen unter dem Christbaum landen.

„Kriege so einiges mit“

Doch nicht alle Pakete sind Weihnachtsgeschenke. Ein großer Stoß Reisekataloge ist ebenso an Bord wie mehrere grüne Kartons „Exotic Chips“. „Die gehen an den Weltladen“, ist sich Bader sicher, ohne die Empfängeradresse überhaupt gelesen zu haben. Auch für die Gewissheit, dass er heute noch einen 30-Kilo-Sack Hundefutter in den ersten Stock eines Hauses schleppen wird, reicht ein kurzer Blick auf die unscheinbare braune Verpackung. Wohin eine blau-weiß gestreifte Schachtel mit dem roten Aufdruck „Killerkirsche“ gehen wird – für Bader sonnenklar.

Überhaupt: „Ich kriege so einiges mit. Wahrscheinlich mehr, als die Leute denken.“ Im Alter von 16 Jahren hat Bader seine Ausbildung bei der Post angefangen, seit rund 14 Jahren ist die neun Kilometer lange Route durch die Altstadt sein Revier. In zwei reine Paket- sowie vier Verbundbezirke, in denen der Postbote sowohl Pakete, als auch Briefe bringt, ist Schongau aufgeteilt.

Manches schnappt Bader auf seiner Tour unfreiwillig auf. Wenn hinter verschlossenen Türen lautstark die Fetzen fliegen, zum Beispiel. Oder sich die Spuren durchzechter Nächte in den Gesichtern spärlich bekleideter Kundschaft spiegeln. „Du kommst überall hin. In meiner Zeit in München bin ich mit dem Paket durch die Rinderhälften im Schlachthof getigert oder dem Gustl Bayrhammer durch die Aufnahme marschiert.“

Die grünen Kartons voller Exotic Chips haben ihren Weg in den Schongauer Weltladen gefunden.

Andere Dinge werden wiederum an Bader herangetragen. Der Paketmann ist ein gefragter Gesprächs- und Ratschpartner. „Was habe ich davon, wenn ich mir einen Stress mache? Dann komme ich eine halbe Stunde früher heim, bin aber völlig erledigt.“ Um 6.50 Uhr hat der heutige Arbeitstag begonnen, gegen 15 Uhr wird Schluss sein. Er nehme sich die Zeit für Plaudereien gerne. Wenn ein Senior Kriegserlebnisse schildert, die keines seiner Kinder hören mag, zum Beispiel. Das wird honoriert. Mit vielen seiner Kunden ist Bader per du, gerade jetzt, zur Weihnachtszeit, ist hin und wieder eine kleine Aufmerksamkeit drin. Eine Nascherei – meist von den Jüngeren – hier, ein Trinkgeld – oft von den Älteren – dort. „Durchschnittlich hole ich mir damit die fünf Euro für meine täglichen Zigaretten wieder rein“, freut sich Bader. „Du bekommst natürlich mehr, wenn du etwas für die Leute tust.“ Das hat er sich auf die Fahnen geschrieben. „Die alten, gelernten Postler wie ich sterben aus, es kommen ja keine nach.“ In den großen Städten arbeite die DHL bereits mit Subunternehmern zusammen, Preis- und Zeitdruck inklusive. Der herrsche auch bei der Konkurrenz wie DPD oder Hermes, über die der verheiratete Vater einer Tochter manchmal nur den Kopf schüttelt. „Die steigen doch teils mit den schweren Paketen die Treppen gar nimmer rauf, sondern legen dir das Zeug einfach vor die Tür oder hinterlassen einen unleserlichen Wisch.“

Triebfeder Internet

In seinen 28 Berufsjahren hat Bader so einige Entwicklungen miterlebt. Das Aufkommen des Internetversandhandels, zum Beispiel, der seit gut fünf Jahren stark angezogen habe. „Das ist bei uns lange nur dahingeplätschert.“ Amazon sei ein spürbarer Faktor, auf geschätzt jedem fünften Päckchen prangt der Schriftzug des US-Giganten. „Mittlerweile merkst du genau: Am Wochenende, gerade wenn das Wetter schlecht ist, hocken sich die Leute vor den Computer und fangen das Shoppen an.“ Bisher sei es montags immer etwas lockerer zugegangen. „Seit Amazon sein Lager in Graben hat, hat sich das erledigt.“ Dafür verschwanden Quelle oder Neckermann.

Verschwunden war eines Tages auch ein Paket, das Bader zustellen sollte. Das bisher einzige Mal, dass ihm derlei Missgeschick passiert ist. Kurz hatte er die Lieferung unbeaufsichtigt gelassen, schon schlug ein diebischer Langfinger zu. Die Beute: Elektro-Bedarf und ein Kilo Pfeffer. Es blieb eine der wenigen unschönen Erfahrungen.

Wie lange er seinem Beruf noch nachgeht, weiß der Paketmann nicht. „Bis 67 wohl kaum. Meine größeren Wehwehchen kommen zwar vom Handball, aber du merkst das Kreuz schon.“ Er kenne einige Kollegen, denen das Wuchten und vor allem das ständige Ein- und Aussteigen zu schaffen machen. Doch auch, wenn der Job manchmal an den Reserven zehre – Bader macht ihn gern: „Anfangs war es nicht mein Traumberuf.“ Aber er ist es geworden. „Ich bin mein eigener Herr. Ich habe mein Pensum, das muss ich abarbeiten. Wie ich das mache, ist mir überlassen.“ Gelassenheit ist angesagt. Auch mit 350 Päckchen im Laderaum. Auch in der „schlimmsten Woche“, der Woche vor Weihnachten.

Rasso Schorer

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