Das tägliche Quantum

Diskussion im Brauhaus zum Thema Rassismus allgemein und im Landkreis

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Rabbiner Steven Langnas, Pfarrer Jost Hermann, Stadträtin Teresa Subiabre-Haseitl, Moderator Morten Faust, zweite Bürgermeisterin Daniela Puzzovio (v. links) und Hava Sirin vom türkischen Elternvereins Schongau-Peiting bei ihrem Brauhausgespräch.

Schongau – Rassismus lässt sich jeden Tag antreffen. Denn auch wer glaubt, nicht rassistisch zu handeln, kann seine Mitmenschen diskriminieren. Das wurde beim dritten Stammtisch im Schongauer Brauhaus deutlich, zu dem Moderator Morten Faust unter anderem die zweite Bürgermeisterin der Stadt, Daniela Puzzovio, und den Münchner Rabbiner Steven Langnas begrüßte.

Seit Wochen bewegen Proteste und Demonstrationen, unter anderem der sogenannten Black-Lives-Matter-Bewegung, die USA. Ausgelöst hatte sie das tödliche Ende einer Verhaftung. Der ehemalige FDP-Bundespolitiker Klaus Breil, als Stammtisch-Zuschauer gefragt, machte seinem Unmut über Donald Trump Luft, indem er ihn als „unsäglichen Präsidenten“ bezeichnete. Nun also griff Morten Faust, mit einiger Verzögerung, die BLM-Diskussion auf. Allerdings mit veränderten Vorzeichen.

Über eine gute Stunde versuchte der Weilheimer, der alle Menschen mit dunkler Hautfarbe gleich zur Begrüßung als „Schwarze“ bezeichnete – auch darüber ließe sich diskutieren –, mit seinen Gästen zu definieren, was wir, vor allem in Deutschland, unter Rassismus verstehen. Dabei pflegte er gleich auch die Angst vor dem Fremden (Xenophobie) und Ausländer- sowie Fremdenfeindlichkeit mit ein. Auch Antisemitismus sei ein Teil davon. Vor allem wollte Faust wissen, wie sich die Problematik im Landkreis manifestiere und was man dagegen tun könne.

Dazu hatte er neben der Vorsitzenden des türkischen Elternvereins Schongau-Peiting Hava Sirin auch die grüne Stadträtin Teresa Subiabre-Haseitl, Referentin für Soziales und Inte­gration, und den evangelischen Pastor Jost Herrmann eingeladen. In Vertretung des ersten Bürgermeisters begrüßte Faust die ALS-Stadträtin und zweite Bürgermeisterin Daniela Puzzovio, selbst Kind einer Einwandererfamilie, sowie den in den USA geborenen Rabbiner Steven Langnas aus der Israelitischen Kultusgemeinde in München. Dort hatte erst kürzlich der Angriff arabischer Jugendlicher auf einen Gemeinderabbiner für Aufsehen gesorgt.

"Importierter Rassismus"

Im Folgenden arbeitete sich der Moderator vom Rassenbegriff über die Hautfarbe als sichtbares Element des Unterschiedes vor zur aktuellen Situation in Deutschland, die Steven Langnas als „unschön“ bezeichnete. Er habe München als multikulturelle Stadt kennengelernt, deren Motto „leben und leben lassen“ gewesen sei.

Seit 22 Jahren in der Landeshauptstadt lebend beschrieb Langnas, der in New York und Jerusalem studiert hatte und einen Lehrauftrag an der Ludwig-Maximilians-Universität hat, München als harmonisch. „Das hat sich vor einem Jahr geändert.“ Seitdem sei die Situation, insbesondere für Juden, die offen die Kippa, also die traditionelle Kopfbedeckung der männlichen Juden, tragen, schlimmer geworden. Man müsse nun aufpassen, so Langnas, da insbesondere der alltägliche Rassismus zunehme.

Ein Rassismus, den Deutschland, wie Langnas zu bedenken gab, importiere. Nämlich aus Ländern, die zumeist der Politik Israels kritisch gegenüberstehen. Menschen hier vor Ort vermischten dann Politik und Miteinander und seien mehr oder weniger offen rassistisch gegen Juden in Deutschland eingestellt. Als Rabbiner kümmere er sich in seiner Gemeinde nicht um die Politik des jüdischen Staates. Warum aber würde man ihn dann mit den Ressentiments gegen Israel konfrontieren, wollte der belesene und eloquente Geistliche wissen. Man sollte doch die Probleme dort belassen, wo sie sind, befand Langnas. Aus seiner Sicht würden sich immer noch zu viele Mächte mit einmischen.

Ein Punkt, den Pfarrer Jost Herrmann so nicht stehen lassen wollte. Man müsse über die Politik Israels durchaus reden. Gerade die Religion als Hüterin der Moral sei hier in der Verantwortung.

Doch neben Rassismus, der die ethnische Herkunft anbelangt, gibt es auch einen strukturellen Rassismus, befand Faust, der bestimmte Mitmenschen im Job und der Karriere behindern würde. Während Daniela Puzzovio vor allem für Qualität vor Quote bei den sich Bewerbenden plädierte, forderte Jost Herrmann, dass auch im Landratsamt mehr Menschen mit Migrationshintergrund eingestellt werden müssten. Ähnlich wie in Afrika, wo er einige Zeit gelebt hatte und wo auch eine Quote dafür sorge, dass die schwarze Mehrheitsbevölkerung an Jobs herankommt.

Bildung gegen Unwissen

Ein Höhepunkt der Diskussion, zu dem auch Rabbi Langnas, der immer wieder mit Beispielen aus der Geschichte des jüdischen Volkes aufwarten konnte, eine besondere Meinung hatte. An der katholischen Fakultät der LMU München unterrichtet er vor allem die Lehramtsstudenten. Die künftigen Lehrer zu bilden, „ist der Schlüssel zu allem“, sagt Langnas und meint damit auch die Bildung der Kinder. 

gau

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