Tiergestützte Therapie in Herzogsägmühle

Gut für alle Beteiligten

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Ein ganzes Team begleitet den Klienten, während Haflingerdame Hexe brav ihre Runden durch die Sternstunden-Reithalle zieht.

Peiting – Therapeuten auf vier Hufen gibt es bereits seit rund 20 Jahren in Herzogsägmühle. Erst neulich hat die dortige Einrichtung eine Auszeichnung erhalten (s. Seite 9 unserer Samstagsausgabe). Der Kreisbote hat sich nun vor Ort selbst ein Bild von dieser besonderen Behandlungsform gemacht.

Gemächliches Hufgeklapper nähert sich der Sternstunden-Reithalle in Herzogsägmühle. Ein Mädchen sitzt auf dem Rücken eines mächtigen Kaltbluts. Eine Betreuerin führt das Pferd, sie kehren gerade von einem Spaziergang zurück. Vor der Halle ist ihr Ausritt und damit auch ihre Therapiestunde beendet. In der lichtdurchfluteten Reithalle wartet bereits der nächste Klient an der Bande. Hansi sitzt im Rollstuhl, leidet an schweren Spasmen, die auf eine Schädigung im Hirn zurückzuführen sind. Alle zwei Wochen darf er aufs Pferd. Beobachtet man ihn eine Weile, fragt man sich, wie das überhaupt gehen soll. Arme und Beine sind verkrampft, zucken unkontrolliert. Zusammengesunken sitzt er in dem elektrischen Rollstuhl.

Normalerweise beginnt eine Therapiestunde damit, dass der Klient das Pferd von der Weide holt und putzt, wie der Leiter der tiergestützten Therapie Tomasz Twardowski erklärt. „Aber Hansi drückt sich immer davor“, sagt er augenzwinkernd. Haflinger­dame Hexe wird in die Halle geführt. Mittlerweile ist sie zwanzig Jahre alt, „aber sie war schon immer freundlich und umgänglich“, weiß Twardowski, der die Stute schon seit dem Fohlenalter kennt. Für den heutigen Klienten ist Hexe genau das richtige Pferd. Ruhig, gelassen, gutmütig.

Und das muss sie auch sein. Auf der erhöhten Bande wird alles für den Aufstieg vorbereitet. Hexe weiß genau, was zu tun ist. Sie wird direkt unterhalb der Lücke in der Bande platziert. Drei Helfer packen oben mit an, drei unten.

Bäuchlings liegt Hexes Reiter schließlich auf dem Pferderücken und der Trupp setzt sich langsam in Bewegung. „Das Liegen hilft ihm, damit die Spastik sich lösen kann“, erklärt Twardowski. Nach ein paar Runden in dieser Position, richten die Helfer ihn auf. Ein Gurt zum Festhalten wird Hexe um den Bauch geschnallt. Auch ihr Reiter bekommt einen Gurt um den Bauch, damit die Begleiter – zwei auf jeder Seite – ihn sichern können. Insgesamt arbeiten sechs Therapeuten in Teilzeit hier. Dazu kommen zehn Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung sowie Bufdis und Praktikanten. „Das garantiert uns die Sicherheit und gibt uns ein Polster“, sagt der Leiter der Reittherapie.

Immer wieder stemmt der Reiter den Oberkörper hoch, die Anstrengung ist ihm ins Gesicht geschrieben. Er sinkt wieder zusammen, den Rücken gekrümmt. „Das ist wie bei einem Kind, das laufen lernt“, sagt Twardowski. „Nur durch Wiederholung lernt er es und Muskeln bauen sich auf.“ Die Bewegungen des Pferdes erzeugen zudem Bewegungen in der Hüfte und im Rücken des Reiters. Diese fehlen dem auf den Rollstuhl angewiesenen Patienten allerdings völlig und werden so simuliert. Nach einigen Runden ist er komplett erschöpft. Brav parkt Hexe wieder neben dem erhöhten Ausstieg ein. Hansi lehnt sich zurück bis er auf dem Pferderücken liegt. Ein paar Minuten bleibt er so.

Als ihr Reiter wieder in seinem Rollstuhl sitzt, folgt für Hexe die Lieblingsstelle der Reitstunde: Zur Belohnung gibt es ein paar Karotten. Danach darf sie wieder auf die Weide. Eine pferdegerechte Haltung ist Twardowski wichtig. Zwar habe man in Herzogsägmühle Boxenhaltung, tagsüber dürfen die Tiere aber raus. Er versuche dabei sogar, „flexibel auf die Pferdewünsche“ einzugehen, sagt der Leiter, „denn wenn ein Pferd schlechte Laune hat, arbeitet es nicht mehr mit.“ Da bekomme der Klient dann ganz schnell die kalte Schulter gezeigt.

Alle zwölf Pferde und Ponys, die in der tiergestützten Therapie in Herzogsägmühle arbeiten, haben eine Vorgeschichte – und meist keine schöne. Da ist beispielsweise ein junger Wallach, der sich zweijährig bei einem Unfall das komplette Bein zertrümmert hat. Er stand kurz vor der Einschläferung. Andere sind traumatisiert, kommen aus schlechter Haltung. „Die Pferde brauchen teilweise zwei Jahre, bis sie hier angekommen sind“, weiß Twardowski.

Nicht nur Personen mit körperlichen Beeinträchtigungen nutzen die tiergestützte Therapie, auch bei psychischen Problemen kommt sie zum Einsatz. Gerade Menschen mit einem Trauma oder anderen psychischen Problemen können zu einem ebenfalls traumatisierten Pferd eine gute Verbindung aufbauen. „Sie suchen sich meistens das richtige Pferd aus, mit dem sie sich identifizieren können“, weiß Twardowski. Wer Angst vor den großen Tieren hat, der hat in Herzog­sägmühle auch die Möglichkeit, mit einem der drei Mini-Shettys zu arbeiten. Nur weil es häufig Reittherapie genannt wird, reiten längst nicht alle. Es geht vielmehr um den Umgang mit dem Tier.

Nicht zuletzt empfindet Twardowski selbst seine Tätigkeit als extrem bereichernd. „Diese Arbeit relativiert die eigenen Probleme und stärkt das Selbstwertgefühl“, sagt er beim Rundgang über das Gelände – eine Therapie also für Patient und Pferd, aber auch für die Therapeuten selbst. 

asn

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