Eine Ortsgeschichte:

"Warum wir in Hohenpeißenberg anders ticken"

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Voll besetzt war der Mehrzweckraum vergangene Woche zum Vortrag „Warum wir in Hohenpeißenberg anders ticken“.

Hohenpeißenberg – Der Mehrzweckraum im Haus der Vereine war am Dienstag vergangener Woche bis auf den letzten Platz besetzt, als Rudi Hochenauer gegen 19.30 Uhr seinen Vortrag begann. Unter dem Titel „Warum wir in Hohenpeißenberg anders ticken – Kurzweilige Ortsgeschichte für Alteingesessene und Zugezogene“ nahm er seine Zuhörer mit auf eine Reise in die Geschichte des Bergbauortes.

Veranstaltet hatte den Vortrag der SPD Ortsverein Hohenpeißenberg. Nachdem der Vorsitzende Ulrich Wagner um 19 Uhr die Zuhörer begrüßt hatte und nach einer kurzen Vorstellungsrunde der Gemeinderatskandidaten der SPD begann Hochenauer mit seinem Vortrag. Sein Ziel war es dabei, „500 Jahre Ortsgeschichte in einer Stunde“ wiederzugeben – ein ambitioniertes Ziel, das zeitlich zwar nicht ganz erreicht wurde, aber jede Minute war hörenswert. Kurzweilig – und wie immer ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen – führte Hochenauer die Zuhörer durch die Geschichte des Ortes.

1840 hatte Hohenpeißenberg 305 Einwohner, im Jahr 1875 waren es schon 592. Der Berg­bau brachte dem Ort einen enormen Bevölkerungszuwachs. Durch das Bergwerk entwickelte sich ein Arbeiterort und weil das Bürgertum sich von den Arbeitern abgrenzen wollte, entstanden neue Arbeiter-Vereine, wie der Radsportverein „Solidarität“ oder der TSV. Um 1920 ist der Ort politisch geteilt und Bürgerliche, Arbeiter und Bauern stehen sich politisch gegenüber.

Aber eben diese 20er Jahre sind es, die, so Hochenauer, den Ort prägen. Die Bürgermeister in dieser Zeit waren Arbeiter und die Bürger am Ort waren politisch aktiv. Und auch nach der Gründung der NSDAP und des NSKK bleibt der Ort politisch rot und links. Und das ist es, was den Ort so besonders macht. Die Arbeiterschaft entwickelte in dieser Zeit ein eigenes Selbstverständnis. Im Bergwerk war es egal, welche Religion der Kumpel hatte oder woher er kam – es war nur entscheidend, wie man sich den Kameraden gegenüber verhielt. Verlässlichkeit und Vertrauen waren die Werte, die zählten. Auch nach Inkrafttreten des Ermächtigungsgesetzes war die Mehrheit der Arbeiter gegen das Regime. Anhand von historischen Dokumenten und Zeitzeugenberichten ließ Hochenauer die Zuhörer „aus erster Hand“ an den Geschehnissen teilhaben.

In den Jahren 1945 bis 1947 entstand dann, so Hochenauer, die „Märchensaga“: Die Menschen litten Hunger, die Berg­leute leisteten Sonderschichten. Die Amerikaner waren am Ort und auch im Bergbau und die Nazi-Funktionäre tauchten ab. Wie Hochenauer berichtet, wollte keiner etwas gehört, gesehen oder gewusst haben von den Gräueltaten der Nationalsozialisten.

Des Öfteren fühlte man sich an diesem Abend an das berühmte Bild der „drei Affen“ erinnert, die nichts hören, nichts sehen und nichts sagen. Hochenauer dazu sinngemäß: „Ich beschäftige mich schon so viele Jahre mit der Geschichte des Ortes und diese Zeit darf nicht vergessen werden. Wenn ich das Wissen nicht weitergebe, wer dann?“.

Dass die Gesellschaft sich insgesamt verändert, zeigte Hochenauer an folgendem Beispiel: Früher wurden die Peißenberger von den Hohenpeißenbergern „Bochramma“ genannt, also, diejenigen, die den Bach ausräumen. Den alteingesessenen Bürgern ist diese Bezeichnung durchaus noch geläufig. Heute würde solche Arbeiten – oder zum Beispiel auch das Kehren der Gehsteige oder das Wegräumen von (eigenem oder fremden) Müll von den Straßen – niemand mehr selbst machen. Die Leute „liegen lieber auf der Couch und glotzen in ihr Smartphone und warten darauf, dass der Bauhof das alles für sie erledigt“. Und so scheint das, was laut Hochenauer den Charakter der Hohenpeißenberger so anders „ticken“ lässt und seine Wurzeln im Bergbau und in den 1920er Jahren hat, langsam verloren zu gehen: Verlässlichkeit, Vertrauen und füreinander einstehen.

Der Vortrag endete gegen 21.30 Uhr. Dem begeisterten Publikum kündigte Hochenauer eine Fortsetzung seiner Ausführungen an. Begleitet wurde der Vortrag von Informationstafeln zu den Themen „Kirche“, „Berg­bau“ und „NS-Zeit“, die Hochenauer mit zahlreichen historischen Dokumenten bestückt hatte.

Wichtige Eckdaten aus der Ortsgeschichte

1514: Genehmigung für den Bau einer Kapelle auf dem Hohen Peißenberg. Vorher mussten die Gläubigen jeden Sonntag mindestens eine Stunde zu Fuß nach Peiting und auch wieder zurück gehen, um an der heiligen Messe teilzunehmen.1634: Die Pest kommt in Hohenpeißenberg an.

1719: Altar der Gnadenkapelle wird neu gestaltet. Die Holzarbeiten haben bis heute Bestand.

1781: Beginn der Wettermessungen. Seit damals, bis heute, werden täglich um 7 Uhr, um 14 Uhr und um 21 Uhr Wetterwerte gemessen.

1803: Nur durch glückliche Umstände entgeht die Kirche auf dem Berg der Säkularisation. Es herrschte ein Überangebot an kirchlichen Gütern, die veräußert werden sollen und der Weg zum Berg ist zu beschwerlich. So konnten Kirche, Pfarrhof und Turm der Säkularisation entgehen.

1818: Gründung der politischen Gemeinde.

1837: Beginn des Bergbaus am Hauptstollen.

1899: Gewerkschaft und Krankenunterstützungsverein werden gegründet.

1910: Gründung der SPD.

1928: Gründung der NSDAP.

1931: Gründung des NSKK (Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps). Hohenpeißenberg bleibt politisch weiterhin rot und links.

1932/33: Die NSDAP erringt keine Mehrheit im Ort.

1933: Ermächtigungsgesetz.

1945-1947: Entstehung der „Märchensaga“. Einquartierung von Flüchtlingen.

sl

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