Prinzip einer riesigen Obstpresse

Presswasservergärungsanlage in Erbenschwang ist in Betrieb

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Die neue Anlage kurz nach dem Start: links die Fermentertürme, wo Bakterien den „Saft“ zum Gären bringen, dahinter ist der Rührkessel, wo das Gas vom Wasser getrennt wird. Im Hintergrund die Gasblase, wo Energie für gut zwei Tage lagert. Im grünen Container mit den „Lüftern“ steht das Blockheizkraftwerk, wo das Gas verstromt und Wärme erzeugt wird.

Erbenschwang – Die Erbenschwanger Verwertungs- und Abfallentsorgungsgesellschaft mbH EVA hat die wohl größte „Obstpresse“ Deutschlands in Betrieb genommen – damit wurde die Funktionsweise der Presswasservergärungsanlage verglichen. Landrätin Andrea Jochner-Weiß startete mit einem Knopfdruck den Gasmotor. Die neue Anlage reduziert den nicht nutzbaren Restmüll weiter und produziert neben elektrischem Strom auch Wärme, die in Erbenschwang zur Trocknung der Ersatzbrennstoffe genutzt wird.

„Ganz einfach erklärt, diese Anlage ist wie eine Obstpresse. Der Restmüll wird mit Wasser vermischt und dann ausgepresst“. Einfacher als Holger Poczka kann man das Prinzip der Presswasservergärungsanlage, die vergangene Woche nach gut eineinhalb Jahren Bauzeit in Betrieb genommen wurde, wohl nicht beschreiben. Damit wird die Menge des nicht mehr verwertbaren Restmülls weiter reduziert, um gut ein Drittel von derzeit etwa 33.000 Tonnen, die jährlich in den Landkreisen Bad Tölz-Wolfratshausen und Weilheim Schongau anfallen.

Es seien diese 30 Prozent gewesen, so die Landrätin, die die EVA-Geschäftsführer nicht hätten ruhen lassen. Während gut 13.000 Tonnen zu den sogenannten Ersatzbrennstoffen, die etwa bei UPM genutzt werden, weiterverarbeitet werden, konnte man bislang ein Drittel der Menge – Kehricht, Abfälle wie Taschentücher etwa oder organische Materialien, die in den Restmülltonnen landen – nicht weiter aufspalten. So hätten Poczka und Fritz Raab nach Verfahren gesucht, die auch diesem Müll noch etwas Gutes abgewinnen können, meinte Jochner-Weiß und wären bei der Firma Sutco fündig geworden.

Eben jene Obstpresse, wie es Projektleiter und Raabs Stellvertreter Poczka so schön meinte. Wie Obst werde der mit Wasser versetzte Restmüll ausgepresst, der Saft vergoren, wobei das Gas im Blockheizkraftwerk verfeuert wird und Strom und Wärme erzeugt. Und der „Trester“, also das, was beim Obst nach dem Pressen übrig bleibt, kommt dann auf die Deponie.

Vor über zwei Jahren schon waren Raab und Poczka auf das im Prinzip einfache Verfahren gestoßen, das einer großen Biogasanlage ähnelt. Doch während beim Biogas nur Früchte beziehungsweise Mais etwa, verarbeitet werden, stellt der Restmüll mit seinen abrasiven – also abreibenden – Bestandteilen eine besondere Herausforderung dar. Auch deshalb bedurfte es einer Entschwefelungsanlage, die erst am Vortag vor der Segnung in Betrieb genommen worden war.

Im Sommer vergangenen Jahres war das Areal für die neuen Abfallbehandlungsanlage hinter der Müllsortierung planiert, schon im November dann waren die großen Reaktortanks geliefert worden, in denen Bakterien dafür sorgen, dass aus Müll ein Energieträger wird. Im Sommer dieses Jahres dann begann der Probebetrieb, wobei Poczka vor den versammelten Bürgermeistern der Nachbargemeinden, die unter anderem im Aufsichtsrat der Entsorgungs-GmbH engagiert sind, auf die Problematiken einging.

Die Anlage ist weltweit einmalig, auch deshalb gab es Zuschüsse vom Umweltbundesamt. Ein Wissenschaftler der Universität Rostock begleitet den Betrieb, regelmäßig werden Proben genommen. So hat allein die Größe der Siebmaschen einen Einfluss auf die Energiegewinnung. „Je gröber das Sieb, desto mehr Gas wird produziert“, so Poczka. Gleichzeitig aber werde die Anlage störanfälliger, denn je gröber die Bestandteile, desto eher können mechanische Teile, etwa die Pumpen, ausfallen. Man müsse eine Grenze ziehen zwischen den mechanischen Belangen und dem Gaspotenzial. Das sei nicht ganz einfach, sagte Poczka: „Das werden wir in den kommenden Wochen überprüfen müssen um den optimalen Punkt zu finden“.

Neben den abrasiven Bestandteilen des Mülls muss auch der aggressive Schwefelwasserstoff aus dem Gas entfernt werden, das in der großen Gasblase gelagert wird; dort sammelt sich Energie in Form von Gas für etwa zwei Tage.

Es ist diese Energiegewinnung, die neben der Reduzierung der Restmüllmenge die Anlage für die EVA-GmbH so attraktiv macht. Während man weniger Müll endgültig deponieren muss, erzeugt die Anlage einen Gutteil des Stroms, den man in Erbenschwang verbraucht, selbst. Gemeinsam mit den großen Photovoltaikanlagen soll das Blockheizkraftwerk bis zu 80 Prozent des in Erbenschwang benötigten Stroms produzieren, womit man jährlich bis zu 1,3 Millionen Kilogramm Kohlendioxid-Äquivalente vermeiden könne. Man werde so weitgehend unabhängig von externen Stromlieferungen.

Neben dem Strom wird auch die Abwärme des BHKWs genutzt, einerseits zum Beheizen der Verwaltungsgebäude, andererseits für die weitergehende Trocknung der Ersatzbrennstoffe, deren Brennwert steigt, je geringer die Restfeuchte ist. Auch andere Stoffe wie Schlämme könnten damit getrocknet werden, weiß Poczka.

Auch die im Bergischen Land beheimatete Sutco RecyclingTechnik beschreitet mit der neuen Anlage Neuland. Dabei, so der Geschäftsführer Norbert Gravel im Scherz, gebe es die Idealversion der Energiegewinnung ja schon in Form des Fluxkompensators. Jenes fiktive Geräte ist Hauptbestandteil der Zeitmaschine aus „Zurück in die Zukunft“ und wie man am Ende des ersten Teils erfährt, wird sie dank der künftigen Technik, mit Reststoffen aus der Mülltonne gespeist.

Diese „Tonnen stehen überall“, so Gravel. Und liefern, im Fall der EVA, über den Umweg mit Müllfahrzeug und der Presswasservergärung, die Energie für eine CO2-neutrale Zukunft. Man müsse aber, so Poczka, auch Risiken eingehen, wenn man die Energiewende schaffen wolle.

Diese Risikophase hat man in Erbenschwang bereits hinter sich, die Finanzierung, auch über den Gesellschafterrat ist gesichert und dank der Einmaligkeit des Projektes fließen Forschungsmittel. Derzeit sei man guter Dinge, so Raab, die geschätzten Baukosten von 4,2 Millionen Euro nicht zu überschreiten. 

gau

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