Ergebnisse zum Einzelhandelskonzept vorgestellt

Interessante Erkenntnisse

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Das wünschen sich die Schongauer für ihre Altstadt.

Schongau – Wie ist es um den Schongauer Einzelhandel bestellt? Wo kann und wo muss die Stadt ansetzen, um die künftige Entwicklung zu steuern? Fragen, auf die das Einzelhandelskonzept eine Antwort geben soll. Am Dienstag präsentierte das mit der Erstellung beauftragte Büro nun erste Ergebnisse der durchgeführten Untersuchungen. Die waren zum Teil durchaus überraschend.

Die erste Erkenntnis des Abends ließ sich an den leeren Plätzen im Ballenhaussaal ablesen. Nur rund drei Dutzend Bürger interessierten sich für die Vorstellung der Analyse-Ergebnisse – eine enttäuschende Anzahl. Dabei hätte der Vortrag von Manfred Heider mehr Zuhörer verdient gehabt, denn was der Experte für Einzelhandels- und Standortentwicklung mit seinem Team in den vergangenen Monaten an Daten und Fakten eruiert hatte, war in vielerlei Hinsicht aufschlussreich. Eine ähnliche Erhebung hatte es zuletzt 1998 gegeben.

Grundlage der Untersuchungen bildeten die Befragungen von Gewerbetreibenden und Bürgern, die die Fachleute im vergangenen Herbst durchgeführt hatten. Immerhin 65 von 160 angeschriebenen Geschäftsleuten beantworteten den Fragebogen – der Großteil aus der Altstadt. An der Haushaltsbefragung, die vor allem online ablief, beteiligten sich 269 Bürger. Zudem habe man 6 000 Kunden nach ihrem Wohnort befragt, um Aussagen über das Einzugsgebiet treffen zu können, erläuterte Heider. Auch die Struktur des städtischen Einzelhandels sowie des Dienstleistungs- und Gastronomieangebots wurde erfasst.

Die Stadt wächst

Bevor der Experte genauer auf die Resultate einging, griff er einige besondere Daten zur Entwicklung Schongaus heraus. Dazu zählte die positive Bevölkerungsprognose, welche der Lechstadt bis 2034 ein deutlich überdurchschnittliches Wachstum vorhersagt. Ebenfalls überdurchschnittlich sei das Arbeitsplatzangebot mit mehr Ein- als Auspendlern, was für einen wirtschaftsstarken Standort spreche, so Heider. Als auffällig bezeichnete er den hohen Anteil an produzierendem Gewerbe.

Struktur des Einzelhandels

Anschließend widmete sich der Fachmann im Detail dem Einzelhandel. Das Haupteinzugsgebiet liegt wenig überraschend vor allem westlich der Stadt, insgesamt zählen rund 48 000 Einwohner zur Kernregion. Mit 136 Millionen Euro liegt der Umsatz fast doppelt so hoch wie die Kaufkraft der Schongauer Bevölkerung. Interessant ist, dass von den 116 erfassten Einzelhändlern zwar fast die Hälfte ihr Geschäft in der Altstadt betreiben, auf sie aber nur zehn Prozent der Verkaufsfläche entfallen. Zum Vergleich: Im Schongauer Westen haben nur 37 Prozent der Einzelhändler ihren Sitz, verfügen aber über 80 Prozent der Verkaufsfläche. 

Insgesamt beläuft sich diese in Schongau auf knapp 60 000 Quadratmeter – eine Verdoppelung gegenüber 1998. Eine wichtige Erkenntnis, denn im bundesweiten Durchschnitt lag die Zunahme laut Heider in diesem Zeitraum nur bei 20 Prozent. Gerade für die Altstadt sei der rasante Wachstum eine Belastung gewesen, kommentierte er. „Wenn man diese Entwicklung sieht, versteht man die Probleme, die es hier gibt.“ Seit damals hat sich die Zahl der Einzelhändler in der Altstadt halbiert. Aktuell gibt es noch 53 Betriebe, dazu 78 gewerbliche Dienstleister und 25 Gastronomiebetriebe. Hinzu kommen 26 Leerstände, 1998 waren es elf.

Handlungsbedarf bei den Gebäuden

Unter die Lupe genommen haben Heider und sein Team auch, wie es um die Qualität der Geschäftsgebäude und der Läden in der Altstadt bestellt ist. Mehr als jede zehnte Immobilie fiel dabei negativ auf. „Gerade für eine historische Altstadt ist das ein hoher Anteil“, betonte Heider. „Da besteht dringender Handlungsbedarf.“ Bei der Befragung gab nur ein Drittel der Geschäftsinhaber an, auch Eigentümer des Gebäudes zu sein, in dem sich ihr Laden befindet – laut dem Experten ein geringer Wert. Über die Hälfte betreiben ihr Geschäft schon mehr als 20 Jahre am jetzigen Standort.

Düsterer Blick in die Zukunft

Die aktuelle Situation ihres Betriebs schätzen zwölf Prozent kritisch ein, jeder Fünfte sieht bange in die Zukunft. Allgemein nach dem Standort Schongau befragt, fällt das Ergebnis sogar noch düsterer aus. „Das ist ein Alarmsignal“, sagte Heider. Dazu passt, dass jeder zweite Gewerbetreibende über Betriebsprobleme klagt. Als Grund werden vor allem die geringe Kundenfrequenz (27 Prozent), aber auch die Einführung der Fußgängerzone und die fehlende Konkurrenz genannt (je 18 Prozent). Ebenfalls alarmierend: Fast jeder fünfte Inhaber spielt mit dem Gedanken, in den nächsten fünf Jahren aufzugeben. „Ein Nachfolger ist oft nicht in Sicht.“

Positiv überrascht hat Heider, dass drei Viertel der Betriebe in den letzten Jahren in Umbau oder Schulungen investierten. Ebenso, dass 86 Prozent im Internet vertreten sind und jeder Fünfte sogar einen Webshop betreibt.

Zum Einkaufen in die Altstadt

Interessante Details lieferte auch die Haushaltsbefragung. Demnach fahren 70 Prozent mit dem Auto zum Einkaufen. Überraschend: Das Einkaufen ist auch Anlass Nummer eins für den Besuch in der Altstadt. Generell wünschen sich die Befragten mehr Geschäfte (84 Prozent), besonders im Bereich Bekleidung. Das zeigt sich auch bei der Bewertung der Altstadt. Während Stadtbild, Erreichbarkeit und Sauberkeit am besten abschneiden, wird die mangelnde Auswahl im Einzelhandel kritisiert und die fehlende Möglichkeit für einen interessanten Einkaufsbummel beklagt. Auch die Öffnungszeiten der Läden schnitten schlecht ab. Bemerkenswert sei, betonte Heider, dass Bürger und Gewerbetreibende manche Punkte durchaus unterschiedlich wahrnehmen würden. So bewerten letztere Erreichbarkeit, Parkplatz- und Gastronomie-Angebot deutlich schlechter als die Kunden.

„Nicht kaputtreden“

Diese Differenzen griff auch Bürgermeister Falk Sluyterman in der anschließenden Diskussion auf. Gerade beim Thema Parken fühlte er sich in seiner Einschätzung bestätigt, dass die Klagen von Geschäftsleuten über zu wenig Stellplätze unbegründet seien. Er warnte vor dem Imageschaden, wenn solch unberechtigte Kritik in sozialen Netzwerken verbreitet werde. „Wir dürfen uns unsere Altstadt nicht kaputtreden und -schreiben.“ Hier gab es Applaus für den Rathauschef. Selbst Franz Köpf von der Werbegemeinschaft lobte das neue Parkraumkonzept, forderte aber, dass die Stadt mehr Werbung für die kostenlose Parkstunde machen müsse.

Viele Wortmeldungen gab es auch zu den Öffnungszeiten der Altstadt-Geschäfte. Dass ein Großteil mittags schließt und manche am Mittwochnachmittag gar nicht erst aufmachen, sei nicht mehr zeitgemäß, hieß es. Gleiches gelte für den Samstag, wenn ab mittags kaum noch ein Geschäft offen habe. Da steppe in Schongau West der Bär, sagte Sluyterman. „Das Leben hat sich geändert.“ Dem pflichtete auch Heider bei. Dass am Mittwochnachmittag die Geschäfte schließen, halte er für ein Relikt aus vergangenen Tagen. Dies könne man sich gegenüber dem Wettbewerb nicht leisten. Er zeigte allerdings Verständnis für die Inhaber kleinerer Geschäfte.

Deren Dilemma hatte zuvor Franz Köpf aufgezeigt, in dem er unter anderem auf die Kosten für zusätzliches Personal verwies. Ins gleiche Horn stieß auch René Repper. Der Vorsitzende des Handelsverbands und Inhaber eines Media-Geschäfts irritierte allerdings mit der Ankündigung, sowohl er als auch einige weitere Geschäftsleute würden derzeit überlegen, ebenfalls am Mittwochnachmittag nicht mehr zu öffnen. Das ging selbst Köpf zu weit: „Bevor wir mittwochs schließen, machen wir lieber mittags auf.“

Auch die vielen Leerstände in der Altstadt kamen zur Sprache und was die Stadt dagegen tun könne. Wirtschaftsförderin Yvonne Voigt berichtete von einem Treffen mit den Eigentümern, bei dem man mögliche Lösungsansätze besprochen habe – etwa die Reduzierung der Miete für die ersten Monate. Eine Subvention durch die Stadt, wie manch einer forderte, sei rechtlich nicht möglich, sagte Sluyterman. Dass alle leerstehenden Geschäftsräume wieder vermietet werden, sei angesichts der Entwicklung ohnehin illusorisch, sagte Heider, der mit einem weiteren Rückgang der Geschäfte rechnet. „Ziel muss es sein, dass zumindest die Hauptlagen besetzt bleiben.“

Christoph Peters

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