Erster (virtueller) Stammtisch im Schongauer Brauhaus:

Corona in der Region – Was können wir tun?

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Im Rund des Stammtisches hatten Morten Faust unter anderem Falk Slyuterman vorn rechts, Jost Herrmann (links davon), die Bierprinzessin Anna Bader und Thomas Sattelberger (hinten Mitte) eingeladen. Als Regisseurin agierte Sophia Albrecht (mit Maske).

Schongau – Stammtischgespräche, noch dazu mit politischem Hintergrund, haben eine lange Tradition. Diese fortführen und gleichzeitig eine neue begründet hat das Kulturteam Oberland e.V. mit dem ersten, teilweise noch virtuellen, Brauhaus-Stammtisch. Zu sehen ist die Corona bedingte Aufzeichnung auf YouTube, auch in der Diskussion von Morten Faust ging es um das Thema Corona im Pfaffenwinkel und was wir tun können.

Die durch das Coronavirus ausgelöste Atemwegserkrankung CoViD-19 betrifft, nicht zuletzt durch den Lockdown, den wir in Teilen immer noch erleben, alle Teile der Bevölkerung, jung wie alt, Arbeiter, Angestellte, Beamte und Rentner ebenso wie Mann oder Frau. Dabei sind die Probleme und Erfahrungen durchaus unterschiedlich, wie Morten Faust erfuhr, der als Moderator vier Gäste aus Politik und Religion, der jungen Bevölkerung und einen selbst erkrankten Senior begrüßen durfte. So hatte Faust, der für die FDP für das Amt des Landrats kandidiert hatte, seinen Fraktionskollegen und Bundestagsabgeordneten Thomas Sattelberger eingeladen, der selbst an CoViD-19 erkrankt war und von seinen Erfahrungen berichtete; ein Stimmungsbild, wie sehr die Pandemie und der Lockdown die Stadt Schongau getroffen hat, zeichnete Bürgermeister Falk Sluytermann und die, zur Zeit noch Schongauer Bierprinzessin Anna Bader schilderte die Sicht der Jugend als Betroffene. Last but not least steuerte auch der evangelische Pfarrer in Schongau, Jost Herrmann, seine Beobachtungen aus den vergangenen Wochen bei.

Eine gute Stunde dauerte der erste „Brauhaus Stammtisch“, zwischen Sudkesseln und TV-Kameras im Brauhaus. Durften vergangene Woche immerhin schon die Biergärten wieder öffnen, mussten sich die Veranstalter des Stammtisches etwas einfallen lassen, um das teils politische Gespräch den Gästen und Interessierten zu öffnen. So hatten sie den Zugang zum Biergarten geöffnet, der sich auch mit Beginn des Stammtischgesprächs gut gefüllt hatte; wo sonst aber mehrere Dutzende von Zuschauern der Diskussion folgen würden durften diesmal, coronabedingt nur ein gutes Dutzend Gäste Platz nehmen, mit gebührendem Abstand zu den anderen Gästen und den Diskutanten und verfolgten das Gespräch via Flatscreen und Lautsprecher. Ziel sei es, hatten die Initiatoren um Sophia Albrecht, der Vorsitzenden vom Kulturteam Oberland e.V., zuvor bekanntgegeben, der „alten Wirtshaustradition des Stammtisches nachzugehen“ und so auch in Zeiten des Lockdowns und der Beschränkungen durch Corona „einen Platz für bundes-, sowie kommunalpolitische Themen im Dialog zu finden“.

Man stehe vor neuen Herausforderungen, so hatte Morten Faust den Einstieg gewählt, nicht nur hinsichtlich einer möglichen zweiten Ansteckungswelle. Auch wie man die Einschränkungen im täglichen Leben, vor allem aber deren Lockerung jetzt angeht, war Thema der Diskussion. Und dabei war der Betriebswirt Sattelberger, der unter anderem für Daimler, Airbus und die Lufthansa gearbeitet hatte, ein kompetenter Gesprächspartner. Selbst zur Riskiogruppe der über 60-Jährigen gehörend, war Thomas Sattelberger nicht nur selbst an CoViD-19 erkrankt, sondern musste auch miterleben, wie seine „alte“ Mutter die Krise erlebte. Und Sattelberger beklagte, unter anderem auch in einem Video seines V-Logs, dass man neben Politikern und Virologen auch Psychologen, Krisenmanager und Ökonomen an der Diskussion über den Lockdown, also das Herunterfahren des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens, hätte beteiligen müssen. Um entsprechend den Lockdown, vor allem aber nun dessen Lockerung „datenbasiert“ und regional zu gestalten, wie Sattelbeger meinte. Kritisch ging er dabei unter anderem mit der Versorgungslage, etwa an Schutz­ausrüstung, in Deutschland ins Gericht. Die Unterversorgung über Wochen hinweg sei volkswirtschaftlich unmöglich, insbesondere, wenn man sich an 2003 zurückerinnere. Schon bei der damaligen SARS (Schweres Akutes Respiratorisches Syndrom)-Epidemie, die im Übrigen ihren Ausgang auch in der Volksrepublik China genommen hatte, habe etwas in der Luft gelegen. Doch der seinerzeit erarbeitete Notfallplan für die Bundesregierung sei auch diesmal nicht umgesetzt oder angewandt worden, bedauerte Sattelberger. Das müsse für die Zukunft sichergestellt werden, wenn man sich nun die Folgen von CoViD-19 ansehe, wo etwa den Selbstständigen Dreiviertel der Aufträge weggebrochen seien. Und neben der Gesundheit der Menschen, jungen wie alten, gelte es auch die Bürgerrechte sicherzustellen, so Sattelberger.

Persönlich betroffen von den Einschränkungen sind auch die Schongauer Bierprinzessin Anna Bader und Pfarrer Jost Hermann. Während für den Geistlichen Freizeitaktivitäten mit seiner Gemeinde flachfielen und Gottesdienste nur über Bildschirm möglich waren, verpasste die Ingenieurin für Lebensmitteltechnologie das Finale zur Wahl der bayerischen Bierkönigin. Die hätte im Mai stattfinden sollen, aufgrund der Beschränkungen einigte man sich letztlich darauf, dass alle Finalistinnen nächstes Jahr noch einmal gegeneinander antreten sollen und die amtierende Hoheit, Bierkönigin Vroni Ettstaller antreten. Selbst in einer Metzgerei tätig, betonte Bader, man könne keinesfalls die aktuellen Fälle in den Großschlachtereien mit dem lokal agierenden Betrieb, in dem sie arbeitet, vergleichen. Und während für Sattelbergers Mutter jeder Tag zählt, fehlte der Jugend, etwa Baders Geschwistern, der Verein und die Geselligkeit der Freunde.

Wie schwer es aber beispielsweise die Automobilzulieferindustrie getroffen hat, beantwortete Falk Slyuterman. So habe sich der, schon im vergangenen Jahr einsetzende Einbruch bei den Gewerbesteuern heuer fortgesetzt, sank der Anteil von prognostizierten zwölf Millionen Euro für 2019 auf da schon zehn Millionen und liegt in der Prognose für 2020 bei nur mehr sechs Millionen Euro. Unaufholbar seien auch die Verluste in der Gastronomie und Hotellerie, so Sluyterman. Probleme der „alten Industrie“ allerdings, die Sattelberger an Versäumnissen aus der Vergangenheit festmacht während etwa die Biotechbranche oder der IT-Bereich blühe und gedeihe. Es müsse jetzt darum gehen, sich der Digitalisierung, in der Verwaltung, der Medizin oder der Bildung, zu öffnen. Während man etwa in Bayern für Corona- Hilfen Formularstapel von 40 Zentimeter Höhe durcharbeiten müsse, lobte der FDP-Politiker das Welfengymnasium als vorbildlich in Sachen Digitalisierung aufgestellt. Doch es müsse klar sein, dass sich unsere Wirtschaftsstrukturen verändern werden. Es werde künftig beides nebeneinander geben, das reale Leben im Büro, Kirche und Schule und das digitale Home-Office oder Homeschooling am PC oder mit dem Smartphone.

Oliver Sommer

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