»Expedition Erdreich«

Vergrabene Teebeutel für die Forschung

Andreas Spengel Expedition Erdreich
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Voll im Wissenschaftsmodus: Andreas Spengel will seinen Garten aus einer neuen Perspektive kennenlernen.

Schönberg – „Schatz, ich hab‘ Teebeutel bestellt,“ informiert mich Andreas vor einigen Monaten. „Hm, ok“ war meine zerstreute Antwort. Mein Mann ist Teetrinker. Und er mag‘s halt einfach und bevorzugt Beutel statt losem Tee.

„Zum Vergraben im Garten,“ schiebt er erläuternd nach und grinst vielsagend. Das macht er gerne. Manchmal komme ich mir vor wie ein Hündchen, das zu Dressurzwecken mit Häppchen, in meinem Fall Informations-Häppchen, gefüttert wird, um eine gewisse Reaktion zu trainieren. Das gewiefte Herrchen weiß: Nie die ganzen Leckerli auf einmal hinwerfen!

„Oh!“ sage ich brav und ziehe erstaunt meine Augenbrauen hoch. Etwas verwirrtes Stirnrunzeln packe ich großzügig dazu. Obwohl ich zugeben muss: Jetzt hat er mich. Er ist jedenfalls nicht komplett abgedreht. Diesen verschmitzten Gesichtsausdruck kenne ich. Da ist was im Busch.

In großem Stil

Langsam kitzle ich es aus Andreas heraus. Es geht um ein europäisches Wissenschaftsprojekt, in dem mit Hilfe des – Achtung! – „Tea-Bag-Index“ in großem Stil Bodenbeschaffenheit und -qualität untersucht wird. In der Stadt, auf dem Land. Im Wald, auf Nutzflächen und in den heimischen Gärten. Um die Böden in Zukunft bestmöglich und vor allem nachhaltig zu nutzen, wollen die Wissenschaftler mehr über sie erfahren.

Dabei brauchen sie die Unterstützung von Bürgern, von groß bis klein, von jung bis alt. Das Ganze nennt sich Neudeutsch „Citizen Science“ (also bürgerwissenschaftliche) Aktion. Wir als leidenschaftliche Selfmade-Gärtner haben zudem die Chance, unsere private Scholle mal aus ganz anderer Perspektive kennenzulernen. Und an etwas ganz Großem mitzuwirken. Denn all die Daten fließen in einer europäischen Datenbank zusammen.

Doch erst mal ist Ernüchterung angesagt. Sämtliche Teebeutel für die „Expedition Erdreich“, so der offizielle Titel, sind längst vergriffen. Andreas ist zuerst ein bisschen enttäuscht, doch bald schöpft er Hoffnung. Denn es wird nachproduziert, wir sind in der zweiten Runde dabei.

Was uns (naja, zumindest mir) nicht klar war: Welch ein Aufwand hinter diesem Projekt steckt. Es wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Forschung im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2020/2021 Bioökonomie unterstützt und von Wissenschaftlern begleitet. Mit dabei sind das Bona-Res Zentrum für Bodenforschung, das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung und das IPN Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik.

»Sieht nach Arbeit aus«

Als schließlich das Päckchen – das Aktions-Kit! – eintrifft, sind wir schwer beeindruckt. Mir schwant, dass es sich nicht nur um ein paar Teebeutelchen handeln kann.

Neben buntem Infomaterial und exakten Arbeitsanweisungen zu den einzelnen Schritten finden wir ein Schäufelchen, eine Feinwaage, Teststreifen, Fähnchen, ein Fläschchen mit destilliertem Wasser und – natürlich die Teebeutel! Grüner Tee und Rooibos, von jeder Geschmacksrichtung sechs Stück. Oh, das sieht nach Arbeit aus. Mein Mann ist Feuer und Flamme.

Ich lasse ihn machen und widme mich dem Feinschnitt unserer Buchsbäume. Die erste Herausforderung für Andreas: die richtigen Versuchsfelder im Garten finden. Denn es geht nicht nur darum, Teebeutel in der Erde zu versenken. Oh nein! Das Areal von einem halben Quadratmeter Größe darf exakt 90 Tage lang nicht angefasst werden. Und das Ganze mal zwei. Denn es müssen zwei möglichst verschiedene Standorte sein.

Die Standortsuche

Nun bin ich wieder gefragt. Ich lege die Heckenschere beiseite. Wir grübeln. Im Vorgarten hatten wir einen kürzlich verschiedenen Sommerflieder ausgebuddelt. Das wäre doch was! Ach nein, da haben wir die Erde zu beherzt umgegraben.

Bestimmt ist das nicht repräsentativ genug. Wir müssen nämlich auch noch Bodentierchen zählen und die Durchwurzelung des Bodens bestimmen. Das ist an der Stelle doch etwas schwierig. Nicht, dass unsere miesen Daten den Erfolg des gesamten Forschungsprojekts vereiteln.

Stefanie Spengel nimmt die Kreisboten-Leser mit auf die »Expedition Erdreich«

Wir wählen schließlich als Sonnenplatz ein brachliegendes Gemüsebeet, aus dem sich tapfer ein paar grüne Stängel von im letzten Jahr vergessenen Kartoffeln herauskämpfen. In einer schattigen Ecke räumen wir zwischen einem etwas aus der Form geratenen Zwölffingerstrauch und Zierlauch eine Mulchschicht aus Lavasteinchen zur Seite. Standort 1 und Standort 2, so sagen es die Fähnchen, die wir mit wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit hissen. Perfekt! Die nächste Herausforderung: die Feinwaage. Wozu war die noch gleich?

Ach ja, die Teebeutel wollen vor Gebrauch gewogen werden. Und nach dem Ausbuddeln nochmal. Der Gewichtsunterschied zeigt, wie stark sich der Tee zersetzt hat, wie aktiv also unsere Minihelferlein im Gartenboden sind.

Das Dumme: Die Waage war beim Einschalten standardmäßig auf englische Ounces eingestellt (hätten wir uns denken können, ist ja schließlich ein „Citizen Science“ Projekt). Was wir erst nach dem Eingraben der Teebeutel in Standort 1 bemerkten. Man muss wissen, die Waage ist ziemlich klein. Und das Display ist noch kleiner. Und ab 40 geht‘s bergab mit der Sehschärfe. Ach herrje, ist unser Experiment vorbei, bevor es richtig losgeht?

Andreas lässt sich nicht beirren. Er ist voll im Wissenschaftsmodus und rechnet einfach die Unzen in Gramm um. Gut, dass er erst mal alles mit Bleistift eingetragen hatte. Schließlich prüft mein Mann noch den pH-Wert (8,0), die Beschaffenheit (lehmig) und Farbe der Erde (braun-dunkelbraun). Ich trimme derweil eins der Buchsbäumchen in eine etwas krumme Herzform.

In 90 Tagen

Dann ist es geschafft. Also fast, die Werte gibt Andreas in die Projekt-Datenbank ein. Dort sehen wir, es sind tatsächlich noch andere Interessierte aus der Region dabei! So, und in genau 90 Tagen geht es weiter.

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