Video-Reisezentrum am Schongauer Bahnhof

Fahrkarten-Auskunft per Videochat

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So sieht der virtuelle Schalter aus: Links der Bildschirm, über den mit dem Reiseberater per Videoübertragung kommunziert wird. Rechts der Fahrkartenautomat.

Schongau – Bereits im Sommer waren die Pläne publik geworden, dass die Deutsche Bahn den Fahrkartenschalter im Schongauer Bahnhof durch ein Video-Reisezentrum ersetzen will. Sowohl Bürgermeister als auch Stadtrat zeigten sich damals darüber wenig begeistert. In der Sitzung am Dienstag versuchten Vertreter der DB jetzt die Bedenken gegenüber der neuen Technik auszuräumen. Das gelang nicht bei allen Räten. Kommen wird der virtuelle Schalter wohl dennoch – voraussichtlich im ersten Halbjahr 2016.

 Eigentlich stand das Thema Video-Reisezentrum ganz vorne auf der Tagesordnung. Doch Bahn-Produktmanagerin Anja Stiebeling und ihr Vertriebs-Kollege Wolfgang Jakob mussten sich über eine Stunde gedulden, ehe ihnen Bürgermeister Falk Sluyterman das Wort erteilen konnte. Schuld war die Technik im Sitzungssaal, der Beamer streikte.

Das Stadtoberhaupt konnte sich angesichts der Verzögerung einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen. „Bei der Deutschen Bahn würde man jetzt 25 Prozent des Fahrpreises wiederbekommen“, sagte er augenzwinkernd und sorgte damit für Gelächter im Saal. Doch schnell wurde es ernst, als Stiebeling und Jakob präsentierten, was die Deutsche Bahn unter dem Ticketverkauf der Zukunft im Schongauer Bahnhof versteht.

Wie in vielen anderen Branchen hat auch bei der Deutschen Bahn das Online-Geschäft in den vergangenen Jahren rasant zugelegt. Jedes dritte Ticket werde mittlerweile über das Internet oder per Handy gekauft, sagte Jakob. Das heißt im Umkehrschluss, dass immer weniger Kunden die Ticketschalter an den Bahnhöfen nutzen.

In Schongau seien dies gerade einmal noch 50 pro Tag, betonte der DB-Vertreter. „Das sind nicht mehr viele.“ Bislang habe man mit wirtschaftlich gut laufenden Standorten die schwächeren mitfinanziert, doch das sei aufgrund des harten Wettbewerbs im Bahngeschäft auf Dauer nicht mehr möglich. Hinzu komme, dass man Probleme habe, überhaupt neues Personal für die kleinen Standorte zu finden, fügte Stiebeling hinzu. „Gerade von den Jüngeren will niemand mehr allein an einem Bahnhof arbeiten, wo alle zwei Stunden ein Zug hält oder einer nach der Toilette fragt.“

Das Problem lösen sollen die neuen Video-Reisezentren, die Bahn seit April 2013 bereits an 18 Standorten bundesweit eingeführt hat. Acht weitere sollen bis Ende des Jahres folgen. Mit einem kurzen Video erläuterte Stiebeling den Stadträten die Funktionsweise.

Dreh- und Angelpunkt sind zwei Monitore. Drückt der Kunde auf einen Knopf oder registriert ihn ein Bewegungsmelder, wird ein Reiseberater per Video zugeschaltet. Mit diesem könne der Kunde ganz normal sprechen und seine Wünsche vortragen, erklärte Stiebeling. Auf dem zweiten Bildschirm würden gleichzeitig zusätzliche Infos, etwa das ausgewählte Ticket, erscheinen.

Gezahlt wird am Ende entweder mit Bargeld oder Karte. Natürlich sei auch eine einfache Beratung möglich, „die kostet dann natürlich nichts“, fügte die Produktmanagerin hinzu. Die Rückmeldungen aus den Pilotgebieten seien durchwegs positiv, versicherte sie. Dies hätten mehrere Kundenbefragungen ergeben.

Länger offen

Größter Vorteil für Schongau wären die Öffnungszeiten. Aktuell ist der Ticketschalter nur 40 Stunden pro Woche geöffnet. Dadurch, dass in der im Aufbau befindlichen Zentrale des Video-Reisezentrums in Kempten drei Mitarbeiter in einem Team arbeiten werden, stehe der virtuelle Schalter 30 Stunden länger zur Verfügung, betonte Jakob.

Geöffnet wäre dieser dann auch am Wochenende und in den Mittag- und Abendstunden. Untergebracht werden soll die Kabine im bisherigen Nebenraum des Reisezentrums im Bahnhofsgebäude mit Zugang vom Bahnsteig.

„Mich hat das Konzept überzeugt“, stellte Friedrich Zeller fest. Zwar sei man bisher gut beraten worden, doch „die eingeschränkten Öffnungszeiten sind schon ein großer Nachteil“. Mit dieser Meinung stand der SPD-Stadtrat nicht allein.

Eine große Sorge im Gremium war jedoch, dass gerade ältere Menschen mit der neuen Technik nicht zurechtkommen könnten. Stiebeling verwies darauf, dass das Gespräch mit dem Berater nicht anders ablaufe als bisher, nur mit dem Unterschied, dass dieser nun am Monitor erscheine und nicht mehr vor Ort sitze. Außerdem lasse sich die Lautstärke bei Bedarf durch den Bahnmitarbeiter anpassen. „Der Kunde muss nichts tun außer am Ende zu zahlen.“

Gar als „idiotensicher“ bezeichnete Bettina Buresch das System. Die ALS-Stadträtin hatte sich im Sommer gemeinsam mit Paul Huber (CSU) nach Nördlingen aufgemacht, wo die Bahn bereits ein Video-Reisezentrum betreibt.

Mit Technik habe sie nicht viel am Hut, dementsprechend groß seien die Vorbehalte gewesen, sagte sie. „Aber ich war positiv überrascht. Man versteht alles, kann alle Fragen stellen. In dieser Hinsicht kann ich die älteren Leute beruhigen. Solange der Strom nicht ausfällt, ist es keine Verschlechterung.“

Einen Eindruck, den auch der Bürgermeister nach seinem Besuch im Kahler Bahnhof, wo es ebenfalls bereits einen virtuellen Schalter gibt, bestätigen konnte.

Nur noch Hotline

Bedenken äußerte hingegen Peter Huber. Den SPD-Stadtrat störte, dass es dann nicht mehr möglich sei, direkt im Schongauer Bahnhof anzurufen und sich telefonisch beraten zu lassen. Die Hotline, auf die Jakob verwies, sei keine Alternative. „Da hat sich doch schon jeder mal totgeärgert.“

Auch Siegfried Müller (ALS) hielt vom technischen Fortschritt nichts und warnte vor der „allumfassenden Digitalisierung“, von der man sich abhängig mache.

Eine richtige Wahl hat die Stadt aber wohl ohnehin nicht. Auf die Nachfrage von Stefan Konrad (SPD), was geschehe, wenn man sich gegen das Video-Reisezentrum ausspreche, ließ Jakob durchblicken, dass die Bahn den Ticketverkauf als Alternative auch an eine Agentur lizenzieren könnte.

Die müsste dann nicht unbedingt im Bahnhof sitzen. Für die Stadträte und Bahnhofbesitzer Andreas Holzhey keine erstrebenswerte Lösung. Für letzteren wäre ein Video-Reisezentrum in diesem Fall das kleinere Übel, berichtete Sluyterman, der im Vorfeld mit dem Unternehmer gesprochen hatte.

Am Ende blieb noch die Frage nach dem Zeitplan. „Wir haben keinen Zeitdruck“, sagte Jakob. Bei einem positiven Votum seitens der Stadt, könne die Umsetzung im ersten Halbjahr 2016 erfolgen, spielte er den Ball zum Gremium. Die Antwort gab Sluyterman: „Sie können mitnehmen, dass sich der Stadtrat der Sache nicht verschließt.“

Christoph Peters

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