"Seelenbretter" werden 15

Memento mori und carpe diem

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Die Schwabbruckerin Bali Tollak und ihre Seelenbretter. Ungefähr 450 sind in den letzten 15 Jahren entstanden, Anfang Oktober steht die große Jubiläums-Ausstellung in Burggen an.

Burggen – 15 Jahre Seelenbretter, 160 Ausstellungen und 80 Workshops: Die Schwabbruckerin Bali Tollak ist durchaus umtriebig. Ihre Kunst – hintergründige Zitate und farbige Motive, die sie auf Holz schreibt und malt – ist in ganz Deutschland und darüber hinaus gefragt. Anfang Oktober steigt in Burggen ihre Jubiläums-Ausstellung.

Schon der Weg die Stufen hinauf zur Wohnungstüre von Bali Tollak und Wolfgang Dennig gibt einen Vorgeschmack auf den reichen Fundus, den die Schwabbrucker Künstlerin mit Unterstützung ihres Partners über Jahre hinweg geschaffen hat: Dicht an dicht stehen lange schmale Bretter, bunt bemalt und mit tiefsinnigen Texten versehen, im Treppenhaus aneinander gereiht. Es ist nur ein ganz kleiner Teil, der hier seinen Platz gefunden hat.

Seit mittlerweile 15 Jahren widmet Tollak einen großen Teil ihrer Schaffenskraft ihren sogenannten Seelenbrettern. „Dabei fallen drei Sachen auf“, erklärt Dennig die wesentlichen Erkennungsmerkmale: Ein Zitat, das die Botschaft kurz und knapp in Worte fasst und zum Nachdenken anregt, sei immer zu finden. Außerdem das Motiv, bei dem die 68-Jährige sich eines weit gefassten Spektrums bedient. Indianische oder fernöstliche Elemente finden sich ebenso auf den Brettern, wie solche der australischen Ureinwohner oder christliche Anleihen. „Ich habe schon als Kind die Kirchen am Tegernsee studiert und mich für Symbolik interessiert“, sagt Tollak, die alle ihre Motive – das ist das dritte Erkennungsmerkmal – mit prägnanter Farblichkeit mittels Acrylfarben aufs Holz bringt.

Zündende Idee im Bayerischen Wald

Im Jahr 2002 war es, als das Paar bei einem Aufenthalt im Bayerischen Wald seine Faszination für die dort in der Flur anzutreffenden Totenbretter entdeckte. Dahinter steckt ein traditioneller Brauch: Nach ihrem Ableben wurden die Menschen in vergangenen Zeiten auf einem Brett aufgebahrt und zu Grabe getragen. Nach der Beerdigung verzierten die Hinterbliebenen das Holz, teilweise mit volkstümlichen Sprüchen und Motiven, und stellten es auf. Diese Eindrücke lassen Tollak bis heute nicht los, versiert spricht sie von ihren vielen Recherchen rund um das Thema.

Und sie, die Künstlerin, griff nach dem Ende ihres Urlaubs selbst zum Pinsel, um ihre eigene Version der Bretter zu verwirklichen. Kernthema dabei: Die Dualität von Leben und Tod, zwei Seiten derselben Medaille. „Memento mori auf der einen, carpe diem auf der anderen Seite“, erklärt sie. Der Umgang mit einem Verstorbenen laufe heutzutage viel zu sehr nach dem Motto „ex und hopp“, findet Dennig, der seinen Beitrag zu den Seelenbrettern vornehmlich auf organisatorischer Ebene leistet. Die Gesellschaft scheute die Berührung – körperlich wie geistig – mit dem Tod. Die Seelenbretter sollten den Mensch deshalb zum Innehalten anstiften. Eng damit verknüpft stünden laut Tollak die Fragen: „Wer bin ich, was ist mein Ziel, wofür lebe ich?“

Ganze 450 Seelenbretter hat sie in den vergangenen 15 Jahren erschaffen, sich auf der Rückseite jedes Einzelnen mit Handabdruck verewigt. 160 Ausstellungen im In- und Ausland hat das Paar in dieser Zeit mit den Brettern abgehalten, unter anderem Bergsteiger-Legende Reinhold Messner damit einen Besuch abgestattet. Manchmal stellen beide ein paar einzelne Seelenbretter auch nur auf einer ihrer Reisen an einer exponierten Stelle ab, nehmen ein Foto auf, bauen es ab und ziehen weiter.

Preise und Workshops

Für ihr Wirken ist die Schwab­bruckerin bereits ausgezeichnet worden: Ihren Beitrag zur Erweiterung eines Skulpturenpfads würdigte die Bürgerstiftung Diepolz im Jahr 2016 ebenso, wie die VR-Bank und die Stadt Aalen 2017 mit ihrem Inklusionspreis. Tollak hatte dort einen Workshop angeboten, bei dem sie mit Behinderten zusammen arbeitete. 80 derlei Termine mit verschiedenen Zielgruppen sind auf diese Weise in den vergangenen 15 Jahren zustande gekommen. Die Erfahrungen, die sie dabei gemacht hat, bewegen Tollak.

Manchmal reiche bei Hinterbliebenen, die sich unter ihrer Anleitung bei der Erstellung eines eigenen Seelenbretts an verstorbene Angehörige erinnern, ein Wort, um die Dämme brechen zu lassen. Szenen von Versöhnung und Abschied habe sie dabei unter anderem erlebt. Besonders bereichernd sei die unbelastete Kreativität, mit der sich Kinder und Behinderte der Thematik Tod annähmen. „Die Erwachsenen sollten diese Lebendigkeit für sich selbst zulassen“, findet Tollak.

Jubiläum in Burggen

Anlässlich ihres fünfzehnjährigen Seelenbretter-Jubiläums – den Begriff ließ das Paar urheberrechtlich schützen – planen Tollak und Dennig eine besondere Ausstellung: Sie, die in ganz Deutschland und darüber hinaus gefragt sind, haben sich ein Fleckchen nahe Burggen ausgesucht, um 50 Seelenbretter unter freiem Himmel auszustellen. „Wunderbare Wiesen, die Alpen und der Lech im Hintergrund und mitten drin meine bunten Bretter“, freut sich die 68-Jährige. Von Sonnenauf- bis -untergang ist eine Seelenbretter-Auswahl vom 1. bis 3. Oktober auf dem Gelände der Familie Kopp am Ende der Schwarzkreuzstraße bei freiem Eintritt zu besichtigen. „Ich will mein ganzes Spektrum zeigen“, kündigt Tollak, die auch Führungen geben wird, an.

Sorgen, Tollaks Kreativität könne versiegen, müssen sich Freunde ihrer Kunst wohl keine machen. „Engelbretter“ heißt eines ihrer neueren Projekte, das sich den Himmelswesen widmet. 2014 hatten es Tollak die „Soldatenbretter“ angetan. Die Idee dahinter: „Die Seelenbretter beschäftigen sich mit dem alltäglichen, nicht mit dem gewaltsamen Tod.“ 100 Jahre nach Ausbruch des ersten Weltkriegs hätte sie bei einem Besuch der Schlachtschauplätze und Massenfriedhöfe die Frage beschäftigt, wie Künstler, die an der Front um ihr Leben bangen mussten, mit der damaligen Situation umgingen. Franz Marc, 1916 bei Braquis gefallen und ein bedeutender Vertreter des Blauen Reiters, sei so jemand gewesen.

Auch die große Anerkennung, die die Seelenbretter erfahren, dürfte dazu beitragen, dass das Projekt noch einige Jubiläen erleben könnte. „Wir haben ein breites Repertoire und ein verlässliches Produkt, das laufend nachgefragt wird“, findet Dennig.

Kein Ende in Sicht

Überhaupt: Laufend stoßen er und Tollak auf neue Sinnsprüche, die Anstoß zu weiteren Ideen geben. „Die Lust an der Suche nach Aphorismen hat mich angesteckt“, so der Schwabbrucker. Rund 2.500 hat er archiviert, die Schatzkiste ist also prall gefüllt. „Ich bin begeistert von der Aussagekraft“, erklärt der 65-Jährige und verrät seinen Favoriten: „Was immer du auf Erden verschenkst, es wird dich in den Himmel begleiten“, zitiert er aus dem Koran und schnauft tief durch. 

Rasso Schorer

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