Fehlen vertrauter Gesichter in Zeiten strenger Besucherregelung:

Der neue Alltag in der Schongauer Akutgeriatrie

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Aromamassage, Pflegeroboter, Musik – Betreuungskraft Gabriele Kaul erklärt die Angebote, die die Akutgeriatrie an ihre hochbetagten Patienten richtet.

Schongau – Kranken alten Menschen tun Nähe und intensive Betreuung gut. Neu ist diese Erkenntnis nicht, deutlich bestätigt worden ist sie in den vergangenen Wochen in der Akutgeriatrie des Schongauer Krankenhauses. Weil Besuche zwischenzeitlich nicht und dann nur sehr eingeschränkt möglich waren, sah sich das Personal der Aufgabe gegenüber, der Isolation seiner Patienten mit einem höheren Maß an noch engerer Betreuung zu begegnen. Das habe hervorragend geklappt, zieht man nun ein Zwischenfazit – und will daraus für die Zukunft lernen.

Corona draußen zu halten, das war und ist eine der großen und zugleich wichtigsten Aufgaben der Akutgeriatrie am Schongauer Krankenhaus. „Hier braucht es den bestmöglichen Schutz“, erklärt Chefarzt Dr. Sebastian Mühle, dessen Patienten hochbetagte und schwer kranke Menschen sind. „Bisher haben wir sie alle gut durch die schwere Zeit bekommen“, fasst er zusammen und klopft dreimal auf Holz. Zu verdanken sei das einem strengen Schutz- und Hygienekonzept (mehr dazu im Infokasten).

Doch damit einher gehen deutlich reduzierte Kontaktmöglichkeiten der Patienten zu ihren Lieben. Das wiederum birgt in der Akutgeriatrie weitere große Risiken. Ausgelöst beispielsweise durch die fremde Umgebung, verfallen die gesundheitlich stark angeschlagenen Hochbetagten in geistige Verwirrung. Hilfreich gegen solche Delirzustände wäre der Kontakt zu vertrauten Gesichtern – aber die fehlen gerade jetzt.

Ohne Stoppuhr

„Wir haben alle miteinander ein Konzept entwickelt“, blickt Stationsleiterin Lolita Hönig zurück, „auf das wir alle sehr stolz sind“. Denn die Rolle des Pflege- und Betreuungspersonals rückte aufgrund der Umstände nochmals stark in den Vordergrund.

Die Möglichkeit zur Videotelefonie mit den Angehörigen wurde geschaffen, die Betreuung enger gestaltet. „Die Zeiten für eine Pflegekraft sind sonst sehr begrenzt“, beschreibt Hönig die Zwänge des Tagesgeschäfts. Doch weil gerade diese Regelungen ausgesetzt waren, ergaben sich neue Möglichkeiten. „Wir konnten uns Gedanken machen und diese dann umsetzen“, schildert die Stationsleiterin. „Ich darf jetzt auch mal eine halbe Stunde länger beim Patienten bleiben, ohne dass die Stoppuhr läuft“.

Die Folgen seien erstaunlich gewesen. Kein Delirfall, deutlich weniger Verwirrtheit bei den teils dementen Patienten. „Sie waren insgesamt klarer und konnten sich besser erinnern“, freut sich Hönig. Gerade in der kritischen Zeit sei es den alten Menschen in der Akutgeriatrie besser gegangen. „Je mehr Tumult draußen geherrscht hat, desto stärker wurde unsere Verbindung.“ Ihr Chef Dr. Mühle fasst diese Erfahrungen so zusammen: „Den Umstand, dass kein Besuch mehr kam, haben wir nicht nur aufgefangen, sondern sogar positive Effekte erzielt.“

Johanna mittendrin

Zwei Stunden enger Betreuung am Vormittag, zwei am Nachmittag kommen so jedem Patienten zugute. Eine Kraft aus dem Personal kümmert sich damit täglich um drei bis vier Patienten. „Wir haben uns das aufgeteilt“, schildert Hönig das untereinander koordinierte Vorgehen. Zur üblichen Belegschaft, zu der in Schongau neben den Pflege- auch zwei bis drei Betreuungskräfte gehören, stieß Verstärkung aus der Krankenpflegeschule. Betreuungskraft Gabriele Kaul zeigt die Bandbreite an Angeboten: Spielen, Musik, Gespräche, Vorlesen und Aromamassagen führt sie ebenso auf, wie die kleine Robbenpuppe Johanna, einen neuen Pflegeroboter (wir berichteten).

Als „zukunftsweisend“ beschreibt Dr. Mühle die Erkenntnisse der zurückliegenden Wochen. Der höhere Personaleinsatz sei kostenintensiv – doch ein durch einen Delirfall verursachter verlängerter Krankenaufenthalt komme ungleich teurer. „Wir strukturieren um und machen die entsprechenden Ressourcen frei“, erklärt Hönig. „Wir werden so weitermachen beziehungsweise diese enge Betreuung noch erhöhen.“

Handeln statt zögern

Für hochbetagte Menschen, kann Covid-19 besonders gefährlich sein. Denn sie leiden häufig an mehreren akuten und chronischen Erkrankungen gleichzeitig. Entsprechend umfangreich sind die Maßnahmen, die in der Akutgeriatrie im Schongauer Krankenhaus ergriffen wurden. „Geriatrie und Akuthaus sind räumlich getrennt“, erklärt Dr. Sebastian Mühle, an Schutzausrüstung habe es nie gemangelt. „Die Tageshygiene wurde maximal nach oben gefahren, wir haben den Mund-Nasen-Schutz schon früh zur Pflicht gemacht.“ Patienten ohne aktuellen negativen Abstrich werden separat untergebracht. Immer noch ist die Besucherregelung eine sehr strenge. „Wir haben alle Patienten gut durch diese schwere Zeit bekommen“, ist der Chefarzt froh. Das Krankenhaus sei ein sicherer Ort – es aus Angst vor Ansteckung zu meiden, sei deshalb so falsch wie gefährlich. Waren zu Beginn der Pandemie 30 Betten in der Akutgeriatrie belegt, sank diese Zahl zwischendurch auf unter 20. Das berge die Gefahr, dass Patienten zu spät oder nicht behandelt werden können, warnt Dr. Mühle. „Den Weg ins Krankenhaus hinauszuzögern, kann weitreichende Folgen haben.“

ras

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