Letztes seiner Art

Festakt zum 60-jährigen Bestehen des Karl-Eberth-Hauses in Steingaden

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Das „Wohnzimmer der evangelischen Militärseelsorge“, das Karl-Eberth-Haus in Steingaden, feierte sein 60-jähriges Bestehen.

Steingaden – Es war in der neugegründeten Bundesrepublik das erste seiner Art und ist heute das letzte Rüst­zeitenheim der evangelischen Kirche. Gebaut als Sommersitz der Familie Dürckheim-Montmartin hat das Erholungsheim eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Nun wurde das 60-jährige Bestehen mit einem Festakt gefeiert.

Das 50-Jährige, ja, das 75-jährige Bestehen auch. Doch warum feiert man 60 Jahre Bestehen des Karl-Eberth-Hauses, hinterfragte Ralf Zielinski gleich zu Beginn seiner Grußworte. Und gab eine überzeugende Antwort: vor zehn Jahren, als man das 50-jährige Bestehen gefeiert habe, so der leitende evangelische Militärdekan, habe es noch vier Rüst­zeitenheime in Deutschland gegeben – heute nur noch dieses eine in Steingaden. Rüstzeiten, das sind in der evangelischen Kirche christliche Freizeiten, also Angebote mit vorwiegend freizeitlichem Charakter wie z.B. Skirüstzeiten, Wanderrüstzeiten oder seelsorgliche Angebote und im Fall des Karl-Eberth-Hauses vor allem für Angehörige der deutschen Streitkräfte, der Bundeswehr. Mittlerweile habe sich aber der Umgang mit „kirchlichen Häusern“ wie den Rüstzeitenheimen in der evangelischen Kirche geändert, man folge Vorgaben aus Hannover. Dass das Eberth-Haus, das vor etwa 140 Jahren als „Sommervilla“ gebaut wurde, einer doch gesicherten Zukunft entgegengeht, liegt daran, dass es nicht zum Bestand der EKD gehört sondern der Landesarbeitsgemeinschaft, erklärte Zielinski, der zu dem Festakt mit Gottesdienst vor allem Kirchenobere, auch der katholischen Kirche, aus ganz Deutschland begrüßen konnte. Insbesondere seit der Übernahme der Leitung des Hauses durch den Geschäftsführer Christoph Scherer habe man das Haus gemütlich gemacht und die Attraktivität gesteigert, etwa durch die gute Küche, wie Zielinski hervorhob. „Das Karl-Eberth-Haus ist das Wohnzimmer der evangelischen Militärseelsorge“, so der Münchner Militärdekan. „Es ist ein Ort, wo sich Soldaten und Soldatinnen wohlfühlen“.

Betreuung der belasteten Soldaten

Doch der Umgang der Kirche mit den Häusern hat sich bereits wieder geändert. Neben der politischen hat sich vor allem wehrpolitische Landschaft in den vergangenen zehn Jahren verändert, erklärte Zielinski. Die Wehrpflicht sei weggefallen, dafür hätte die Zahl und die Dauer der Auslandseinsätze der Soldaten zugenommen. Nicht nur die immer stärker fordernden Auslandseinsätze hätten eine öffentliche Debatte über die Bundeswehr in Gang gesetzt, auch sicherheitspolitische Aspekte würden zunehmend in den Mittelpunkt der Diskussion geholt. So gehe es um die Betreuung der durch den Einsatz körperlich, vor allem aber seelisch „belasteten“ Soldaten. Nicht zuletzt deshalb habe die Kirche die Freizeitbetreuung der Soldaten finanziell gestärkt. Es gehe wieder um Erholung und um eine Auszeit vom Dienst, für die Soldaten und deren Familien. Deshalb also feiere und betone man das 60-jährige Bestehen, so der Dekan.

Auch Sigurd Rink lobte die „zukunftsträchtige Entscheidung“, die man vor 60 Jahren getroffen habe. Seinerzeit hatte Maria Eberth, Witwe des 1952 verstorbenen Generals Karl ­Eberth das Schloss zusammen mit 12.000 Quadratmeter Parkfläche an die Evangelische Landeskirche verkauft, die den einstigen Sommersitz der Grafen von Dürckheim in eine Stiftung überführte und zum damals ersten Rüstzeitenheim der nur zehn Jahre zuvor gegründeten Bundesrepublik Deutschland machte. „Und der Stiftungszweck“, so der Berliner Militärbischof, „ist auf ewig gesetzt“. Das habe Bedeutung für die Zukunft und deshalb auch sei es kein Zufall, so Dr. Sigurd Rink, dass das Karl-Eberth-Haus allen Stürmen trotze. Es lägen noch viele Jahre vor dem Haus so Rink der gleichzeitig erklärte, dass die evangelische Kirche wieder an drei Rüstzeitenheimen in Berlin und Usedom beteiligt sei. „Es gibt noch viele Pläne für die Zukunft“, sagte Rink: „Das Karl-Eberth-Haus soll das Wohnzimmer der Militärseelsorge bleiben und Steingaden ist ein starker Standort in Deutschland“.

Waren die Vorredner auf die Zukunft eingegangen, tat der Steingadener Bürgermeister Xaver Wörle einen Blick zurück. Es sei Ehre und Verpflichtung zugleich für Steingaden, dass man das Erholungsheim, das untrennbar mit der Geschichte des Ortes verbunden sei, hier habe. Und erinnerte an die Ursprünge des Hauses, das 1883 für das abgebrannte Wohnhaus im Bräuhaus erbaut worden war.

Es war Alexandrine Gräfin von Dürckheim-Montmartin, die damit einen repräsentativen Sommerwohnsitz für die Reichsgrafenfamilie Eckbrecht von Dürckheim-Montmartin erbauen ließ. Das sogenannte „Steingadener Schloss“, so Wörle, sei heute ein Ort zur religiösen, gesellschaftlicher aber auch familiärer Orientierung und „Wiederfindung“. Dabei ging Wörle auch auf die Geschichte der Grafenfamilie ein, die sich sozial engagierte im ersten Weltkrieg einen Sanitätszug finanzierte und im Ort zuerst einen Sanitätsstation und aufgrund des Bedarfes schließlich ein Krankenhaus finanzierte, das Charlotte von Kusserow-Haus, an das noch heute das nach ihre benannte Seniorenheim erinnert.

Heute bietet das Rüstzeitenheim, nicht nur den Bundeswehrangehörigen in 43 Zimmer 100 Bettenplätze an. Das Gästehaus hat eine 3-Sterne G-Klassifizierung und eigener Aussage nach den“ Charme eines kleinen Hotels“. Willkommen sind neben den Soldaten auch kirchliche und private Gruppen, Familien, Pilger, Motorradfahrer und Biker. Neben einem Festvortrag über die Geschichte des Hauses wurde der „Geburtstag“ noch mit einem Festgottesdienst im Welfenkloster gefeiert. 

Oliver Sommer

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