Festspiel-Premiere im Steingadener Fohlenhof

Die Anstifter: Zeitlose Botschaft unterhaltsam verpackt

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Beeindruckender Bühnenbau im Fohlenhof: Szene von der Weihe zum Fürstbischof von Magdeburg. Im Torbogen Hauptdarsteller Toni Nöß.

Steingaden – Ein krasser Zeitsprung prägt das Festspiel „Die Anstifter“, das am Samstag Premiere hatte und noch neun Mal aufgeführt wird. Bei den 500 Zuschauern kam die Erstaufführung im Steingadener Fohlenhof gut an. 

Ohne Pause, ohne jede überleitende Musik gibt es nach Prolog, nach Theatermusik und nach der Szene von der Weihe des Norbert von Xanten zum Fürstbischof von Magdeburg einen abrupten Wechsel vom 12. ins 21. Jahrhundert. Die Regisseurin (Elisabeth Schmölz) taucht energiegeladen auf und kritisiert die Akteure bei der Theaterprobe, die sich im Streit unter Darstellern auflöst. Aber egal, ob die Handlung im Mittelalter spielt oder in der Neuzeit, eines bleibt gleich: die moralische Botschaft, Anstifter zu sein für Gerechtigkeit, für liebevollen Umgang und für gute Taten.

Das Stück „Die Anstifter“, in dem – der zu Beginn der Premiere sichtlich angespannte Karl Müller-Hindelang (Steingaden) gemeinsam mit dem – eher entspannt wirkenden – Christian Schönfelder vom jungen Theater Stuttgart Regie führen, ist kein Historienspiel. Es unterscheidet sich wesentlich vom „Wunder Wies“ 2011 und von Welfs Erbe 1997 bzw. 2003; diese Aufführungen hatten intensiven Bezug zur Steingadener Geschichte.

Beim Stück „Die Anstifter“, das Müller-Hindelang und Schönfelder auch gemeinsam geschrieben haben, kommt Steingaden nur einmal vor. Und zwar in der beeindruckenden Schlussszene, wenn der heilige Norbert nach der Altarweihe die brennenden Fackeln an die Gefolgsleute weitergibt – als symbolisches Zeichen zur Gründung von Prämonstratenserklöstern im 12.Jahrhundert, aber auch als Initial für soziale Projekte im 21. Jahrhundert. Dazu gehört ein Ausbildungszentrum für arbeitslose Jugendliche in Katalonien.

Steingadener Festspiel "Die Anstifter" - die Bilder

Hauptdarsteller im Theater „Die Anstifter“ ist Toni Nöß. Überragend, wie er die Rolle des Norbert von Xanten verkörpert. Mit seiner Stimme, mit seiner Gestik, mit seiner Zugewandtheit zu allen Mitspielern und zum Publikum, mit seiner Disziplin. Er hat sich für diese anspruchsvolle Aufgabe in die Pflicht nehmen lassen. Wie vor sechs Jahren seine Frau Maria, als sie beim Festspiel „Wunder Wies“ eine Hauptrolle übernahm – als Lori-Bäuerin, die an der Statue des Gegeißelten Heilands betend das Tränenwunder entdeckte.

Die Botschaft des Norbert von Xanten ist eindeutig. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch das Freilichttheater. In der Predigt sagt er: „Es geht doch nicht um Hab und Gut und ein bequemes Leben. Es geht auch nicht um Ruhm und dass man von dir spricht. Es geht darum, dass du mit deinem Leben das Leben vieler Menschen zum Guten führst. Dafür gibt Christus dir die Kraft …“

Mehr als 250 Mitwirkende auf und hinter der Bühne sind inklusive Reiterei mit stattlichen Kaltblütern, Maske und Kostümen bei diesem Freilichttheater der Kulturgemeinschaft und der Welfenbühne Steingaden eingespannt. Davon abgesehen, dass beim Sprung ins 21. Jahrhundert manche Dialoge in Volksszenen – etwa in den Lästereien über die Regisseurin – zwar unterhaltsam wirken mögen, aber doch nicht von Substanz sind – ist es dichtes Sprechtheater, das vor allem nach der Pause voll seine Wirkung entfaltet.

Der krasse Gegensatz zwischen Konsum und Gottlosigkeit auf der einen Seite und den beständigen inneren Werten auf der anderen Seite wird besonders deutlich, wenn Tanchelin mit seiner Truppe und den Akrobaten für Wirbel sorgt. Der falsche Guru und Verführer, hervorragend gespielt von Christian Breidenbach, ruft dem Volk zu: „Was kümmern euch die anderen!“ Dem hält der heilige Norbert später im Streit den Satz entgegen: „Zu tun, was einem gefällt, führt nicht zur Erfüllung.“

Die Theatermusik hat – im Gegensatz zu Wunder Wies 2011 – diesmal keine tragende Rolle, sondern eine verbindende. Dafür sorgen die Musikkapelle mit Dirigent Georg Müller und der 70-köpfige Chor mit dem Leiter Caspar Berlinger. Die Musik stammt von Christian Schreiber. Einfach pfiffig, wie er die Facetten der Register freilegt und zweimal ein Stück nur mit dem tiefen Ton der Tuba und mit dem Piccolo-Triller ausklingen lässt.

Was das Theater 2017 erst recht beeindruckend macht, ist der Bühnenbau. Johannes Klein, der im Spiel Norberts Gefolgsmann Gottfried von Cappenberg gibt, hat zusammen mit Christian Breidenbach mehr als 30 Helfer für die Realisierung um sich geschart. Es ist ergreifend, wenn das bald zehn Meter hohe graue Tor zur Rechten im Fohlenhof, das für das Portal des Magdeburger Doms steht, in der Dunkelheit illuminiert wird.

Zur Premiere sind 500 Zuschauer gekommen, darunter der frühere Wiespfarrer Georg Kirchmeir (Böbing) als Steingadener Ehrenbürger. Während der Aufführung ist der Applaus eher verhalten. Doch als das Spiel um 23 Uhr zu Ende geht, ist er langanhaltend.

Johannes Jais

Der Spielplan: 

Weitere Termine für das Freilichtspiel „Die Anstifter“ im Fohlenhof Steingaden sind am 20., 21., 22., 27., 28. und 29. Juli sowie am 3., 4. und 5. August. Karten gibt es online unter www.theater-steingaden.de oder bei der Tourist-Info Steingaden, Telefon 08862/200.

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