Wenn das Virus "reinhaut"

Im Gespräch mit Schongaus erstem schweren Corona-Fall

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Dr. Florian Amor (Oberarzt interdisziplinäre Intensivstation) und Olaf Rohwer (Gesundheits- und Krankenpfleger sowie stellvertretender Leiter der Intensivstation) (v. links) vor einem Beatmungsgerät. Sie behandelten Manfred Bader.

Schongau – Einige Spezln sind positiv auf das Corona-Virus getestet worden, ebenso manche seiner Familienmitglieder. Wieso es aber gerade ihn derart gebeutelt hat, das weiß Manfred Bader nicht. Der 59-Jährige ist der erste an Covid-19 erkrankte Patient, der in Schongau künstlich beatmet werden musste.

Erinnerungsfetzen an die letzten drei Wochen sind noch da. An manche Situationen erinnert Manfred Bader sich besser, an manche kaum. Zehn Kilo Körpergewicht hat er eingebüßt, dazu seinen Vollbart. Der wurde abrasiert, um den Schongauer inturbieren zu können – künstliche Beatmung, Koma. Gut fünf Tage später, am Mittwoch, 1. April, wurde er wieder aufgeweckt. „Wie das alles abgelaufen ist, das bekomme ich erst jetzt wieder nach und nach zusammenkonstruiert“, sagt er am Montag daheim auf seiner Eckbank. Erst im Nachhinein sei ihm bewusst geworden, „dass das alles gar nicht so ohne war“.

Am Montag, 23. März war der Sanka gerufen worden. Vier, fünf Tage hatte Manfred Bader da schon das Bett gehütet. „Losgegangen ist es am Dienstag“, erinnert er sich. Am Anfang habe er an eine Grippe gedacht. Dann ließen sich mehrere Mitglieder seiner Clique auf Corona testen, bei Bader und seiner Familie war es am Samstag soweit. Wann und auf welchem Weg das Virus in den Freundeskreis gelangte ist unklar. Der einzige, der ernstlich Symptome zeigte, war allerdings der 59-Jährige. Noch vor Eintreffen eines Testergebnisses ging es per Rettungswagen ins Krankenhaus. „Ich hab gar nicht umrissen, dass es mir so schlecht geht.“

Der nächste Stopp nach der Notaufnahme war die Intensivstation. „Für die Normalstation war das zu heiß“, erinnert sich Dr. Florian Amor. Dass Bader seine eigene Atemnot kaum bemerkte, sei nicht ungewöhnlich, so der Oberarzt der Inneren Medizin am Krankenhaus Schongau. Anzuhören sei sie den Patienten aber oft deutlich. „Na...Luft...fehlt...ma...net“, so habe auch Bader seinen Zustand umrissen. Durch den fehlenden Sauerstoff sei der Körper massiven Anstrengungen ausgesetzt. Daher auch das Dämmern, das sein 59-jähriger Patient beschreibt. Bader stand neben sich, der Anruf mit dem Handy nach Hause scheiterte da­ran, dass er sich nicht an den Entsperr-Pin erinnern konnte.

Nachdem sich der Zustand weiter verschlechterte, fiel am Freitag die Entscheidung zum Inturbieren. „Nicht notfallmäßig“, betont Amor. Dennoch war vor allem diese Zeit eine ganz schwere für Baders Familie. „Wir konnten ja überhaupt nicht zu ihm nauf“, schildert Ehefrau Gisela, die telefonisch Kontakt zum Stationspersonal hielt. „Dort haben wir super Auskunft bekommen“, bedankt sie sich vielmals.

Fünf Tage lag ihr Mann im künstlichen Koma. „Eine lange Zeit, denn er war tief sediert“, ordnet Amor ein. Das Aufwachen sei aber reibungslos verlaufen. Überhaupt: „Aus intensivmedizinischer Sicht war das alles noch recht glimpflich, alle Organe haben gut mitgemacht.“ Nur die Lunge war betroffen, Baders Erkrankung an Covid-19 sei ein „Ein-Organ-Problem“ geblieben. Bei Vorerkrankten stelle sich die Lage oftmals schwieriger dar.

„Es ist mir unerklärlich, warum es bei mir so reingehauen hat“, rätselt Bader. Topfit sei er zuvor gewesen. „Ich pass ja gar nicht ins Corona-Beuteschema“, habe er sich lange gedacht. Den Krankheitsverlauf vergleicht Amor mit einem Krieg: Medizinisch könne man unterstützen, Waffen zur Verfügung stellen. „Kämpfen muss der Körper aber selber.“

"Habe völlig abgebaut"

Hernach sei einiges kaputt und neu aufzubauen, führt der Arzt seinen Vergleich fort. Es sei ihm völlig unmöglich gewesen, eine Wasserflasche aufzudrehen, bekräftigt Bader. „Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass man in dieser Zeit so abbaut.“ Auch am Montag, fünf Tage nach seiner Rückkehr nach Hause, zeigt die Badezimmerwaage noch zehn Kilo weniger an als vor seiner Erkrankung. Dabei munde ihm das Essen sehr, Baders Geschmacks- und Geruchssinn war nie beeinträchtigt. Einzig das gelegentliche Verlangen nach einer Halben Bier sei noch nicht zurückgekehrt.

Doch schlimmer sind die Gliederschmerzen: Kein Schritt ohne Rollator war anfangs möglich. Schuld ist eine sogenannte reaktive Arthritis. „Die Antikörper gehen auf die Gelenke“, beschreibt Amor die nach Viruserkrankungen nicht ungewöhnlichen Beschwerden. Die Feinmotorik, zum Beispiel beim Schreiben, kommt zurück. Fortschritte beim Atmen sind nur zögerlich zu beobachten, doch sie sind da. Wenn Bader tief Luft holt und über den Stopp-Moment hinausgeht, setzt sofort der Hustenreiz ein. „Es sind kleine Fortschritte, aber die tun so gut“, fasst seine Frau Gisela zusammen.

„Wenn ich zum Duschen naufgeh, muss ich mich gut festhalten“, erklärt Manfred Bader. „Mehr Bewegung, als nach draußen in ein windstilles Eck zu gehen, ist nicht drin.“ Es sei schon super, dass Bader ohne künstlichen Sauerstoff auskomme, hält Amor dagegen. Die weitere Entwicklung brauche Zeit. In gut einer Woche geht es in die „Röhre“, um einen Blick auf das nach der durch Corona ausgelösten Lungenentzündung vernarbte Gewebe zu werfen.

Wieder auf Wildschweinjagd zu gehen, so lautet Baders persönliches Ziel. Mitte Mai will er sich bei Arbeitgeber LEW zurückmelden. Er sei als intensiv von Corona Betroffener fortan sicher anders sensibilisiert für Themen wie Händewaschen, Desinfizieren und Abstandhalten, glaubt er. Er stelle ein Umdenken fest, werde anders „Obacht geben“.

Doch auch seine Prioritäten haben sich gerade gerückt. „Ich schau naus und weiß, dass im Wald ein Haufen Arbeit wartet. Aber was jetzt nicht fertig wird, das mache ich dann halt im nächsten Jahr.“ 

ras

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