Asyl in Schongau und im Landkreis

Immer mehr "Fehlbeleger"

+
Abdalhadi Yousef aus Syrien ist einer von 524 anerkannten Flüchtlingen im Landkreis. Er engagiert sich ehrenamtlich in der Schongauer Kleiderkammer.

Schongau – In Schongau lebten zum Jahresende 188 Flüchtlinge, darunter einige sogenannte Fehlbeleger. Ihnen droht die Obdachlosigkeit. Denn ob und wie lange sie noch in ihren derzeitigen Unterkünften bleiben können, hängt von einigen Unwägbarkeiten ab. Zwar kommen derzeit kaum mehr neue Flüchtlinge an, doch das könnte sich schnell ändern.

„Die Leute dürfen in ihrer Unterkunft bleiben, bis sie eine eigene Wohnung finden“, oder, und das macht die Sache heikel, „andere ihren Platz brauchen.“ Hans Rehbehn, Pressesprecher beim Landratsamt, spricht von den 336 Fehlbelegern im Landkreis. Also Flüchtlingen, die in dem Moment, in dem ihnen Bleiberecht zugestanden wird, sofort im ohnehin schon überhitzten Wohnungsmarkt eine eigene Bleibe finden müssten, dabei aber keinen Erfolg haben.

Insgesamt 524 Anerkannte leben im Landkreis. 343 von ihnen dürfen nach jetzigem Stand zunächst ein Jahr, 181 drei Jahre bleiben. Diese Unterscheidung ist folgenreich, denn nur wer über eine dreijährige Bleibeberechtigung verfügt, hat die Aussicht, seine Familienangehörigen im Zuge eines geregelten Nachzugverfahrens nach Deutschland zu holen. „Damit das gut klappt, ist aber eine eigene Wohnung wichtig“, sagt Isabella Bäuml vom Ausländeramt. Die eigenen vier Wände sind also doppelt begehrt. Auf ihrer Suche erfolgreich waren bisher nur 188 der Anerkannten. „Die übrigen gelten als Fehlbeleger und müssten eigentlich auf die Straße“, so Rehbehn.

Immerhin eine Woche Zeit, ihre Unterkunft zu verlassen, haben in der Theorie diejenigen, deren Antrag auf Bleibeberechtigung abgelehnt wird. Derer 312 waren es im Jahr 2016. Doch auch sie verbleiben oft in ihren Unterkünften, um nicht in der Obdachlosigkeit zu landen. „Die meisten sind noch da, wenn sie nicht untergetaucht, verzogen, freiwillig abgereist oder umverteilt worden sind“, erklärt Lydia Schminke, Fachbereichsleiterin für Asylverfahren beim Landratsamt. „Abgeschoben wurden bisher ganz wenige.“

Dass die Plätze der Fehlbeleger und Abgelehnten in den Unterkünften dringend für Neuankömmlinge benötigt werden, ist – zumindest derzeit – nicht der Fall. „In der vorletzten Woche sind nochmal 44 Personen neu in den Landkreis gekommen, das war aber ein Ausreißer“, beschreibt Rehbehn. Grund sei die Auflösung der Erstaufnahmeeinrichtung in der Münchner Bayernkaserne gewesen. „Normalerweise kommen gerade wöchentlich ein, zwei Leute. Manchmal auch keiner.“ Am Jahresende 2016 lebten 1 696 Asylbewerber, Fehlbeleger und Abgelehnte im Landkreis, davon 188 in Schongau. 2015 waren es 1 449. Der große Andrang ist abgeebbt. Das nimmt Druck aus der Situation, doch wie es weitergeht, ist schwer abzuschätzen. Was, wenn das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei platzt? „Wir haben für diesen Fall keinen Masterplan“, räumt Helmut Hartl, Sachgebietsleiter des Ausländeramts des Landkreises, ein. „Bisher ist unser Konzept, auch dank der dezentralen Unterbringung, gut aufgegangen. Der soziale Friede blieb gewahrt.“ Setze ein großer Zuzug ein, „liefe es wohl wie 2015“.

Müssen die Fehlbeleger dann raus aus den Unterkünften und rein, in die Obdachlosigkeit? Dann wäre nicht mehr das Landratsamt, sondern die Kommunen für sie zuständig. Problematisch, denn beinahe überall mangelt es an Sozialwohnungen. „Wir haben in den Unterkünften des Landkreises schon noch freie Plätze“, so Hartl. Und damit einen Puffer, wenn auch nur einen kleinen. Seine Behörde rechne damit, dass sich die Zahl an Geflüchteten im Landkreis bei 1 600 einpendle.

Aber: „Für uns birgt der Familiennachzug große Herausforderungen, die wir kaum abschätzen können.“ Im Zuge dessen kamen im Jahr 2016 50 Familienangehörige, vornehmlich aus Syrien, in den Landkreis. Doch mit deutlich mehr ist zu rechnen. Im Sommer hatte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge errechnet, dass pro anerkanntem syrischen Flüchtling durchschnittlich 0,9 bis 1,2 Angehörige auf einen Nachzug warten. „Da könnte einiges auf uns zukommen“, vermutet Hartl.

Für diejenigen, deren Asylverfahren noch läuft, schätzt er, dass „20 bis 30 Prozent, vor allem aus dem Irak, Iran, Syrien, Somalia und Eritrea gute Chancen auf Bleibeberechtigung haben“. Die Zahl der Fehlbeleger wüchse dann wohl weiter an.

„Anerkannte müssen solange sie Sozialleistungen beziehen, im Landkreis bleiben“, erläutert Rehbehn. Fortziehen kann also nur, wer seinen Lebensunterhalt selbst bestreitet oder bei Bekannten beziehungsweise Verwandten unterkommt, die ihn versorgen. Ob und wie viele Anerkannte den Landkreis verlassen wollen, sei kaum abzusehen.

„Viele Flüchtlinge leben aber auch sehr gern in Schongau“, sagt Sonja Zeug. „Sie schätzen, wie familiär es hier zugeht.“ Zeug leitet die Kleiderkammer und freut sich über eine nach wie vor große Hilfsbereitschaft der Bevölkerung. „Die Leute spenden für Flüchtlinge genauso wie für Alteingesessene.“ Sie stelle fest, dass die Menge an abgegebenen Kleidungsstücken nachlasse, die Qualität aber steige. „Anfangs mussten wir noch fast die Hälfte aussortieren, da haben die Leute alles hergebracht.“

Doch etwas anderes bereitet ihr Sorgen: Reihenweise brächen mittlerweile die Ehrenamtlichen weg, bedauert Zeug. „Der Frust ist sehr groß. Den Helfern, die sich für die Flüchtlinge engagieren, fehlt die Perspektive. Viele Leute werden wieder abgeschoben. Man sagt sich: ‚Ich ertrage die ausufernde Bürokratie mit diesen magerem Ergebnissen nicht‘. Das geht gewaltig an die Substanz.“

ras

Auch interessant

Meistgelesen

Positive Bilanz nach zwölf Tagen Historischer Markt
Positive Bilanz nach zwölf Tagen Historischer Markt
Chancenlos im Wasser
Chancenlos im Wasser
Bauarbeiten an Hohenpeißenberger Ortsdurchfahrt
Bauarbeiten an Hohenpeißenberger Ortsdurchfahrt
Borkenkäfer-Population rund um Schongau wächst rasend schnell
Borkenkäfer-Population rund um Schongau wächst rasend schnell

Kommentare