Vier Steine – vier Menschen

Gegen das Vergessen: Stolpersteine am Schongauer Marienplatz enthüllt

Stolpersteine Schongau Marienplatz Kugler
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Der Urenkel der beiden Schongauer Moritz und Rosa Kugler, die in Theresienstadt starben, Michel Kugler, war extra aus Frankreich angereist, um gemeinsam mit Bürgermeister Falk Sluyterman die Stolpersteine am Marienplatz zu enthüllen.
  • Astrid Neumann
    VonAstrid Neumann
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Schongau – Am 15. September 1935 wurden die Nürnberger Rassengesetze erlassen, die die Vorstufe für die Ermordung von rund sechs Millionen Juden waren. 86 Jahre später auf den Tag genau, gedachte man in Schongau dem jüdischen Ehepaar Kugler und dessen Söhnen mit der Verlegung von vier Stolpersteinen vor dem Haus am Marienplatz 12, wo sich damals das Bekleidungsgeschäft der Familie befand.


Auf den Antrag von Stadträtin Bettina Buresch (Grüne) hin, hatte das Gremium Anfang 2020 die Verlegung der Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig einstimmig beschlossen. Ein Termin für die Verlegung stand schon fest, doch Corona kam dazwischen. Am vergangenen Mittwoch fand nun die feierliche Enthüllung der vier in den Boden eingelassenen Steine am Marienplatz statt.

Der Urenkel des Schongauer Ehepaars Moritz und Rosa Kugler, Michel Kugler, war zu diesem Termin eigens aus Toulouse angereist. Gemeinsam mit Bürgermeister Falk Sluyterman enthüllte er sichtlich ergriffen das Kunstwerk vor den Schrimpf-Häusern. Die vier Steine stehen für das Ehepaar, welches 1942 nach Theresienstadt deportiert und noch im gleichen Jahr dort gestorben ist, sowie für die beiden Söhne Norbert und Joseph.

Vier schlichte Steine erinnern vor den Schrimpf-Häusern an das Schicksal der Familie Kugler.

„Ein Mensch ist vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitierte Bürgermeister Falk Sluyterman bei der Enthüllung der Stolpersteine aus dem Talmud. Dafür, dass das nicht geschieht, stehen die vier Steine, die sich nun am Schongauer Marienplatz befinden.

Die Erinnerungskultur an die jüdische Familie, die einst dort ein Bekleidungsgeschäft hatte, erhalte durch die Stolpersteine eine ganz neue Qualität, so Sluyterman. „Sie sind da, wo Menschen jeden Tag vorbeigehen.“ Sie sollen außerdem die Jugend an das Leiden und die willkürliche Ermordung erinnern und dazu führen, dass sie wachsam bleibt, so das Stadtoberhaupt.

Auf die Geschichte der Familienmitglieder ging Altbürgermeister und -landrat Luitpold Braun näher ein. Er war es, der im Welf 2019 einen Beitrag über das Schicksal der einzigen jüdischen Familie im Schongau der NS-Zeit verfasst hatte.

Anfang des 20. Jahrhunderts war der aus Deutschkreutz im Burgenland stammende Moritz Kugler in die Lechstadt gezogen, hier heiratete er seine zweite Ehefrau, die Gunzenhausenerin Rosa. Die Söhne Norbert und Joseph kamen 1906 beziehungsweise 1911 zur Welt.

Rund 2.500 Einwohner zählte Schongau damals. Dass die Familie mitten in der städtischen Gesellschaft stand, darauf könnten auch die beiden Trauzeugen der 1905 gefeierten Hochzeit Moritz und Rosa Kuglers hinweisen, erörterte Braun: Zwei Mitglieder des Stadtmagistrats, ebenfalls am Marienplatz heimisch, bezeugten die Eheschließung.

Altlandrat Luitpold Braun erläuterte den Gästen bei der Enthüllung der Steine am Mittwoch die Geschichte der jüdischen Familie Kugler.

Nachdem die Nazis an die Macht kamen, wurde das Geschäft der Kuglers arisiert, bereits im November 1935 kamen Moritz und Rosa zwangsweise nach München. Am 6. Juni 1942 mussten sie nach Theresienstadt, wo sie nur wenige Monate später, Ende Juli und im August, starben. Rosa angeblich an einer Lungenentzündung, Moritz angeblich an Altersschwäche.

Zur Zeit der Deportation ihrer Eltern nach München waren Joseph und Norbert, beide Textilkaufmänner, bereits aus Schongau nach Straßburg geflohen. Der deutsche Westfeldzug ließ beide sich dem Widerstand anschließen. Norbert starb schließlich 1982 in Ost-Berlin. Sein Bruder Joseph kam 1948 in Frankreich bei einem Autounfall ums Leben, wie Braun mit Hilfe von Enkel Michel nun herausfinden konnte.

Rund 75.000 sogenannte Stolpersteine nach dem Konzept des Künstlers Gunter Demnig finden sich mittlerweile in Deutschland und 23 weiteren Länder. Vier davon befinden sich nun mitten im Herzen der Lechstadt.

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