Geschichte der Kalkbrennerei in Hohenfurch am Lech zwischen 1875 und 1939

Drei Tage, 1.000 Grad Celsius

Kalkbrennen Hohenfurch
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Lechstausee mit Hofstelle nach Wasserablass 1989. Erkennbar ist das ursprüngliche Flussbett des Lechs. Etwa 150 Meter rechts hinter der Insel befand sich der alte Kalkbrennofen.

Hohenfurch – Gebrannter Kalk oder Branntkalk wurde früher hauptsächlich für die Herstellung von Maurermörtel im Hausbau verwendet. Die Brennerei, die die Familie Schmid und ihre Nachkommen bei Hohenfurch unterhielt, sagt viel über das hiesige Leben im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert aus. Der ehemalige Gymnasiallehrer Peter Schratt hat einige Einblicke zusammengetragen.

Branntkalk sah so ähnlich aus wie gebrochene Kreidebrocken. Beim Vermischen auf der Baustelle mit Wasser, dem „Löschen“, erfolgte eine heftige chemische Reaktion, bei der sehr viel Hitze freigesetzt wurde. Nach mehrmaligem Rühren entstand Sumpf- oder Löschkalk, der mit Sand vermischt zu Maurermörtel weiterverarbeitet wurde. Stark verdünnt wurde Löschkalk auch zum Weißeln verwendet. Früher wurden regelmäßig im Herbst die Ställe geweißelt und auf diese Weise nicht nur verschönert, sondern quasi auch desinfiziert.

Aufgaben für die komplette Großfamilie

Nachdem er zuvor eine Landwirtschaft in Peiting/Oberobland besaß, kaufte der aus Burggen stammende Johann Schmid (geboren 1848) das Anwesen am Lech im Jahr 1874. Es war ein abgelegener, kleiner Hof, zirka zwei Kilometer außerhalb Hohenfurchs und nur über eine schlechte Straße unterhalb des Lechbergs erreichbar. Schmid und seine gleichaltrige Frau Franziska hatten insgesamt 17 Kinder, von denen zehn überlebten. Nur dadurch, dass alle Familienmitglieder tatkräftig mit anpackten, konnten die anfallenden Arbeiten sowohl in der kleinen Landwirtschaft als auch im Gewerbe erledigt werden. Mit einer sehr geringen Humusauflage erwies sich der Boden als nur mäßig fruchtbar. Für das Zubrot des Kalkbrennens bot der Standort aber mehrere Vorteile.

Denn der Lech stellte das Rohmaterial kostenlos zur Verfügung: Kalksteine aus den Kalk­alpen, sogenannte Lechkiesel. Eiszeitliche Gletscher hatten diese ins Voralpenland verfrachtet, ehe sie sich im Lauf ihrer weiteren Reise im Bett des damals noch reißenden Gebirgsflusses ablagerten. Das Sammeln der Steine erforderte viel Sachkenntnis, neben den Erwachsenen halfen auch die Kinder, Enkel oder Nichten und Neffen mit.

Kalkbrenner Johann Schmid vor seinem Bienenhaus (um 1900).

Der ovale, rund zwei Meter hohe Brennofen war wohl aus härteren Lechsteinen gemauert. Über ein größeres Schürloch konnte er mit gespaltenen Meterscheiten beschickt werden. Innen wurde zunächst ein Gewölbe von gut einem Meter Länge aufgeschichtet, bevor der Ofen von oben befüllt wurde. Alle Steine mussten so gestapelt werden, dass sich die Hitze gleichmäßig verbreitete. Mit Holzstangen, die senkrecht zum Gewölbe aufgestellt wurden, errichtete man Abzugskanäle für die heißen Rauchgase. Vor Regen schützte ein einfaches Dach. Fiel dieser heftiger und langanhaltend, konnte der Lech sehr schnell ansteigen und die Flammen löschen. Der Brennvorgang benötigte aber eine konstante Temperatur von etwa 1.000 Grad Celsius – und das volle drei Tage lang. Ging das Feuer aus, war alle Mühe umsonst. Kein Wunder, dass der Kalkbrenner streng darüber wachte, dass vor allem nachts nachgeheizt wurde und niemand einschlief.

Für einen Kubikmeter Steine brauchte man etwa zwei bis drei Ster Brennholz. Bei einer geschätzten Steinmenge von etwa vier Kubikmetern pro Brand war eine ganz schöne Menge Holz vonnöten, die die Familie aus Kostengründen teilweise lechabwärts einkaufte und dann mit dem Kahn gegen die Strömung herantransportierte – eine schweißtreibende Arbeit. Treibholz dürfte wohl auch verwendet worden sein. Die Holzasche düngte die kargen Böden.

Arbeit gab es genug auf dem Selbstversorgerhof: Da infolge der abgelegenen Lage die Milch nicht abgeholt werden konnte, musste sie händisch mittels Zentrifuge zu Butter, Käse und Quark verarbeitet werden. Was davon die Großfamilie nicht selbst verbrauchte, verkaufte sie in Schongau. Darüber hi­naus hielt sich Johann Schmid Bienenvölker, die ihm Honig lieferten, um den Speiseplan zu versüßen. Viel Zeit erforderte auch der Hausgarten, in dem Gemüse, Kartoffeln und Beeren wuchsen. Mehrere Apfelbäume stellten die Vitaminversorgung auch im Winter sicher.

Kalkbrenner, Bauer, Imker, Fährmann

Der Speiseplan bestand fast vollständig aus Mehlspeisen, Fleisch war eine Seltenheit. Maria Kirstein (1923-2017), die Nichte von Johann Schmids Schwiegersohn Georg Schilcher, erinnert sich: „Im Sommer bei der Ernte gab es täglich Schmalznudeln. Meine Tante war Profibäckerin. Es gab Topfenküchle, Ausgezogene, Hasenöhrl, Apfelküchle…Zur Brotzeit gab es Rettich, Gurken, welche der Onkel (also Georg Schilcher, d. Verf.) massenhaft anbaute. Auch Butter, Käse, Honig war immer am Tisch. Die Wurst, die manchmal ein Metzger brachte, wenn er ein Stück Vieh holte, verspeisten aber sie selbst. Auch Fleisch gab es für uns nicht zu essen.“ (Aus: Maria Kirstein: Von guten und schlechten Zeiten).

Georg Schilcher bei der Heuernte (1939). An ihn, seinen Schwiegersohn, hatte Johann Schmid das Anwesen mit Gewerbe im Jahr 1907 übergeben.

Obwohl es an Arbeit nicht mangelte, schaffte es Johann Schmid sogar noch, in den Jahren 1892 bis 1895 die Kalkbrennerkapelle am Lech zu errichten, nachdem seine Frau die Geburt ihres 17. Kindes trotz anderslautender Prognose doch noch überlebt hatte. Die Steine für den Bau stellte er selbst aus Kalk, Sand und Sägemehl her. Aufgrund dieser Beschaffenheit hielten sie auch nur ein halbes Jahrhundert, weil sie bei Feuchtigkeit mürbe wurden.

Nebenbei betrieb Johann Schmid auch noch eine Seilfähre, die den Hohenfurchern und Birkländern eine verkürzte Lechüberquerung in beide Richtungen ermöglichte. Eine willkommene Erweiterung des damals engen Aktionsradius, die nicht selten zu einer Heirat über den Fluss hinweg führte. Johann Schmids Schwiegersohn Georg Schilcher stammte allerdings von derselben Uferseite, aus Kinsau; an ihn und seine Frau Maria ging das Anwesen mit Gewerbe 1907 über.

Nachdem die gebrannten Steine nach gut einem Tag erkaltet waren, gingen sie in den Verkauf. Bauherren aus der Umgebung holten sie mit ihren Fuhrwerken am Brennofen ab. Einen weiteren Teil fuhren Johann Schmid und Schwiegersohn Georg Schilcher im Ort mit ihrem Ochsengespann aus. Der gebrannte Kalk wurde dabei offen oder in Fässern auf dem eisenbereiften Dungwagen transportiert, einem etwa drei Meter langen einachsigen Holzwagen mit Bordwänden aus dicken Brettern. Auch mit dem Kahn wurde Kalk befördert. Den Rest brachten die beiden Kalkbrenner mit ihrem Gespann nach Rottenbuch, wo sie eine Verkaufsniederlassung unterhielten. Für einen Zentner hochwertigen Branntkalk zahlte man vor dem Ersten Weltkrieg etwa zwei Mark. Vorsichtig geschätzt dürfte das einem heutigen Wert von etwa zwölf bis 14 Euro entsprechen.

In den Zwanziger- und Dreißigerjahren setzte mit der wachsenden Nachfrage nach Kalk und Zement verstärkt deren industrielle Gewinnung ein, sodass eine im bäuerlichen Nebenerwerb betriebene Kalkbrennerei nicht mehr konkurrenzfähig war. Johann Schmid starb 1921, Georg Schilcher 1939 an Herzschlag, seine Ehe mit Maria war kinderlos geblieben. Die verzweifelte Suche nach einem Pächter verlief erfolglos.

Mit dem einsetzenden Bau von Staustufen für die kriegsnotwendige Stromgewinnung wäre aber auch in Hohenfurch die Zeit des Kalkbrennens spätestens ab dem Bau der Lechstaustufe 8 zu Ende gewesen. Ihr Baubeginn war 1941, Fertigstellung 1947. Das Gelände, auf dem sich der Brennofen befand, versank im Lech­stausee.

Dank des Verfassers

Danken möchte ich den Zeitzeugen Maria Kirstein, der Klosterschwester Lindwina Schmid und Sebastian Brömauer, die mir bei den Recherchen geholfen haben. Mein Dank gilt auch dem jetzigen Besitzer, dem Bildhauer Egon Stöckle, der mir wertvolle historische Unterlagen zur Verfügung stellte und meine Arbeit fördernd begleitete.

Peter Schratt

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