Auf gesperrten Forstwegen

Lebensgefahr von oben

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Eigentlich unübersehbar ist das Banner, das Forstwirt Martin Schrödl und seine Kollegen aufhängen, ehe sie zur Kettensäge greifen.

Schongau – Immer mehr Menschen entdecken den Wald als Erholungsort für sich. Für den Schongauer Stadtförster Klaus Thien ist das eigentlich eine positive Entwicklung. Doch immer öfter werden die Erholungssuchenden auch zum Problem: Forstarbeiter klagen über unbelehrbare Spaziergänger, die Verbote bewusst missachten – trotz Gefahr für das eigene Leben.

Ein langgezogener Ruf hallt durch den Forchet-Wald, dann ertönt kurz der Motor einer Kettensäge. Wenig später setzt ein Rauschen ein, das immer lauter wird. Die 35 Meter hohe Fichte fällt Richtung Erde, erst langsam, dann immer schneller. Das Ganze dauert vielleicht drei bis fünf Sekunden, dann liegt der tonnenschwere Baum quer über dem Waldweg. Die Forstwirte Markus Schwarz, Martin Schrödl und Matthias Müller begutachten zufrieden ihr Werk, ehe sie damit beginnen den Riesen von seinen Ästen zu befreien und ihn in kleine Teile zu zersägen. Für die drei Männer ist das Routinearbeit, tagtäglich lassen die Profis Bäume zu Boden stürzen. Fast immer fallen sie dorthin, wohin sie sollen. 

So berechenbar der Fallweg ist, so unberechenbar sind jene, die ebenfalls tagtäglich die Wälder rund um Schongau durchqueren. Mountainbiker, Spaziergänger, Jogger: Die Zahl der Waldbesucher hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Für die Forstwirte wäre das nicht weiter schlimm, würden diese sich an die Absperrungen halten. Doch immer öfter kommt es vor, dass Spaziergänger vor den großen Warnschildern nicht Halt machen, sondern einfach weitergehen. „Die sehen das Risiko gar nicht, dass sie damit eingehen“, sagt Klaus Thien. 

Das lässt sich nämlich oft gar nicht so leicht erkennen, denn nicht immer arbeiten die Forstwirte direkt an den Wegen. „Die Leute sagen oft, ihr arbeitet dahinten, das betrifft uns doch gar nicht“, erzählt der Stadtförster. Dabei können die über 30 Meter hohen Bäume beim Fallen weitere mitreißen. Oft bleibt auch die Krone in benachbarten Bäumen hängen. „Die kann dann viel später beim nächsten Windstoß herunterfallen“, erklärt Thien, ein Grund, warum manche Wege auch des Nachts gesperrt bleiben, bis die Arbeiten abgeschlossen sind. 

Für Schwarz und seine Kollegen erhöht das den Druck. Immer wieder müssen sie sich davon überzeugen, dass kein Passant den Bereich der Fällung betritt. Einsicht zeigen die wenigsten. „Wir werden beschimpft, dabei tun wir nur unsere Arbeit“, klagt Schwarz. Selbst vor Handgreiflichkeiten schrecken manche nicht zurück. Vor kurzem musste Thien die Polizei rufen, weil ein 69-jähriger Schongauer sich weigerte, seine Personalien herauszugeben und den Stadtförster stattdessen mit Ellbogenstößen bedachte. 

Zu schlimmen Zwischenfällen ist es bislang glücklicherweise noch nicht gekommen. Im vergangenen Jahr allerdings konnte Thien im Doswald eine Frau in letzter Sekunde davor bewahren, unter einem fallenden Baum begraben zu werden. Sie war einfach an der Sperrung und den Arbeitern vorbeimarschiert. Ein anderes Mal rettete er eine alte Frau vor dem Erfrieren. Sie hatte nachts versucht, über mehrere über dem Weg liegende Kronen zu klettern und war dabei steckengeblieben. Nur durch Zufall entdeckte sie der Stadtförster auf eine Kontrollrunde. „Wir können nur an die Leute appellieren, sich an die Sperrungen zu halten“, sagt Thien und versichert: „Wir versuchen, die Wege immer so schnell wie möglich freizugeben.“

Christoph Peters

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