Einmaliger Schwertransport durch Schongau

Ein Haus zieht um

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Rund 50 Tonnen hängen hier am Kranhaken. Mit einem Joystick manövriert Kranführer Stefan Walk das Holzhaus von seinem bisherigen Standplatz auf den Tiefbettanhänger vor der Möbelcentrale.

Schongau – Ein Sprichwort besagt, dass, wer eine Reise tut, etwas zu erzählen hat. Es waren zwar nur knapp fünf Kilometer, die das Musterhaus zwischen Möbelcentrale und seinem neuen Standplatz im Gnettner-Baugebiet zurücklegen musste. Die Geschichte ist dafür aber umso länger.

Wer gedacht hatte, dass die beiden Kreisverkehre an der Marktoberdorferstraße das größte Problem für einen über 20 Meter langen und acht Meter breiten Schwertransport darstellen könnten, der wurde am vergangenen Wochenende eines Besseren belehrt. Denn bevor sich der Haustransport im Schongauer Westen überhaupt in Bewegung setzen durfte, galt es für die Beteiligten, zahlreiche Hindernisse aus dem Weg zu räumen. 

 Wie es zu dem spektakulären Transport kam: In den 1990-iger Jahren wurde hinter der Möbelcentrale, neben zahlreichen Lagerhallen, auch ein Holzmusterhaus von der Firma Reßle gebaut. Nach dem Verkauf des Areals an die Möbelcentrale mussten die Gebäude verschwinden, auch das Wohnhaus, das bis dahin als Büro genutzt wurde. Und an dieser Stelle kommt Christin Bruder ins Spiel; ihr Vater hat die Lagerhallen gekauft, sie das Wohnhaus, das im Neubaugebiet am Gnettner-Ring ein neues Domizil bekommen soll. 

 Was in Amerika Gang und gäbe ist, nämlich dass komplette Häuser umziehen, ist in Deutschland ein kleines Abenteuer. Mit Hilfe eines 400-Tonnen-Kranes und eines speziellen Tiefladers soll das Haus an seinen neuen Ort umgesetzt werden, Termin dafür ist Samstag um 13 Uhr. Eine gute Stunde soll es dauern, ist die Polizei zuversichtlich, die Ausnahmengenehmigung vom Landratsamt, vor allem für die Sperrung der Straßen, gilt bis 18 Uhr. Und dann kommt doch alles anders als erwartet.

 Es beginnt damit, dass der spezielle, ausziehbare Sattelanhänger mit Tiefbett, zu lang ist. Mit Maßband und allerhand Tabellen sind die Beamten der Verkehrspolizei aus Weilheim angerückt und stellen fest, dass der Tieflader so nicht fahren darf. In der Transportgenehmigung hat das Landratsamt die Route für das Haus genau berechnet, sowohl Breite als auch Länge und Gewicht müssen stimmen. Da darf dann die 660-PS-starke Zugmaschine mit dem Auflieger nicht mal eben einem halben oder einen Meter länger sein, erklären die Beamten der Verkehrspolizei. Aber auch die Abspannung des Wintergartens, der auf einem zweiten Lkw verladen wurde, wird moniert. Hier müssen die Zimmerleute nochmals ran, neue Fixpunkte für die Spanngurte setzen und die Holzkonstruktionen neu verzurren. 

Ganz so einfach ist es mit dem Haus nicht, zuerst muss der Auflieger zusammengeschoben werden, ehe Kranführer Stefan Walk kurz vor zwei Uhr das Musterhaus mit seinem Kran anlupft und auf die Tiefbrücke setzt – wobei das nächste Problem auftaucht: Das Haus ist zu schwer für den Auflieger, allen Berechnungen des Architekten zum Trotz. Weshalb nun, es ist bereits 14.30 Uhr, das Haus ausgeräumt wird – sogar Fenster und Türen werden ausgebaut, nur der Kachelofen im Wohnzimmer bleibt drin. 

Mit dreieinhalb Stunden Verspätung, die Nerven der Beteiligten liegen schon blank, setzt sich der Konvoi aus Polizei, einer mobilen Hebebühne und den beiden Schwerlastfahrzeugen schließlich in Bewegung. Um kurz vor Fünf erreicht das Haus das erste Hindernis auf seinem Weg, den Kreisverkehr am Ortseingang von Schongau. Nun ist Fingerspitzengefühl gefragt von Daniel Gehring. Er lenkt den Tieflader, der mit einer ordentlichen Schlagseite am Kreisel ankommt. Und erst einmal wieder in die Waagrechte gebracht werden muss mittels der Hydraulik des Tiefbettanhängers. 

Neben zahlreichen Begrenzungspfählen und Verkehrszeichen, die schon abgebaut wurden, kommt nun auch die Kettensäge zum Einsatz: tief hängende Äste entlang der Marktoberdorfer Straße, die das Haus beschädigen könnten, müssen weg. Immer wieder kommt der Konvoi zum Stillstand, während die Säge weitere Äste abschneidet, allmählich wird es dunkel und kalt. Davon allerdings lassen sich die zahlreichen Schaulustigen entlang der Straßen nicht abhalten, bis zum Ende am Gnettner-Areal stehen sie und beobachten den Konvoi, filmen und fotografieren. Selbst ein Spiel in der Dreifachturnhalle ist nicht so interessant, wie das Haus, das sich hier den Rößlekellerberg herunter quält. 

Und während der Vollmond über Schongau aufgeht, nähert sich das Haus im Schritttempo seinem Ziel. Und nicht wie gedacht eine gute Stunde, sondern mehr als vier Mal so lang brauchte der Lindwurm, um sich durch Schongau zu schlängeln. Dafür wird man das wohl aber auch die nächsten 30 Jahre nicht mehr erleben, sind sich die Zuschauer sicher, die ausgeharrt haben. Was jetzt kommt, ist wieder Routine – abermals wird das Haus an den Kranhaken genommen und auf den neuen, voraussichtlich auch endgültigen Standplatz gehoben. Wo es dann seinem künftigen Mieter die Geschichte seiner Reise erzählen kann. gau


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