Hava Sirin im Kreisboten-Interview über Türkei-Referendum:

"Muss mich ständig rechtfertigen"

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Hava Sirin (39) lebt seit ihrer Kindheit im Schongauer Land: „Hier funktioniert das Zusammenleben.“

Schongau – Über eine Gesetzes­änderung, gleichbedeutend mit einem erheblichen Machtzuwachs für Präsident Recep Tayyip Erdogan, hat die Türkei am 16. ­April abgestimmt. 51,4 Prozent aller Wähler votierten mit „Ja“. In Deutschland, wo sogar 61,1 Prozent der Wahlberechtigten ihre Zustimmung zum Ausdruck brachten, wird der Wahlausgang vorwiegend kritisch gesehen. Die größte Befürchtung: Droht der Türkei nun tatsächlich eine Diktatur? Über Beweggründe der vielen Erdogan-Befürworter und über Integration in Schongau hat der Kreisbote mit Hava ­Sirin (39) gesprochen. Sie ist Vorsitzende des Türkischen Elternvereins Schongau-Peiting und Umgebung e.V. sowie deutsche Staatsbürgerin türkischer Herkunft.

Was glauben Sie, wie hoch fiel die Zustimmung für Erdogan im Schongauer Land aus?

Sirin: „Wie genau die Quote in Schongau gewesen sein dürfte, kann ich nicht abschätzen. Das wäre reine Spekulation.“

Und warum, schätzen Sie, ist die Unterstützung für Präsident Erdogan unter Türken in Deutschland so groß?

Sirin: „Das ‚Evet‘ (türkisch für ‚Ja‘, Anm. d. Red.) sollte man nicht überbewerten. Die in Deutschland und Schongau lebenden Ja-Sager wollen damit lediglich ihren Familienmitgliedern in der Türkei ein Stück Verantwortung zurückgeben.“

Inwiefern?

Sirin: „Die Menschen in der Türkei sind inzwischen müde von den ständigen Putsch-Versuchen und Regierungswechseln, sie wünschen sich endlich Stabilisierung und eine Antwort auf den Terror. Mit dem Referendum wollen die Türken also nur das Beste für ihr Land und machen dabei gleichzeitig Gebrauch von ihrem Selbstbestimmungsrecht – ein Grundrecht, das niemandem verwehrt werden darf. Und so viel muss Demokratie aushalten können.“

Apropos aushalten: Warum, glauben Sie, haben viele Ihrer deutschen Mitbürger mit Unverständnis auf das Wahlergebnis reagiert?

Sirin: „Die Angst vor einer Erdogan-Diktatur ist hier in Deutschland groß, daran haben übrigens die einseitigen Berichterstattungen der Medien sehr großen Anteil. Dennoch: Einen Diktator kann man gar nicht wählen. Dass Präsident Erdogan 52 Prozent der Stimmen vom türkischen Volk erhalten hat, muss man schlichtweg respektieren. Stattdessen stehen viele Falschbehauptungen und falsche Informationen im Raum, die uns Deutsch-Türken unter Generalverdacht stellen.“

Zum Beispiel?

Sirin: „Der ständige Vorwurf, wir würden von den Vorzügen einer Demokratie hier zu Lande profitieren aber gleichzeitig den Türken eine Diktatur wünschen, finde ich völlig daneben. Damit sind wir hier tagtäglich konfrontiert, was zum Teil sogar in der Forderung gipfelt, dass Ja-Sager das Land verlassen sollen – das Land, in dem sie ihr Leben verbracht und zum Aufbau und Wohlstand ihren Beitrag geleistet haben. Ob Ja oder Nein, dafür sollte sich in einer Demokratie niemand verteidigen müssen. Auch ich muss mich in meiner Umgebung ständig rechtfertigen oder distanzieren, dabei durfte ich mich als deutsche Staatsbürgerin noch nicht mal an der Wahl beteiligen.“

Wie erklären Sie sich die ablehnenden Reaktionen? Hakt es am gegenseitigen Verständnis oder der Integration?

Sirin: „Der Begriff ‚Integration‘ ist in meinen Augen völlig veraltet, es geht vielmehr um die tatsächliche Anerkennung. Kinder von türkischen Familien, die schon in der dritten oder vierten Generation in Deutschland leben, sind immer noch häufig mit dem Thema Integration konfrontiert – dabei sind sie hier geboren, längst ein Teil von Deutschland und leben mehr die deutsche als die türkische Kultur. Auch die Medien nehmen mit ihrer starken Polarisierung viel Einfluss. Entscheidend ist letztendlich, dass das Zusammenleben klappt. Wir müssen es schaffen, wieder Brücken zu bauen und Vorurteile abzubauen.“

Wie bewerten Sie konkret die Integration von Türken in Schongau?

Sirin: „Hier hat das Zusammenleben bisher meistens gut funktio­niert. Klar gibt es ab und zu mal Ausnahmefälle, aber bei uns in der Kleinstadt geht Integration prinzipiell leichter als in den Metropolen. Unter Deutsch-Türken spielt das Referendum für das Zusammenleben übrigens keine Rolle. Egal ob mit Ja oder Nein gestimmt wurde, jeder ist frei. Man hört sich die Argumente der Gegenseite an. Nur so kann man sich dann auch selbst eine Meinung bilden.“

Positives Fazit für Schongau also. Sehen Sie dennoch Verbesserungspotenzial?

Sirin: „Natürlich. Die Beibehaltung der doppelten Staatsbürgerschaft, die inzwischen für viele Diskussionen sorgt, wäre beispielsweise sehr wichtig, um in Deutschland Mitspracherecht zu haben, auch politisch. Nicht-EU-Mitglieder haben kein Wahlrecht, selbst wenn sie schon seit Jahrzehnten hier leben. Sich infolgedessen mehr für die Politik des Herkunftslandes zu interessieren, ist nur die logische Konsequenz. Wer anderen eine Kultur aufzwingen will, wird mit seinen Integrationsbemühungen scheitern. Und beide Staatsbürgerschaften bedeuten ein Stück Identität.“

Mit Blick auf die Zukunft: Wird das neue Gesetz Konsequenzen für Türken in Deutschland und Schongau haben?

Sirin: „Nein, hier wird alles so weitergehen, wie es bisher auch war. Das Referendum ist sicher kein Grund, nicht mehr in die Türkei zu reisen oder beim Nachbarn vorbeizugehen und einen leckeren, türkischen Tee zu trinken. Jetzt gilt mehr denn je: Lasst uns über die Dinge reden.“

Interview: Marco Tobisch

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