Dreivierteljahrhundert Mesnerdienst

Herbert Stechele und seine 75 Jahre auf dem Auerberg

Zwei Mesner auf Ausfahrt im Goggomobil auf den Auerberg: Jubilar Herbert Stechele (auf dem Beifahrersitz) mit Werner Maier unter der Georgikirche.
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Zwei Mesner auf Ausfahrt im Goggomobil auf den Auerberg: Jubilar Herbert Stechele (auf dem Beifahrersitz) mit Werner Maier unter der Georgikirche.
  • vonJohannes Jais
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Bernbeuren – Dass er sich schon als Elfjähriger das erste Mal als Mesner betätigte, dass er mit 87 Jahren noch aushilft, dass mal in einem Jahr 32 Hochzeiten in der Europakirche gehalten wurden, dass der Mesnerdienst seit dem Jahr 1601 über 13 Generationen hinweg in der gleichen Familie gewesen ist und dass er in der höchstgelegenen Kirche im Bistum Augsburg vier Pfarrern gedient hat: Herbert Stechele aus Bernbeuren hat aus seiner Zeit als Mesner der Georgikirche auf dem Auerberg jede Menge zu erzählen.

Es ist schon ein ganz besonderes Jubiläum: 75 Jahre in diesem Dienst. Das betonten auch Pfarrer Thaddäus Biernacki von der Pfarreiengemeinschaft Auerberg und Diözesanleiter Klaus Probst vom Mesnerverband, als sie die Ehrung vornahmen. Dies geschah bei der Josefi-Messe, die früher immer in der Georgs­kirche auf dem Auerberg stattfand, aber heuer wegen Corona in der großen Bernbeurener Pfarrkirche St. Nikolaus gehalten wurde.

Dort ist seit Mitte der Neunzigerjahre Werner Maier (52) der Mesner. Er hat 2007 zudem die gleiche Aufgabe für die Georgs­kirche auf dem Auerberg übernommen, nachdem Herbert Stechele wegen seines Alters kürzer treten wollte. Und dennoch hilft der Senior noch aus, wenn Maier mal keine Zeit hat. Zuletzt war das im Jahr 2020 bei zwei Hochzeiten der Fall.

Werner Maier und Herbert Stechele verstehen sich bestens, auch wenn sie im Alter 35 Jahre auseinander sind. Beide sind im hellblauen Goggomobil schon zum Mesnertreffen in der Wies vorgefahren. Maier liebt Oldtimer und hat überhaupt ein Faible für historische Gerätschaften vom alten Radio bis zu Glockenschwängeln.

So hatte Stechele wieder seine Freude, als ihn der „Kollege“ mit zwölfeinhalb Pferdestärken an einem sonnigen Samstagnachmittag im April zu einer kleinen Ausfahrt auf den Auerberg abholte. Auf einem Bänkle vor dem 1.055 Meter hoch gelegenen Gotteshaus kommt er ins Erzählen.

Herbert Stechele, Jahrgang 1934, war in Rückholz im südlichen Ostallgäu aufgewachsen, wo er schon kurze Zeit Ministrant war, ehe er als Neunjähriger nach Bernbeuren kam. Seine Mutter hatte beim Stechele-Wirt auf dem Auerberg eingeheiratet. Herbert war der älteste von drei Buben.

Er half in der Gastronomie und in der Landwirtschaft. Er könne gut kochen, aber das habe er schließlich „lang gnua gmacht“, bekundet der Senior, der im hohen Alter noch am Herd steht und täglich das Essen für seine Frau und sich zubereitet.

Als Bub eingesprungen

Sein Vater war ebenso Mesner, hatte jedoch Asthma und konnte bei Nebelwetter den kurzen, aber steilen Anstieg vom Hof hinauf zur Kirche nicht mehr bewältigen. Da habe der damalige Pfarrer Josef Bauer den Buben spontan aufgefordert, dass er mit hinauf gehen und im Mesnerdienst einspringen solle. Das war der Anfang einer Ära, die über 75 Jahre gegangen ist.

Früher habe es noch viele Stiftmessen gegeben. Ein Höhepunkt sei immer der jährliche Georgiritt gewesen, zu dem tausende Reiter, Besucher und Gläubige Ende April auf den Auerberg strömten. In einem Jahr – welches es war, weiß er nicht genau – hatten sich 32 Paare vor dem Traualtar in der Wallfahrtskirche das Ja-Wort gegeben. Einmal habe der bestellte Pfarrer eine Hochzeit vergessen; da sei dann der frühere Pfarrer aus dem benachbarten Burggen kurzerhand eingesprungen.

Die meisten Brautpaare seien aus dem Schongauer Land und aus dem Ostallgäu gekommen, erinnert sich Stechele. Doch sei in dem Gotteshaus mit dem Titel der Europakirche einmal sogar ein Brautpaar aus Barcelona vermählt worden. Die Verständigung habe mit Händen und Füßen durchaus geklappt, schmunzelt der Mesner-Jubilar.

1976 heiratete Herbert Stechele. Er zog hinunter nach Bernbeuren auf den Hof seiner Frau Maria, mit der er einen Sohn und eine Tochter hat. Dennoch ist er in den vergangenen 45 Jahren die dreieinhalb Kilometer auf den Auerberg „alleweil nauf­gfahren“, wenn eine Messe oder eine Andacht gehalten wurde. Vier Pfarrern aus Bernbeuren hatte er gedient: Josef Bauer, Sebastian Scherer, Josef Dolp und Joachim Schnitzer.

»Vorstufe zum Paradies«

Die Sakristei, auf der Nordseite der Kirche angebaut, sei bitter kalt – oft sei’s dort sogar noch kälter als in der Kirche, weiß Herbert Stechele. Aber was sein Gemüt immer erwärmt hat, waren feierliche Gottesdienste auf dem Berg. Und dass er vorher oder nachher die Bekanntschaft mit vielen Leuten, manchmal von weither, machen konnte. Noch heute spricht Herbert Stechele einen Satz voller Überzeugung aus – und das hat nicht nur mit der Höhenlage zu tun: Der Auerberg sei für ihn „die Vorstufe zum Paradies“.

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