Schongaus lebendiges Gedächtnis

Welf 2019 mit neuen Erkenntnissen

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Manfred Merk beschrieb auch anhand einiger Bilder, was in der Pröpstetafel, einem Wandschrein im Chor der heutigen Pfarrkirche von Rottenbuch zu sehen ist.

Schongau – Noch zeitgerecht vor den Feiertagen ist der Welf 2019, das aktuelle Jahrbuch des Historischen Vereins Schongau – Stadt und Land erschienen. Unter anderem liefert er neue Erkenntnisse, wann das Ballenhaus gebaut wurde und beleuchtet die Geschichte des Klosters Rottenbuch. Altlandrat Luitpold Braun arbeitet darin das Schicksal der jüdischen Schongauer Familie Kugler auf.

Heide-Maria Krauthauf, Vorsitzende des Historischen Vereins, konnte am Samstagnachmittag des dritten Adventswochenendes viele interessierte Besucher im Stadtmuseum begrüßen. Das Interesse war so groß, dass zahlreiche weitere Stühle im Vortragsraum platziert werden mussten. Nicht ganz 400 Gramm sei er schwer und umfasse 158 Seiten, so Krauthauf. Mit Blick auf die Vergangenheit, wo dies nicht immer gelungen war – es ist der 19. Welf im Zeitraum 1993 bis 2019 – sagte sie: „In jedem Jahr wollen wir einen Welf herausbringen.“

Bürgermeister Falk Sluyterman machte es kurz: „Der historische Verein ist das lebendige Gedächtnis unserer Stadt.“ Darauffolgend nahmen vier Autoren die Gelegenheit wahr, ihre im aktuellen Band enthaltenen Aufsätze kurz vorzustellen.

Wie alt ist das Ballenhaus?

Franz Grundner, Zweiter Vorsitzender des Vereins, geht es in seinem Beitrag um eine Berichtigung der bisher in der Fachliteratur nachlesbaren Daten, wann das Ballenhaus gebaut wurde: Aufgrund der mittlerweile möglichen Altersbestimmung durch Datierung der Jahresringe wurden 2013 aus dem Dachwerk und 2015 aus der Ratsstube und dem Nebenraum Holzproben entnommen. Deren Ergebnisse sind in Grundners Aufsatz minutiös und dennoch gut und verständlich lesbar zusammengestellt. Insbesondere gelangt er zu der Feststellung, dass man insbesondere Ende der 1980er Jahre beim Umbau des Ballenhauses in ein Veranstaltungszentrum die seinerzeitigen Möglichkeiten einer exakteren Altersbestimmung nicht genutzt habe.

Alle Pröpste

Manfred Merk beschreibt, was in der Pröpstetafel, einem Wandschrein im Chor der ehemaligen Stiftskirche und heutigen Pfarrkirche von Rottenbuch, zu sehen ist. Wenn man sie aufklappt, was natürlich nur mit Erlaubnis und unter Aufsicht möglich ist, findet sich darin in Bild und Wort eine Auflistung aller 42 Pröpste, also Klostervorsteher, von der Gründung des Chorherrenstifts im Jahr 1073 bis zu seinem Ende im Jahr 1803.

Der Hauptteil seines Aufsatzes besteht aus der Transkription der Texte der Tafel und der Übersetzung. Dabei werden aus den damals – circa 1600 bis 1800 – vorhandenen Klosteraufzeichnungen die jeweiligen wichtigen Ereignisse der Amtszeit des Propstes erwähnt.

Lesen in der Lechstadt

Harald Scharrer beschreibt „100 Jahre öffentliche Bibliotheken in Schongau“. Sein Aufsatz skizziert auf den ersten Seiten verschiedene institutionelle Bibliotheken, die natürlich auch dem ihrem Ideal gemäßen Bildungsinteresse beziehungsweise -auftrag dienten. Zu den vielen interessanten zeitgeschichtlichen Informationen gehört ganz sicher auch, dass nach der über Jahrzehnte währenden Führung der Stadtbücherei durch Edith Seuferlein schon in den 1960er Jahren Ausstellungen zu englischer Literatur und Paperbacks (Taschenbüchern) stattfanden. Darüber hinaus gab es Preis- und Märchenrätsel für kleine Leser, bei dem zahlreiche Buchpreise zu gewinnen waren. Ein Aufwand, der sich ganz offensichtlich bezahlt gemacht hatte: Schongau wies in den 1970er Jahren den besten Lesewert bei Städten unter 10.000 Einwohnern auf.

Schongauer NS-Opfer

Altlandrat Luitpold Braun, der vor seiner 2008 zu Ende gegangenen Amtszeit von 1983 bis 1996 auch Erster Bürgermeister von Schongau war, hat seinen Aufsatz in dem Jahresband einer jüdischen Familie aus Schongau gewidmet. Seine hierfür angestellten Recherchen hatten ihn auch über die Grenzen Deutschlands hinaus nach Straßburg in Frankreich geführt. Es handelt es sich um die im Wesentlichen auf öffentlich bekannte und amtliche Daten und Fakten aufbauende Geschichte der Familie Kugler und von der Herkunft und den verwandtschaftlichen Beziehungen des Moritz Kugler.

Dieser hatte mit seiner Frau Auguste im Jahr 1902 ein Kleiderwarengeschäft als Gewerbe anmeldet. Kurz nach dem Tod der Ehefrau 1904 heiratete er wieder und führte mit seiner zweiten Ehefrau Rosa bis 1935 ein Herrenkonfektionsgeschäft auf dem Marienplatz. Im Zweiten Weltkrieg wurden sie vermutlich nach München abgeschoben, im August 1942 nach Theresienstadt bei Prag deportiert und dort im Juli beziehungsweise August ermordet. Der Lebensabriss wird über die beiden Söhne weitergeführt, bis zu Rosa, der Ehefrau des älteren Sohns Norbert, die im Jahr 1985 auf ihrer Flucht aus der DDR bei dem damaligen Bürgermeister von Schongau, Luitpold Braun, vorsprach.

Es ist eine jüdische Familiengeschichte, von der Braun berichtet. Sie ist kurz gehalten, auch deshalb, weil vieles nicht oder nur unzureichend bekannt ist. Bedenklich stimmt wohl auch heute noch, dass Braun nach der besagten Vorsprache 1985 außer seinem späteren Stellvertreter Helmut Schmidbauer niemanden davon erzählt hatte. Weil in den 1980er Jahren „die Verhältnisse noch nicht so waren wie heute“, so Braun dazu.

Viel Nicken erntete Bettina Buresch (ALS/Grüne) bei der Weihnachtssitzung des Schongauer Stadtrats für ihren Vorschlag, in Gedenken an die jüdische Familie Kugler eine Tafel oder einen sogenannten Stolperstein am Marienplatz zu verwirklichen. Das Schicksal der ihrer Recherche nach einzigen Schongauer Familie, die Mitglieder im Holocaust verlor, dürfe nicht in Vergessenheit geraten, so Buresch. Weil der Antrag erst am Vortag einging, konnte er nicht mehr zur Abstimmung vorgelegt werden. „Die Verwaltung wird das für eine der nächsten Sitzungen vorbereiten“, versprach Bürgermeister Falk Sluyterman.

Naturdenkmäler

Alfred Gößmann hatte sich für seinen Vortrag entschuldigen lassen, so dass Heide-Maria Krauthauf einiges über dessen Inhalt zum Thema Naturdenkmäler im ehemaligen Landkreis Schongau vorstellte: Die Denkmäler sind seiner Beschreibung nach Einzelschöpfungen der Natur beziehungsweise entsprechende Flächen bis fünf Hektar, die bestimmte Kriterien des Bundesnaturschutzgesetzes erfüllen. Im Anschluss an seine allgemeinen Ausführungen bietet er einen Katalog, in dem er alle im Altlandkreis gelegenen Naturdenkmäler auflistet.

Alfred Gößmann ist der beste Kenner dieser Denkmäler, hat alle fotografiert und beschreibt diese zum Stand von Mai 2019. Dabei weist er auch darauf hin, dass etliche Naturerscheinungen unserer Region Denkmalcharakter aufweisen, aber dennoch nicht so geschützt sind beziehungsweise unter diesen aufgelistet sind. Verwaltet werden die Naturdenkmäler von der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt. Ein sehr interessanter und sehr informativer Aufsatz, der durch zahlreiche wunderschöne Bilder noch mehr Anklang finden sollte.

Neben den von den sechs Autoren vorgestellten und beschriebenen Beiträgen enthält der aktuelle Welf die Rede von Helmut Schmidbauer, die er anlässlich eines Festakts am 4. November 2018 gehalten hat. Das Thema: 750 Jahre Schongau als Teil Bayerns. Weiterhin enthält der Welf die Bibliographie für Schongau und Umgebung 2018 bis 2019, erstellt von Manfred Müller und die Vereinschronik mit den Veranstaltungen des Historischen Vereins sowie den Veranstaltungen des Museums von November 2018 bis Oktober 2019.

Den Welf gibt es seit 1993. Die diesjährige 500 Exemplare starke Auflage ist in Schongau in der Bücher-Galerie und im Stadtmuseum (zu den Öffnungszeiten) sowie in Peiting bei Buch am Bach erhältlich. 

mel/ras

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