Zerrissenheit und Hoffnung

Hubert Distler – Der »Hausmaler« der Evangelischen Kirche in Bayern

Hubert Distler Künstler 1980
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Hubert Distler bei der Arbeit 1980.

Schongau – Zu einem seltenen Anlass ist es am vorvergangenen Sonntag in der frisch renovierten Schongauer Dreifaltigkeitskirche gekommen: Die neuen Prinzipalien wurden in Dienst genommen. So weit, so besonders. Interessant ist aber auch ein Augenmerk, das auf der Gestaltung von Ambo, Taufbecken und Co lag: Sie sollten in positiver Wechselwirkung zu den bunten Glasfenstern Hubert Distlers stehen, die als ganz besondere Schmuckstücke des Gotteshauses gelten. Eine Überlegung, die ganz ähnlich schon einmal angestellt wurde: Bei der Entstehung der Glasfenster entschied sich ihr Schöpfer dazu, eine eigene bereits vor Ort vorhandene Arbeit wieder verschwinden zu lassen. 

Betritt man die evangelische Dreifaltigkeitskirche, fallen die drei in leuchtenden Farben gehaltenen Glasfenster hinter dem Altar ins Auge. Sie haben Weihnachten, Karfreitag und Pfingsten zum Bildthema. Entworfen wurden sie vom heute für seine kirchliche Kunst hochgeschätzten Hubert Distler.

Distler, geboren am 13. Juli 1919 in Lindau, kam im März 1926 mit seinen Eltern und seinen Geschwistern nach Schongau, wo sein Vater Georg als Lokomotivführer bei der Reichsbahn arbeitete. Er besuchte die Volksschule bis zur sechsten Klasse und zeigte hier ein beachtliches künstlerisches Talent. Gerne wäre er auf eine weiterführende Schule gewechselt. Aufgrund der finanziellen Verhältnisse der Familie war das allerdings nicht möglich. Außerdem hatte sein Vater für Hubert eine Laufbahn bei der Bahn vorgesehen.

Die Farbglasfenster im Chor der Schongauer Dreifaltigkeitskirche von Hubert Distler mit den Bildthemen Weihnachten, Karfreitag und Pfingsten (v. links).

Nur mit Mühe konnte Georg Distler doch dazu überredet werden, dass Hubert als Fahrschüler von 1931 bis 1937 die Realschule in Weilheim besuchen durfte. Auch dort fiel er durch sein Zeichentalent auf, sodass er durch den Verkauf von Zeichnungen sein Taschengeld aufbesserte.

Nach Beendigung der Schulzeit wusste Hubert Distler nicht so genau, was er werden wollte – vielleicht Architekt, Ingenieur oder Maler. Daher entschied er sich erst einmal zu einem zweijährigen Militärdienst. 1938 kam er zum Reichsarbeitsdienst und mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde er Soldat.

Während eines Studienurlaubs studierte er im Sommer 1942 ein Semester an der Akademie der Bildenden Künste in München bei Prof. Franz Klemmer. Einschneidend für sein gesamtes weiteres Leben war der 23. Oktober 1943.

Auf Leben und Tod

An diesem Tag zertrümmerte ihm bei einem Partisanenangriff in der Nähe der ukrainischen Stadt Nikolajew ein Explosivgeschoss den linken Oberschenkel. Das Bein musste abgenommen werden und Distler rang tagelang mit dem Tod. Er überlebte und tröstete sich: „Ich habe ja noch meine Hände zum Malen.“

Noch vor Kriegsende heiratete Distler im Februar 1945 in Schongau die Krankengymnastin Hildegard Krisp. Ab 1946 studierte er wieder an der Akademie in München mit dem Schwerpunkt Monumentalmalerei und Wandgestaltung mit Berücksichtigung christlicher Kunst.

Bereits als Student erhielt er seinen vermutlich ersten Auftrag für eine Wandmalerei in einem öffentlichen Gebäude: Der Kirchenvorstand der Evangelischen Kirche in Schongau hatte beschlossen, die drei Fenster im Chor verschließen und die gesamte Chorbogenwand mit einem Wandbild, das die Seligpreisungen aus der Bergpredigt zeigen sollte, bemalen zu lassen.

Blick vom Schiff der Dreifaltigkeitskirche auf die Chorbogenwand in den Nachkriegsjahren. Schon 1961 sorgte Hubert Distler selbst dafür, dass sein Wandbild, das die Seligpreisungen aus der Bergpredigt zeigt, wieder verschwand.

Mit der Wandmalerei wurde Distler, der selbst der evangelischen Gemeinde in Schongau angehörte, beauftragt. Insgesamt acht Personengruppen, die mit Spruchbändern verbunden waren, versinnbildlichten die einzelnen Seligpreisungen.

1951 siedelte Hubert Distler nach München über und schloss mit dem Wintersemester 1951/52 sein Studium ab. Nachdem seine erste Ehe geschieden worden war, heiratete er 1952 seine Kommilitonin Eva Beer und arbeitete fortan als selbstständiger Künstler.

Distlers Bildsprache

Über die Jahrzehnte entwickelte er sich zu so etwas wie einem „Hausmaler“ der Evangelischen Kirche in Bayern. Er hatte „eine Form- und Bildersprache erfunden, die gekennzeichnet ist sowohl von der Zerrissenheit und Bedrohung, Qual und Leiden, als auch der Sehnsucht und Hoffnung nach Heilung im Heil“, so Bernhard Bach im Heft 4-1989 der Zeitschrift „Das Münster“.

Diese Elemente finden sich auch in den Glasfenstern in der Dreifaltigkeitskirche aus dem Jahr 1961, eine seiner ersten Glasarbeiten überhaupt. Distler selbst veranlasste in diesem Zusammenhang die Übermalung seines Wandbildes, da er es nun als künstlerisch fragwürdig empfand – eine typische Selbsteinschätzung zum eigenen künstlerischen Frühwerk – und es die Wirkung seiner neuen Farbglasfenster beeinträchtigt hätte.

Wie sehr diese heute noch geschätzt werden, zeigt das Konzept der neuen Prinzipalien in der Dreifaltigkeitskirche: „Altar, Ambo und Taufe nehmen sich farblich zurück und stehen nicht in Konkurrenz zu den farbigen Fenstern“, erklärte ihre Künstlerin Sabine Straub.

Für die evangelische Kirche in Peiting schuf Hubert Distler 1980 das Glasfenster „Sonne und Kreuz“. Er starb, ausgezeichnet unter anderem mit dem Kunstpreis der Evangelischen Landeskirche Bayern und dem Bundesverdienstkreuz am Bande, im Jahr 2004 in Wildenroth.

Im neuen Welf

Weiteres zur Ausstattungsgeschichte der Dreifalttigkeitskirche, zusammengetragen von Pfarrerin Julia Steller, Pfarrer Jost Herrmann und Harald Scharrer, findet sich im neuen Welf, dem Jahrbuch des Historischen Vereins Schongau – Stadt und Land.

Harald Scharrer/ras

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