»Es muss etwas passieren«

Jahresrückblick der Musikschule Pfaffenwinkel mit klarem Appell

Bläserklasse Schongau
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Wegen einer Rekordanmeldung zur Bläserklasse in Schongau wurde eine zweite Klasse eingerichtet.
  • VonRasso Schorer
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Schongau – Als sehr unheilvoll fasste 1. Vorstand Erwin Krauthauf das zurückliegende Jahr bei der Mitgliederversammlung des Fördervereins Freunde der Musikschule Pfaffenwinkel am Montag vergangener Woche zusammen. Vieles habe auf der Strecke bleiben müssen. Er, gleichsam auch 1. Vorstand des Musikschulvereins, und Schulleiter Marcus Graf konnten dem Geschehen 2020 neben viel Unerfreulichem aber auch positive Aspekte abgewinnen.

Eine Obergrenze von maximal 350 Unterrichtsstunden pro Woche hat sich die Musikschule aus finanziellen Gründen verordnet. Die Marke von 332 wurde im letzten Jahr erreicht. Dabei gelang es, das Angebot im Schongauer Umland zu festigen und auszubauen.

Immer mehr Standorte

In der Lechstadt selbst, in Altenstadt, Apfeldorf, Bern­beuren, Burggen, Hohenfurch, Kinsau, Ingenried, Schwabbruck und Steingaden sowie 2020 neu Hohenpeißenberg und Lechbruck bringt sich die Musikschule ein – das sind elf Standorte. Und immerhin: Die widrigen Gegebenheiten des Jahres trugen noch zu einer Intensivierung der Zusammenarbeit mit Schulen und Gemeinden bei, so Graf.

Konkret stellen Percussionklassen in Apfeldorf, Lechbruck und Steingaden sowie eine in Hohenpeißenberg, eine Bläserklasse in Bernbeuren und die Möglichkeit zur musikalischen Früh­erziehung in Ingenried neue Angebote dar, die im vergangenen Jahr neu eingerichtet werden konnten. Dank einer Rekordanmeldung zur Bläserklasse in Schongau und deren wegen Abstandsmaßnahmen ohnehin vergrößerten Platzbedarfs wurde hier eine zweite Klasse eingerichtet.

Als „absolut genial“ bezeichnete Graf die Anschaffung einer Veeh-Harfe: Sie ermöglicht es Kindern ein Instrument zu spielen, denen dieses Vergnügen andernfalls – zum Beispiel aufgrund einer Behinderung – verwehrt bliebe.

Erfreulich fand Krauthauf die Ausweitung und den wachsenden Stellenwert der Musikschule in der Region. Die neuen Angebote weckten auch Begehrlichkeiten dort, wo die Musikschule noch nicht vertreten ist.

In Planung sind neue Bläserklassen in Hohenpeißenberg, Steingaden, Lechbruck und Schongau sowie eine Percussionklasse in Bernbeuren als Vorstufe für die Bläserklasse. Der rückläufigen Entwicklung des Streichersektors in Schongau soll ebenfalls eine neue Percussionklasse entgegenwirken. Neben einem Serenadenkonzert im Klosterhof ist auch noch eine Kooperation mit dem neuen Hohenpeißenberger Kindergarten in Vorbereitung. Erklärtes Ziel sei es nun, dass alle Gemeinden Mitglied der Musikschule werden, so Krauthauf.

Insgesamt 32 Musiklehrer tragen all diese Angebote der Musikschule derzeit. Auf die Abgänge der letzten Jahre seien stets Neuzugänge gefolgt, freuten sich Krauthauf und Graf über ein Team, das laut Schulleiter „unglaublich viel Energie und Potenzial“ mitbringe und die erzwungenermaßen konzertfreie Zeit mit Fortbildungen nutzt.

Verstörende Situation

Sein diesjähriger Bericht falle völlig anders aus als gewohnt, hatte Graf schon einleitend festgestellt. Die Probleme, die er beobachte, „gehen weit“ über das Feld der Musik hinaus. „Verstört“ sei ein hartes Wort, doch genau so erlebe er viele Kinder und Jugendliche zusehends, insbesondere jene im Alter zwischen zwölf und 15 Jahren.

Tiefe Einblicke

Der Blick, den die Musikschule in die Familien hinein erhalte, bezeichnete er als tiefer, als er sich beispielsweise den Schulen bietet. Wie schwer die seit Monaten drückende Situation auf den Kindern und Jugendlichen lastet, „das kriegen wir hautnah mit“. „Es muss jetzt schleunigst etwas passieren“, benannte der Schulleiter sich ausbreitende psychische Schäden in gravierender Ausprägung und großer Zahl. „Es gibt Eltern, die sagen: ‚Ich weiß nicht, was mit meinem Kind los ist‘, denen rinnen die Kinder wie Sand durch die Finger“, schilderte Graf.

Ihr seien Fälle von Angststörungen und Selbstmordversuchen bekannt, sagte 2. Musikschul- und Fördervereinvorstand Elisabeth Malzer. Sie beklagte, dass der Musikschule als stabilisierendem Faktor keine Impfpriorisierung für ihre Lehrer zuteil wurde. „Das zeigt, in welcher Gesellschaft wir leben; das werfe ich der Politik vor.“

Er sehe es als seine Aufgabe, Hilferufe an die Politik zu adressieren, erklärte Graf. Diese erlebe er als sehr nervös; „sie weiß nicht richtig, wie mit der Kultur was anzufangen ist.“

Dynamik bei Austritten

Blieb die Zahl der Schüler, die aufhören, lange Zeit überschaubar, so habe sich das in den Tagen vor der Versammlung am Montag vergangener Woche geändert, beschreibt Graf. Die Zahl der Austritte nehme Fahrt auf. „Seit dieser Woche schlafe ich nicht mehr ruhig.“

Dafür, dass insgesamt aber viele Familien der Musikschule treu bleiben, bedankte sich Krauthauf. Dazu habe sicherlich auch die freiwillige Rückvergütung für ausgefallenen Gruppenunterricht beigetragen, vermutete er.

Zu dieser finanziellen Belastung kamen für die Musikschule Verluste durch weggebrochene Konzerte und Veranstaltungen auf der einen, Investitionen für die Durchführung von Onlineunterricht auf der anderen Seite hinzu.

Als „unheimlich erfreulich“ bezeichnete Krauthauf aber die Einnahmesituation des 240 Mitglieder starken Fördervereins von – auch dank akquirierter Sponsoren – 46.000 Euro. Diesen stehen Ausgaben von 28.000 Euro gegenüber, davon allein 20.000 für Instrumente. Der Musikschulverein selbst schloss bei Einnahmen von rund 614.000 Euro und Ausgaben von zirka 623.000 Euro mit einem Verlust ab, der aus dem Übertrag 2019 gedeckt wird.

Rückblick auf 2020 und aktuelle Lockerungen

2020 in der Übersicht

Im März musste die Musikschule geschlossen werden, „binnen eines Tages erfolgte beim Einzel­unterricht die Umstellung auf Online-Unterricht“, erinnert sich Graf. Im Mai kehrte der Einzelunterricht in die Präsenz zurück, der Gruppenunterricht zog ab Juni nach. Fortan sei ein normaler Betrieb mit Schutz- und Hygienekonzepten erfolgt, beschreibt Graf, allerdings mit Einschränkungen für die Bläserklassen. Ab November nahmen die Einschränkungen nochmals zu, ebenfalls ab Dezember. Kurz vor Weihnachten wurde dann die erneute Schließung vollzogen. Ab März 2021 war Einzelunterricht erlaubt, ab Ostern erfolgte abermals die Schließung. Als „schwer betroffen“, stuft Graf die Singklassen und Chöre ein. Durch das Tragen der Masken falle die Mimik als eines der wichtigsten Kommunikationsmittel in der Musik flach, Trennwände sorgen für eine „gewisse Abgrenzung und Isolierung“ zwischen Lehrern und Schülern.

Aktueller Stand zu Probe und Veranstaltung

Bei der Pressekonferenz vom Dienstag zu den Beschlüssen des Bayerischen Kabinetts wurde bekannt, dass ab dem vorgestrigen Freitag, 21. Mai , Kulturveranstaltungen im Freien mit maximal 250 Zuschauern auf festen Sitzplätzen dort wieder erlaubt sind, wo die 7-Tages-Inzidenz stabil unter 100 liegt. Das gilt für den professionellen Bereich ebenso wie für Laien- und Amateurensembles. Für die Besucher gilt eine Testpflicht, außer, die 7-Tages-Inzidenz liegt stabil unter 50. Die Möglichkeit, dass ab dem 21. Mai Proben bei einer stabilen 7-Tage-Inzidenz unter 100 grundsätzlich wieder möglich sind, hatte der Ministerrat bereits am 10. Mai eröffnet. „Um Planungssicherheit für alle zu ermöglichen, beauftragt der Ministerrat das Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, das notwendige Rahmenhygienekonzept mit dem Staatsministerium für Gesundheit und Pflege umgehend abzustimmen und schnellstmöglich zu veröffentlichen“, hieß es dazu am Dienstag.

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