Jahrhundert-Unwetter beschäftigt Stadtrat

"Das schafft kein Kanal"

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Der überschwemmte Realschulkeller.

Schongau – Fast genau ein Jahr ist es her, dass ein Jahrhundert- Unwetter am 6. Juli 2012 in Schongau West für überflutete Keller sorgte. Seitdem versuchen die betroffenen Anwohner die Stadt für die Schäden zur Verantwortung zu ziehen. Jetzt beschäftigte sich der Stadtrat mit dem Thema.

Gerade erst war Walter Frömmrich aus Deggendorf zurückgekehrt. Dort, wo die Flut für katastrophale Überschwemmungen gesorgt hat, hatte der technische Werkleiter mit seinem Team vom THW Schongau drei Tage lang die Autobahn 92 von den Wassermassen befreit, um die wichtige Verkehrsverbindung wiederherzustellen. Vor diesem Hintergrund wirkt das Unwetter, das am 6. Juli 2012 für überschwemmte Keller in Schongau West sorgte, fast harmlos. 

Dennoch hatte sich Frömmrich akribisch auf die Stadtratssitzung am Dienstag vorbereitet, in der jenes Wetterphänomen noch einmal aufgearbeitet werden sollte. Endgültig wollte er die Vorwürfe der betroffenen Anwohner entkräften, die der Stadt eine Mitschuld an den vollgelaufenen Kellern geben. Dass das Thema überhaupt im Gremium landete, hatte Bürgermeister Karl-Heinz Gerbl auf den Bürgerversammlungen zugesagt.

Frömmrich begann mit einer Reihe Internetvideos, die die überfluteten Straßen und Grundstücke zeigten. 30 Liter pro Quadratmeter seien damals in zehn Minuten niedergekommen – mehr als jeder Kanal verkraften könne, betonte er. Dann ging es weiter mit etlichen Diagrammen und Statistiken, die den Verlauf und Auslastung der Kanäle und Rückstaubecken zeigten sowie einer Übersichtskarte, die verdeutlichte, wie wenig Regenwasser in Schongau West auf Grundstücken versickern kann. 

Immer wieder sei in der Vergangenheit zudem der Grundentwässerungsplan angepasst und allein seit 2004 vier Millionen Euro in Sicherheitsmaßnahmen investiert worden, berichtete Frömmrich. Ein Ereignis, wie das am 6. Juli, komme laut Statistik einmal in hundert Jahren vor, machte der Werkleiter klar. „Dafür kann man keinen Kanal auslegen.“ Für derartige Vorkommnisse müssten die Hauseigentümer selbst Vorsorge treffen, wie es auch in der städtischen Satzung geregelt sei, etwa durch Rückstauklappen. „Wer das gemacht hat, der hatte auch kein Problem“, betonte Frömmrich. 

Das bestritt auch der Fachplaner nicht, den die Betroffenen beauftragt hatten. Sein Vorwurf ging in eine andere Richtung. Demnach habe die Stadt es versäumt, die Entwässerung bei Bauanträgen zu prüfen, erklärte Manfred Köhler. „Pläne wie hier hätten nie genehmigt werden dürfen.“ Die Anschlüsse entsprächen nicht den DIN-Normen. „Das kann ich beweisen.“ Ein ähnliches Versäumnis habe er in 30 Jahren Berufsleben nicht erlebt. Dass sich der Fachplaner bei seinen Vergleichen auf Metropolen wie München bezog, erwies sich allerdings als wenig aussagekräftig. 

Stephan Hild (UWV), selbst Bauingenieur, bestätigte zwar, dass in der Landeshauptstadt und in Seegemeinden tatsächlich eine derartige Überpüfung gebe, sonst sei ihm das aber noch nirgendwo begegnet. „Da muss man eher fragen, warum der Planer nicht DIN-konform gebaut hat?“ Diese träfe natürlich eine Mitschuld, räumte Köhler ein. 

Auch wenn die Stadt nichts dafür könne, forderte die CSU Frömmrich auf, die Betroffenen noch einmal aktiv zu beraten – ungeachtet der Tatsache, dass der Werkleiter und seine Mitarbeiter dies bereits getan und sogar ein Flugblatt mit Informationen hatten verteilen lassen. „Die Möglichkeit einer Beratung besteht auch weiterhin", betonte der Werkleiter. 

Einen Fond, der den sozial Schwächeren der Geschädigten finanziell unter die Arme greifen soll, lehnte das Gremium hingegen ab. „Wir können nicht allen Bürgern die Kosten einiger weniger aufbürden, die sich eigentlich selbst schützen sollten“, begründete Gerbl. Weitere bauliche Maßnahmen wie Flutbecken scheitern laut Frömmrich an hohen Kosten und mangelndem Platz in diesem Gebiet.

Christoph Peters

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