Messe, Workshops, Festival:

Mega-Event Musiconnect

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Die Kirstein-Belegschaft im jahr 1995 vor ihrem Laden in der Schongauer Altstadt. Heute beschäftigt das Unternehmen 130 Mitarbeiter.

Schongau/Altenstadt – Rund 10.000 musikbegeisterte Besucher könnten von Freitag bis Sonntag an Lech und Schönach kommen. Denn das Musikhaus Kirstein, eines jener erfolgreichen hiesigen Unternehmen, die von Schongau und Altenstadt aus in die ganze Welt vernetzt sind, feiert seinen 30. Geburtstag. Was ursprünglich als gemütlicher Termin geplant war, nimmt mittlerweile Dimensionen an, die ähnlich beeindrucken wie der Werdegang des einstmals kleinen Unternehmens in der Schongauer Altstadt. „Musiconnect“ heißt das große Event, das die Massen mit einem Mix aus Messe, Workshops und Festival anlocken will.

Geschäftsführer und Gründer Klaus Kirstein bringt es auf den Punkt: „Früher sind die Musiker nach München gefahren, um sich auszurüsten, heute kommen die Münchener zu uns.“ Sein Musikhaus, eines der größten Deutschlands, entfalte eine „magnetische Wirkung“. Da könne es schon vorkommen, dass beispielsweise ein Berliner seinen Urlaub im Alpenvorland dazu nutzt, um einen Abstecher zum Ladengeschäft in der Bernbeurener Straße in Schongau zu unternehmen – Wohnmobil-Übernachtung auf dem dortigen Parkplatz inklusive.

Ob der Magnet Kirstein auch von Freitag, 29. September, bis zum darauffolgenden Sonntag zieht, darauf sind der Chef und seine zwei Marketing-Verantwortlichen Alexander Heger und Markus Herz sehr gespannt. Denn das, so Kirstein, ursprünglich als kleines Fest geplante 30-jährige Firmen-Jubiläum hat das Potenzial, scharenweise Besucher nach Schongau und Altenstadt zu locken. „Es wäre schon schön, wenn wir die Zehntausender-Marke knacken würden“, hofft Heger.

Musiconnect nennt sich das Event, das für so viel Trubel an Lech und Schönach sorgen soll. „Das riesen Potenzial ist eigentlich schnell ersichtlich geworden“, erklärt Herz. Denn die Anfrage an die Marken, die das Musikhaus vertreibt – und das sind quasi alle namhaften – ob sie etwas zu den Feierlichkeiten beitragen könnten, sei auf gewaltiges Echo gestoßen. „Die Industrie ist gleich angesprungen“, blickt Herz zurück. Kirstein und seine Mitstreiter waren mit ihrem Anliegen auf mehr als fruchtbaren Boden gestoßen.

Die Gründe dafür: „Die einzige nennenswerte deutsche Messe in Frankfurt leidet unter Besucherschwund“, stellt Herz dar. Gleichzeitig schließen viele kleine Musikhäuser, die dem Wettbewerb nicht mehr gewachsen sind. Kirstein spricht von einem „heftigen Sterben“. Die Folgen treffen die Musik-Firmen beträchtlich, der direkte Kontakt mit dem Käufer ginge zusehends verloren und damit eine große Chance, Begeisterung für neue Produkte zu entfachen. Termine wie die Musiconnect seien daher begehrte Gelegenheiten für die Unternehmen, diese verblassende Beziehung zum Kunden wiederzubeleben. 90 Aussteller, zählt Herz auf, hätten ihr Kommen zugesagt und sich in den Hotels der Umgebung eingebucht. Über rund 2.000 Quadratmeter wird sich der Messebereich erstrecken, der aber nur einen mehrerer Musiconnect-Aspekte ausmacht.

Insider plaudern aus dem Nähkästchen

Einige „Produkt-Insider“, wie Heger die anreisenden Fachleute nennt, werden nicht nur an ihren Ständen Rede und Antwort stehen, sondern auch einige Workshops leiten. „Das reicht vom Blasmusik-Kurs bis zum High-Tech-Recording“, freut sich Kirstein. Doch eine Info-Veranstaltung nur für aktive Musiker ist die Musiconnect keineswegs.

Die Marketing-Mitarbeiter Markus Herz (links) und Alexander Heger (rechts) blicken der Musiconnect gemeinsam mit Chef Klaus Kirstein (Mitte) gespannt entgegen.

„Eigentlich organisieren wir hier ein Musik-Festival“, findet Herz mit Blick auf die zahlreichen Live-Acts; permanent fänden Auftritte statt. Und die hätten es durchaus in sich. Die Kapelle Gloria sei jedem Blasmusiker ein Begriff. Gitarrist Marcus Deml, der ebenfalls seine Visitenkarte abgibt, gelte als einer der „top Musiker Deutschlands“. Zwischen den Standorten in Altenstadt und Schongau, an denen je Teile des Programms stattfinden, setzen die Macher Shuttle-Busse ein, um die Interessieren von A nach B zu befördern. Ein straffes Pensum, das Kirstein und seine Mitarbeiter da vor der Brust haben. Mit entsprechendem organisatorischem Aufwand. „Wir werden wohl bis zum letzten Moment gefordert sein und schauen, wo wir es noch besser machen können“, blickt Herz voraus. Dabei sei die Zukunft der Musiconnect nicht unbedingt mit der Feier irgendeines Jubiläums verbunden. „Die Industrie hat ihr Interesse signalisiert, dass es ein wiederkehrendes Event wird.“ Die Dimensionen der großen Unternehmens-Geburtstagsfeier verdeutlichen die beachtliche Entwicklung, die das Musikhaus seit seiner Gründung im September 1987 genommen hat. Der Chef und seine Frau Uschi fingen, wie er selbst sagt, seinerzeit „bei Null“ an. Die Musikbranche, so Kirstein, war und ist keine einfache, doch auch dank einigem an Know-How und vielen Kontakten, über die er als Berufs-Musiker verfügte, gelang es, den kleinen Laden in der Schongauer Altstadt auf solide Beine zu stellen. „Das Geschäftchen hat sich stetig etabliert und ist gewachsen.“ Den absoluten „Turbo“ legte das Geschäft dann ab 2005 hin. Denn die Erfolgsgeschichte Kirstein ist eng mit dem Siegeszug des Internets verknüpft.

Internet-Pionier mit goldenem Näschen

„Ich bin ein Technik-Freak, habe das anfangs selbst gemacht“, sagt der Chef über den ersten Webshop, der damals online ging. Der Rest ist bekannt. „Das riesige Potenzial war schnell absehbar, wir waren zeitlich vorne mit dabei und konnten es uns dann leisten, gute Leute zu holen.“ Sowohl in Hinblick auf das hinzu gewonnene Know-How als auch den Bekanntheitsgrad profitiere man noch heute vom damaligen Pionier-Status, erzählt Kirstein. 2006 erfolgte der Umzug in die Bernbeurener Straße.

„Musiker sind generell technik- und damit internet-affin und wir haben die Zeichen der Zeit erkannt.“ Ein Klavier über das Internet zu ordern – früher unvorstellbar – sei heute ganz normal. Endgültig bewusst geworden sei ihm das, als er die Insolvenzmasse eines finanziell angeschlagenen Klavier-Herstellers aufgekauft habe.

1.000 solcher Instrumente seien so auf einen Schlag an Kirstein gegangen. „Daran wirst du pleite gehen“, sei er häufig gewarnt worden, erinnert sich der Geschäftsführer. „Das war ein riesen Invest damals.“. Das teuerste dieser Klaviere war 100.000 Euro wert. Doch dieses ging ebenso schnell über die virtuelle Ladentheke, wie fast sämtliche anderen. Wieder hatte Kirstein das richtige Näschen bewiesen, abermals spielte der Online-Vertrieb dabei eine ausschlaggebende Rolle. Das tut er auch für den Vertrieb der Eigenmarken, die seit 2007 ein wichtiges Geschäftsfeld darstellen. Damals ließ das Unternehmen ein Digital-Piano im fernen China darstellen. „Für den Kunden erschwinglich, qualitativ aber wirklich ernstzunehmend“, beschreibt Kirstein.

"Das macht schon stolz"

„Wir haben heute insgesamt 50.000 Produkt-Datensätze angelegt, 9.000 Artikel sind im Online-Shop aktiv“, beschreibt Herz. Ein Großteil davon sei ab Lager lieferbar, das seit dem Einzug in die alte Möbel Centrale 17.000 Quadratmeter misst. 130 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen. „Das macht schon stolz“, gibt der Gründer mit Blick auf das anstehende Jubiläum Einblick in sein Seelenleben.

Doch das in der Vergangenheit und sicher auch Zukunft unvermindert wichtige Online-Segment, das den Aufstieg des einstmals kleinen Musikhauses so befeuert hat, es ist schnelllebig. Umso höheren Stellenwert nimmt das Bemühen ein, die Internet-Kundschaft zufrieden zu stellen und sich anbahnende Trends zu erfassen. „Man muss im Internet vor allem gefunden werden“, erklärt Kirstein. Zu durchschauen, wie Suchmaschinen funktionieren und nach welchem Muster sie ihre Ergebnisse ausspucken, sei da von existenzieller Wichtigkeit. „Das machen wir besser als andere.“

Sein Angebotsspektrum verbreitert das Unternehmen laufend. Auf Partyzelte – die zwar entfernt aber eben doch mit Musik zu tun haben – stößt der Kirstein-Kunde ebenso, wie Bierzeltgarnituren.

Um Inhalte auch ohne den direkten Kontakt von Angesicht zu Angesicht zu transportieren, spielen Hörbeispiele und Videos eine wachsende Rolle. Zwischen sechs Sprachen kann der Shop-Besucher mittlerweile wählen. Tendenz steigend, denn auch hier sieht der Chef noch einiges an Potenzial schlummern.

Beim Service, das unterstreicht Herz, setze man auf Fachleute. Egal, ob im Web oder im Laden. „Die Kundengespräche online und face-to-face unterscheiden sich kaum“, erklärt er. „Die Berater sind dieselben.“ Kompetenz sei ganz wichtig. „Die Leute merken, dass wir Musiker und nicht nur Kistenschieber sind.“ Das gilt auch bei anfallenden Reparaturen. „Probleme werden uns gemeldet, der Rest läuft über einen Abholauftrag“, so der Marketing-Verantwortliche. „Wenn ein Teil in Italien kaputt ist, ist es drei Tage später bei uns.“

Konkurrenz oder den Einstieg vermeintlich dickerer Fische fürchtet das Schongauer Musikhaus nicht. „Es sind schon einige große Namen mit Wahnsinns-Infrastruktur auf den Markt gerumpelt, die teils schon wieder komplett verschwunden sind“, gibt sich Heger gelassen. Online-Riese Amazon beispielsweise, erklärt das Trio, sei kein Konkurrent, sondern ein Kunde Kirsteins. „Auch die kaufen bei uns ein.“

Rasso Schorer

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