"Fast nicht annehmbar"

Landfrauentag in Schwabbruck

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„Augen auf beim Einkauf“ lautet der Appell der Landfrauen um Kreisbäuerin Christine Sulzenbacher (am Rednerpult). Denn der Teller mit bayerischen Lebensmitteln droht sonst immer leerer zu werden. „Der Einkauf von heute entscheidet über das Essen von morgen.“

Schwabbruck – Der Landfrauentag des Altlandkreises Schongau in der Bernbeurer Auerberghalle ist jährlich ein fester Termin. Im Kalender fand er sich auch diesmal, allerdings an einem anderen Schauplatz, nämlich beim Schäferwirt in Schwabbruck. Während Waltraud Ranz aus Schwabsoien ihre Eindrücke schilderte, die sie im Zuge eines Kenia-Projekts gesammelt hatte, arbeitete sich Ehrenlandesbäuerin Annemarie Biechl an der Entzweiung zwischen einem Teil der Landwirte und der Gesellschaft ab.

Dass der Landfrauentag diesmal Station in seiner Gemeinde machte, verhalf Schwabbrucks Bürgermeister Norbert Essich zu einer neuen persönlichen Bestmarke: So groß wie am letzten Donnerstag sei seine weibliche Zuhörerschaft noch nie gewesen, freute er sich. Abgeklärter konnte da natürlich der Landfrauenchor an die Sache rangehen. „Landfrauen und Frauenpower, das gehört zusammen“, befand dessen Leiterin Andrea Tafertshofer bei der Eröffnung.

"Frauen bewirken etwas"

Einige Power verbreitete Waltraud Ranz aus Schwabsoien. Als Teil einer Delegation der BBV-Landfrauen Internationale Zusammenarbeit hatte sie acht Tage lang in Kenia an einem Projekt mitgewirkt, das die Förderung des ländlichen Raums in Entwicklungs- und Schwellenländern zum Ziel hat. „Der Schlüssel zum Erfolg sind die Frauen“, schilderte sie. „Denn die machen die meiste Arbeit.“ Frauen seien es, die etwas bewirken. „Und wer könnte Bäuerinnen besser verstehen und beraten als wir?“

Dabei galt es vor Ort Grundlagenarbeit zu leisten, um Verbesserungen entlang der Wertschöpfungskette von Milch anzustoßen. Seminare zu Fütterung und Zucht waren beispielsweise angesagt. Dabei ging es unter anderem darum, dass die Milch nicht komplett verkauft werden darf. Das Kälbchen braucht schließlich auch einen Teil davon. „Und das Kalb von heute ist die Kuh von morgen.“

In dem ostafrikanischen Land habe sie großes Potenzial erkannt, so Ranz, die einige Erfolgserlebnisse schilderte: Ein Bauer habe berichtet, dass seine Kuh 25 Liter Milch gebe. Durchschnitt in Kenia sind rund drei bis fünf Liter bei zwei bis drei Kühen pro Betrieb. Der junge Mann habe sich übers Internet schlau gemacht und sei damit erfolgreich. „Wamama wakulima, lisha ulimwengu“, fasste die Schwabsoierin den Wahlspruch der kenianischen Frauen, mit denen sie zu tun hatte, zusammen: „Wir sind Bäuerinnen, wir ernähren die Welt!“

Augen auf beim Kauf

Aufs hiesige Geschehen hatte zuvor schon Kreisbäuerin Christine Sulzenbacher einen Blick geworfen. Aktuell biete die Landwirtschaft in Bayern eine vielfältige Auswahl, doch der Teller drohe immer leerer zu werden.Bis 2030, so ihre Befürchtung, könnten sich die „gewaltigen Herausforderungen ums Tierwohl“ – als Stichworte nannte sie Ferkelkastration sowie Anbinde- und Kombihaltung – deutlich bemerkbar machen. „Das ist nur umsetzbar, wenn es wer bezahlt.“ Auf der anderen Seite nehme der Lebensmitteleinzelhandel eine dominante Rolle ein. 2040 könnte die deutsche Landwirtschaft aufgrund der Düngevorschriften ihre Konkurrenzfähigkeit bereits verloren haben. „Und die Moral von der Geschicht: Der Einkauf von heute entscheidet über das Essen von morgen.“ Es gelte, bevorzugt Lebensmittel aus der Region zu wählen. „Augen auf beim Einkauf.“ Dass das Miteinander mit dem Rest der Gesellschaft, die ja das Gros der Konsumenten stellt, aber gar nicht mehr so einfach sei, damit beschäftigte sich Ehrenlandesbäuerin Annemarie Biechl.

Von Misstönen

Das Artenschutz-Volksbegehren habe das Gefühl vermittelt, dass das gegenseitige Verständnis abhanden gekommen ist. „Wir waren noch nie soweit auseinander.“ Die Bauernschaft sei tief verletzt. „Sie säen nicht, sie ernten nicht, aber sie wissen alles besser“, habe ein Kollege Bauer ihr seine Sicht auf die Konsumenten geschildert.

„Sie wissen es eben nicht besser“, hielt Biechl dagegen. „Woher auch?“ Aufzuklären und mit den Leuten zu reden, sei jedem Landwirt eine Pflicht. „Wer könnte das authentischer als wir?“

Ehrenlandesbäuerin Annemarie Biechl sieht Landwirte und Gesellschaft bedenklich entzweit.

Einfach sei das freilich nicht.„Wir leben in einer verrückten Zeit: Fleisch wollen sie verbieten, Cannabis aber freigeben“. Ihren Groll zog auch Neu-Oscarpreisträger Joaquin Phoenix auf sich. Bei der Verleihung der goldenen Statuette hatte der erklärte Veganer die Aufmerksamkeit genutzt, um die Milchviehhaltung zu kritisieren: Man besame Kühe künstlich, um ihnen dann den Nachwuchs zu entreißen. „Aber darauf, dass Kinder immer früher in die Kita kommen, weist keiner hin“, verglich Biechl.

„Den NGOs, die Themen nach vorne bringen, geht es in Wirklichkeit darum, Nutztierhaltung ganz zu verbieten“, schlussfolgerte sie. Aber was würde das aus unserer Region machen?“ Die Bauernschaft habe stets bewiesen, dass sie zu Veränderungen imstande sei, Herausforderungen annehmen und sich Gegebenheiten anpassen könne. „Aber das, was gerade auf uns einprasselt, das ist fast nicht annehmbar.“

Resignation sei nun aber der falsche Weg, erklärte die ehemalige Landesbäuerin und Landtagsabgeordnete. „Lassen wir es trotz aller Widrigkeiten nicht zu, dass andere Leute unsere Region bestimmen und bestimmen, wie wir zu leben haben.“ Es gelte, Grund und Boden gegen Spekulanten zu verteidigen, der Lebensart treu zu bleiben. Konrad Adenauer habe gesagt, man brauche die Bauern nicht zu fürchten – außer, sie halten zusammen. „Man braucht uns nicht fürchten, aber wir können Wertschätzung erwarten“, befand Biechl vor knapp 200 Zuhörerinnen. Denn die Art und Weise, wie vor allem die Landfrauen ihre Region gestalten – unter diesen Titel hatte sie ihr Referat gestellt – sei nicht hoch genug einzuschätzen.

„Da macht uns keiner was vor, das ist unser Geschäft.“ Dass das Ehrenamt in Bayern eine besonders große Rolle spiele und besser dastehe als anderswo, dazu tragen auch die Landfrauen bei.

Man hole die Kinder auf die Höfe, gehe in Schulen und kläre dort die nächste Verbrauchergeneration auf. Da, wo Initiativen für Dorfläden und Bauernhof-Gastronomien etwas bewegen wollen, seien die Landfrauen dabei. „Wir kümmern uns um kirchliche Feste und Bräuche“, zählte sie auf. Erfolgreiche Bauernmärkte seien ebenso Beleg für das große Engagement. „Auch der Tourismus prägt Region“ – und der wiederum könnte nur attraktiv sein, wenn die Landschaft gepflegt sei. Außerdem biete der Urlaub auf dem Bauernhof die Möglichkeit, die „ein oder andere schräge Meinung zurechtzurücken“.

Was genau überhaupt Region ist, das liege im Auge des Betrachters. „Es hat viel mit Sprache zu tun“, ordnete Biechl ein. Der Begriff sei stark mit Landschaft und Landwirtschaft verknüpft, mit Kultur, Bräuchen, Festen, Werten und Gewand sowie dem jeweiligen Menschenschlag.

Stimmen für Frauen

Zum Schluss wünschte sie sich, die anstehenden Kommunalwahl möge den Frauenanteil in den kommunalen Parlamenten erhöhen. Das bringe neue Sichtweisen und diene der Gesprächskultur. Als Ratschlag für ihre Zuhörerinnen halte sie es mit Voltaire: „Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein.“ Gehe es der Frau gut, gehe es ihrem Umfeld gut.

Den Abschluss setzte dann die stellvertretende Kreisbäuerin Maria Lidl ebenso mit einem Zitat. „Willst du glücklich sein im Leben, trage bei zu andrer Glück, denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigne Herz zurück.“ Mit eigenen Worten und mit Blick auf die Rahmenbedingungen fasste sie es so zusammen: „Mitgestalten macht Freude, auch wenn es nicht so honoriert wird.“

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