Inside Schongau

"Von Saege bis Brecht" unterhält Besucher

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Marianne Sägebrecht (links) im Gespräch mit dem Kreisboten während der Pause an ihrem Rückzugsort im Obergeschoss des Brauhauses. Immer an ihrer Seite Geigerin Andrea Schuhmacher (rechts).

Schongau – Die 94 Karten für den Besuch von Marianne Sägebrecht am zurückliegenden Nikolausabend im Schongauer Brauhaus hatten bereits innerhalb von zwei Wochen nach Verkaufsstart ihre Abnehmer gefunden. Kein Wunder also, dass das Erdgeschoss bis auf den letzten Platz besetzt war. Alle waren gekommen, um sich anzuhören, was diese so viel Empathie ausstrahlende, bisweilen aber auch sehr eigenwillige und doch zutiefst mit ihrer Herkunft und Heimat verwurzelte Persönlichkeit ihnen bei ihrer Lesung mitzuteilen hatte.

Das Programm von Marianne Sägebrecht „Von Saege bis Brecht“ sollte eine Paarung von Geschichten aus ihrem neuen Buch „Ich umarme den Tod mit meinem Leben” sowie Erzählungen mehrerer weiterer Autoren werden. Stets an ihrer Seite war Andrea Schuhmacher, die die Lesung musikalisch mit ihrer Geige begleitete.

Dass der Auftritt der nach wie vor sehr bekannten und auch populären Marianne Sägebrecht, die im nächsten Jahr 75 Jahre alt wird, in Schongau überhaupt zustande kommen konnte, war einer Begegnung mit Sophia Albrecht, der Tochter von Brauhauswirtin Marion, zu verdanken. Und diese fand nicht wie man meinen sollte irgendwo in Oberbayern, sondern im fast 500 Kilometer entfernten Bad Hersfeld in Nordhessen statt. Dort spielte Marianne Sägebrecht im vergangenen Sommer in Franz Kafkas „Der Prozess” die Rolle der Haushälterin Frau Grubach.

„Wir haben heute auch viele schöööne kleine Musik dabei“ sagte sie mit Blick auf Geigerin Andrea Schuhmacher und führte damit über in ihr Programm. Gleich mehrere ihrer Geschichten hatten – ganz sicher auch der Adventszeit geschuldet – viele Bezüge zu Weihnachten.

Da war zum Beispiel die Frau mit ihrem kleinen Kind, die mit ihrem Mann plötzlich keine Bleibe mehr hatte. Das Amt kümmerte sich nicht und auch auf dem matschigen Weihnachtsmarkt am Münchner Marienplatz fand sie nirgends Bleibe. Bis sie schließlich vom Notarzt abgeholt werden musste. Nachdem die drei fort waren, war dort „alles wieder gwesen, wia sich’s ghärt“. Man sang „Ihr Kinderlein kommet“ und es „hat grochen nach sauguade Bratwürschtl“. Und wunderbar passend spielte Andrea Schuhmacher mit ihrer Geige „Ihr Kinderlein kommet“.

Marianne Sägebrecht sorgte auch für ein wenig Selbstbesinnung, als sie ihren Zuhörern die bekannten Verse „Spuren im Sand“ vortrug. Darin sieht sie sich im Traum mit ihrem Herrn bei Nacht am Meer entlang gehen und Bilder aus ihrem Leben erstrahlen. Und sie sieht zwei Fußspuren im Sand, die eigenen und die von Gott. Und als sie zurück sieht erschrickt sie, weil in den schwersten Zeiten nur eine Spur ist und denkt, Gott habe sie allein gelassen, als sie ihn am meisten brauchte. Und auf ihre Frage dazu gibt er zur Antwort, dass er sie nie allein lassen werde, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Und er sagt: „Dort, wo du nur eine Spur gesehen hast, da habe ich dich getragen.“

Trotz aller guten Hoffnung dürfte spätestens bei den anschließenden Klängen des Wiegenlieds aus der Feder des im KZ Fürstenwalde umgekommenen Pianisten und Komponisten Gideon Klein einigen etwas schwer ums Herz geworden sein.

Überhaupt zum Glauben. Marianne Sägebrecht und ihr Glaube sind untrennbar. Daran ließ sie auch bei ihrer Lesung erst gar keine Zweifel aufkommen. Im Gespräch am Rande der Veranstaltung verriet sie nicht ganz ohne Stolz, dass sie in der Kirche bereits mit 13 Jahren Apostelbriefe gelesen habe.

"Es war einmal"

„Es war einmal … So begann das Märchen von denen, die auszogen weil sie das Fürchten gelernt hatten.“ Und als diese drei Tage vor Weihnachten auf einem kleinen Marktplatz forderten „Ausländer raus“ und „Deutschland den Deutschen“, da gingen nicht nur die angesprochenen Menschen. Mit ihnen ging alles, was aus dem Ausland kommt. Kakao, Kaffee, Ananas, Bananen, aber auch Schnittblumen, die nach Kolumbien zurück wollten. Und auch japanische Autos und die Unterhaltungselektronik machten sich auf den Weg nach Osten. Nicht zu vergessen die Weihnachtsgänse, die auf dem Weg zurück nach Polen waren und, und, und ….

Aber man hatte ja vorgesorgt und die deutschen Autofirmen präsentierten den neu aufgelegten Holzvergaser. Aber auch bei den Autos kamen die meisten Rohstoffe aus dem Ausland und so lösten auch sie sich zunehmend auf. Nach drei Tagen war der Spuk vorbei. Gerade noch rechtzeitig zu Weihnachten. Aber es gab das Fest noch und die dazu gehörenden Nüsse und Äpfel. Und auch „Stille Nacht“ durfte – wenn auch mit extra Genehmigung Österreichs – gesungen werden. Ausgerechnet Maria und Josef mit ihrem Kind, drei Juden also waren es, die blieben. Sie wollten den Weg zurück zur Vernunft gehen.

Neben allem zum Nachdenken anregenden gab‘s natürlich auch die Sägebrecht zu hören, die ihr Publikum wie kaum eine andere zum Schmunzeln und Lachen bringt. Und das auf immer gutem Niveau und bei immer passender Stimmlage und passender Mimik.

Von Frauen für Frauen

So wusste sie eine Geschichte von Frauen für Frauen zu erzählen, die von einer armen Schneiderin handelt, die ihren Ehemann mit ihrer Arbeit unterstützte. Als sie eines Tages ihren ledernen Fingerhut am Fluss verlor, half ihr Gott und holte einen goldenen mit Türkisen bestückten Fingerhut aus dem Wasser. Sie verneinte aber die Frage, ob es der ihre sei. Genauso verhielt es sich, als er einen goldenen mit Rubinen bestückten Fingerhut aus dem Fluss holte. Als er beim dritten Mal einen ledernen Fingerhut herausfischte, bejahte sie die Frage, ob dieser ihr gehöre. Gott war so erfreut über so viel Ehrlichkeit, dass er ihr auch die beiden wertvollen Fingerhüte schenkte. Einige Jahre später ging die Schneiderin mit ihrem Ehemann am Nachmittag des Heiligen Abend am Fluss entlang, als dieser plötzlich ins Wasser fiel und in den Fluten verschwand. Und wieder kam ihr Gott zur Hilfe und präsentierte ihr George Clooney, den er aus dem Wasser gefischt hatte. Auf die Frage „Ist er das“, antwortete sie „Jaah“. Gott aber sagte: „Du hast gelogen, das ist nicht dein Ehemann“. Sie entgegnete, wenn sie ‚Nein‘ gesagt hätte, wäre Gott mit Brad Pitt wiedergekommen. Und wenn sie bei diesem abermals ‚Nein‘ gesagt hätte, wäre er mit ihrem Ehemann wiedergekommen. Hätte sie bei diesem dann ‚Ja‘ gesagt, dann seien ihr womöglich alle drei Männer überlassen worden. Da sie aber nicht bei bester Gesundheit sei, hätte sie sich doch nicht um alle drei kümmern können. Deshalb habe sie gleich beim ersten ‚Ja‘ gesagt. Bei so viel Ehrlichkeit durfte sie George Clooney behalten. Ihre Moral aus der Geschichte: „Wenn immer eine Frau lügt, geschieht das aus ehrenwerten Gründen und im Interesse aller.“

Ganz privat

Im Pausengespräch verriet sie dem Kreisboten, dass ihre Mutter ihr Vorbild war und ihr als Tochter immer vertraut habe. In dem Gespräch stellte sie ihre Religiosität und ihre Förderung durch zwei Pfarrer heraus.

Auf die Frage, ob es Rollen gab, die sie abgelehnt habe, sagte sie: „Da gab es viele.“ Als wohl bekanntestes Beispiel nannte sie ihren Welterfolg „Out of Rosenheim“. Die ihr angebotene Rolle für eine hierzu geplante Serie gemeinsam mit Whoopi Goldberg hatte sie seinerzeit trotz des an sie herangetragenen Unverständnisses einiger nicht angenommen. Sie sei seinerzeit unter anderem nicht in Amerika geblieben, weil sie ihre Mutter und ihre Tochter nicht allein lassen wollte. Sie habe sich diesbezüglich auch nie von anderen beeinflussen lassen. An ihrer Arbeit in Amerika aber habe sie immer geschätzt, dass man dort seinerzeit nicht nur relaxter, sondern auch respektvoller miteinander umgegangen sei.

Mit Michael Douglas, mit dem sie in dem 1989 entstandenen sehr bekannten Film „Der Rosenkrieg“ zusammenarbeitete, stehe sie nach wie vor in Kontakt und beide verbinde nach wie vor ihre Freundschaft. Es war Michael der wollte, dass sie die Rolle der Haushälterin Susan in diesem Film verkörpern sollte. Er selbst und Kathleen Thurner spielten darin das Ehepaar Oliver und Barbara Rose, welches sich einen unerbittlichen Scheidungskrieg liefert.

Nach der Pause wusste Marianne Sägebrecht ihrem Publikum mit weiteren Lesungen aus Werken bekannter Literaten und Autoren sowie aus ihrem aktuellen Buch „Ich umarme den Tod mit meinem Leben“ noch so einiges zu erzählen. Das Buch ist eng angelehnt an ihre ehrenamtliche Arbeit im Christophorus Hospiz in München und die damit verbundene Sterbebegleitung. Aber auch über ihre ganz eigene Nahtoderfahrung nach einer Blinddarmentzündung in jungen Jahren wusste sie etwas zu erzählen. Und in ihrem Buch las sie aus dem Kapitel, in dem sie ihre eigene Geburt beschreibt.

Als zum Ende alle zum Mitsingen von „Freude, schöner Götterfunken“ mit musikalischer Begleitung von Andrea Schuhmacher aufgefordert wurden, neigte sich der gemeinsame Abend mit Marianne Sägebrecht unweigerlich seinem Ende entgegen. Sie hatte ihre insgesamt gut 100 Zuhörer sowohl zum Nachdenken gebracht als auch für deren Erheiterung gesorgt. Überdies freute sie sich, ihre beiden mitgebrachten aktuellen Bücher den nach Losvergabe ermittelten Gewinnern überreichen zu dürfen. Hinterher nahm sie sich genügend Zeit für alle Autogrammjäger und solche, die eines ihrer Bücher zum Signieren mitgebracht hatten.

Nicht das letzte Mal

Dass sie wieder ins Schongauer Brauhaus kommen wird, daran ließ sie keine Zweifel aufkommen. Zuvor aber wird sie eine Reise im nächsten Frühjahr nach Surinam, ihrem Sehnsuchtsland im Nordosten von Südamerika, führen. Eine Reise, zu der sie schon in Kindertagen von ihrem Großvater, dem Gärtner und Schamanen Franz Xaver inspiriert wurde.

mel

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