So sehen es Gegner, Gemeinderat, AWO und Gesellschafter

Das Marienheim von allen Seiten beleuchtet

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Mit diesen hölzernen Stangen wollen die Gegner des Marienheims vor allem Länge und Höhe des Gebäudekomplexes veranschaulichen, der am First 12,5 Meter hoch ist.

Peiting – Der Bürgerentscheid zum Bau des Marienheims am Bühlach-Hanggelände im Osten Peitings rückt näher. Termin ist am Sonntag, 23. August. Sechs Wochen vorher haben sowohl die Initiatoren, die das Gebäude an diesem Standort ablehnen, als auch der Marktgemeinderat, dessen Mehrheit das Vorhaben dort befürwortet, ihre Argumente jeweils in einer eigenen Stellungnahme zusammengefasst. Beide konträren Auffassungen sind unter www.peiting.de komplett online nachzulesen. Gesellschafter und führende Beschäftigte des Marienheims sowie die Arbeiterwohlfahrt Oberbayern  luden am heutigen Donnerstag zum Pressegespräch..

Begründung I  – Die Initiatoren des Bürgerbegehrens

Die Vertreter des erfolgreichen Bürgerbegehrens, das für zulässig erklärt wurde und das nun zum Bürgerentscheid in der Gemeinde Peiting führt, erklären in ihrer ausführlichen Begründung eingangs, dass sie das Marienheim als notwendige sozialtherapeutische Einrichtung betrachten. Sie wollen dies mit dem Bürgerbegehren bzw. Bürgerentscheid nicht infrage stellen.

Das Bürgerbegehren richte sich ausschließlich gegen einen Neubau am Bühlach. Vier Punkte seien wesentlich: Erstens würden mögliche Alternativen nicht verfolgt. Zweitens sei der Standort am Hanggelände ungeeignet. Drittens werde gegen landesplanerische Ziele und gesetzliche Vorgaben verstoßen. Und viertens ginge es ums Konzept zur Betreuung der Bewohner im Marienheim.

Ein Umbau des jetzigen Marienheims an der Bahnhofstraße ist den Initiatoren des Bürgerbegehrens zufolge geprüft worden. Dies sei für 8,9 Millionen Euro möglich inklusive der Unterbringung der Heimbewohner während der Umbauphase. Jürgen Schleich, einer der genannten Vertreter des Bürgerbegehrens, verweist darauf, dass diese Zahl vom Architekturbüro Höss Amberg + Partner im Gemeinderat genannt worden sei.

Möglich ist nach den Worten der Initiatoren auch ein „sanfter Umbau“, der eine Schließung für weitere 19 Jahre verhindern würde. Peiting sei ein Ort für soziale Einrichtungen. Von Herzogsägmühle lägen konkrete Vorschläge zur Umsetzung eines sozialtherapeutischen Konzeptes vor. Die Kooperationsangebote der Herzogsägmühle stünden weiterhin offen.

Wie Jürgen Schleich auf Nachfrage des Kreisboten zu verstehen gibt, könnte Herzogsägmühle 18 bis 24 Plätze als geschütztes Angebot vorhalten. Es gäbe Vorschläge einer Kooperation vor dem Hintergrund, dass die Pflegeeinrichtung Schöneckerhaus in Herzog­sägmühle neu gebaut werden müsse. Schleich geht davon aus, dass kleinere Baukörper an unterschiedlichen Standorten ebenso denkbar seien wie eine gemeinsame Trägerschaft.

Die Gegner des Standorts am Bühlach vertreten zudem die Auffassung, dass die Lage am Ortsrand die Teilhabe erschwere. Ein Konzept der stationären Unterbringung mit über 60 Plätzen sei nicht mehr zeitgemäß; der Trend gehe zu kleineren geschlossenen Einrichtungen und zu ambulanter Versorgung.

Zum Hanggelände am Bühlach verweisen die Initiatoren des Bürgerbegehrens auf das Bodengutachten, wonach von schwierigsten Baugrundverhältnissen auszugehen sei. Notwendig seien Abtragung und Austausch von 3,3 Meter Bodenhöhe. Durch das Versiegeln von 6.000 Quadratmetern erfolge ein Eingriff in den Wasserhaushalt mit Folgen für Natur und Anwohner.

Zum beträchtlichen Aufwand gehöre auch, Zustand von Nachbargebäuden und Straßen zu prüfen und zu dokumentieren. Stützmaßnahmen, die aufgrund der Neigung des Hanggeländes notwendig seien, würden einen Mehraufwand beim Bau und Unterhalt des großen Gebäudes bedeuten. Die Anwohner am Bühlach, die das Bürgerbegehren angestrengt haben, sehen in der geplanten Baumaßnahme einen Verstoß gegen landesplanerische Ziele. Das Ortsbild werde ebenso wie die Landschaft nachhaltig negativ geprägt.

Begründung II – Die Mehrheit des Gemeinderats

Mit 16 zu acht Stimmen gab es eine klassische Zweidrittelmehrheit: Mit diesem Ergebnis wurde im Gremium die Auffassung des Marktgemeinderates Peiting beschlossen, wonach der Neubau des Marienheims auf dem gemeindeeigenen Grundstück am Bühlach befürwortetet wird. Die Räte aus der CSU und SPD waren einmütig dafür. Gegenstimmen kamen von den Grünen, der ÖDP, den Unabhängigen und teils aus der Bürgervereinigung.

Diese Begründung II ist ebenso online unter www.peiting.de aufzurufen. Das Marienheim werde seit langer Zeit als geschlossene, sozialtherapeutische Einrichtung für Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen erfolgreich und ohne negative Auswirkungen für die Peitinger Bürgerinnen und Bürger betrieben, heißt es in der Stellungnahme des Marktgemeinderates.

Weil die Zahl der psychisch Erkrankten in der Vergangenheit stetig zugenommen habe und sämtliche Bevölkerungsschichten davon betroffen sein könnten, erachte es der Marktgemeinderat als bedeutsam, dass den Betroffenen auch in Zukunft geeignete Betreuungsplätze zur Verfügung stehen bzw. angeboten werden können. Deutschlandweit gebe es nur eine sehr begrenzte Anzahl an solchen Plätzen. Das bestehende Marienheim an der Bahnhofstraße könne aufgrund der steigenden gesetzlichen Anforderungen an die Qualität der Unterbringung der Erkrankten und an die baulichen Voraussetzungen nur noch bis Ende August 2022 betrieben werden.

Die Arbeiterwohlfahrt Oberbayern habe als künftig neuer Betreiber der Einrichtung intensiv geprüft, ob am bestehenden Standort eine bauliche Ertüchtigung bzw. Komplettsanierung des Bestandsgebäudes technisch möglich und auch für den Betreiber wirtschaftlich darstellbar wäre. Aufgrund hoher Sanierungskosten und der zusätzlich erforderlichen Übergangslösung für die derzeit untergebrachten Patienten sei eine bauliche Ertüchtigung bzw. Komplettsanierung des Bestandsgebäudes keine geeignete Option.

Auch scheide der vom Betreiber alternativ angedachte Neubau der Einrichtung auf dem Grundstück in Peiting, auf dem derzeit das AWO-Seniorenzentrum steht, aufgrund der zu geringen Fläche und Bedenken des Marktes Peiting ebenfalls aus. Der Markt Peiting habe sich daher entschieden, dem künftigen Betreiber eine Grundstücksteilfläche von zirka 6.000 Quadratmeter des gemeindlichen Flurstücks an der Bühlachstraße zu veräußern, damit dort der Neubau der therapeutischen Einrichtung realisiert werden könne.

Die AWO als künftiger Betreiber habe dem Markt ebenfalls mitgeteilt, dass sofern ein Neubau an diesem Standort nicht möglich sein sollte, sie künftig nicht den Betrieb des Marienheims übernehmen werde. Aus Sicht der AWO sei zu befürchten, dass nach dem Ablauf der von der Heimaufsicht gesetzten Frist für den Weiterbetrieb der Einrichtung bis Ende August 2022 die Schließung des Marienheims erfolge. Die derzeitigen Bewohner müssten dann vermutlich in andere Einrichtungen verlegt werden.

Aus Sicht des Marktgemeinderates wäre dies auch unter dem Gesichtspunkt der im Marienheim beschäftigten Mitarbeiter und den jahrelangen guten Erfahrungen mit dem Marienheim sehr bedauerlich. Der Marktgemeinderat vertrete zudem die Auffassung, dass der Neubau am Standort Bühlach, in der Luftlinie rund 1,3 Kilometer vom derzeitigen Bestandsgebäude entfernt, kein „Hinausdrängen“ der Patienten an den Ortsrand darstelle.

Nach Auffassung des Marktgemeinderates würde nichts dagegen sprechen, dass die erfolgreiche Arbeit der Einrichtung zugunsten der Bewohner auch am neuen Standort fortgeführt werden kann.

Begründung III – AWO und Gesellschafter

Entweder kommt es zu einem Neubau des Marienheimes auf dem Bühlach – oder die sozialtherapeutische Einrichtung in Peiting wird im Sommer 2022 geschlossen. Das sind die beiden Alternativen, die es bei dem zurzeit heiß diskutierten Thema gibt. Darauf haben Gesellschafter und führende Beschäftigte des Marienheims, die Arbeiterwohlfahrt Oberbayern als potenzieller künftiger Betreiber zusammen mit Bürgermeister Peter Ostenrieder am Donnerstagmittag in einem Pressegespräch hingewiesen.

„Wir sind in einer politisch heißen Phase“, eröffnete Adolf Kapfer das Pressegespräch. So eine „aggressive Vertretung persönlicher Interessen“ habe er noch nie erlebt, befand der 80-Jährige mit Verweis auf Aktionen der Initiatoren des Bürgerbegehrens, das am Sonntag, 23. August, in den Bürgerentscheid mündet, bei dem alle 9.400 Wahlberechtigten Peitings über den Bau des Marienheims am Bühlach abstimmen können. Kapfers Frau Ingrid ist Mehrheitsgesellschafterin beim Marienheim. Insgesamt sind es drei Gesellschafter.

Cornelia Emili, Chefin der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Oberbayern, erklärte beim Pressegespräch, dass der Bezirk Oberbayern „auf uns zugekommen ist“, was die künftige Trägerschaft betrifft. Das Marienheim sei vom Konzept her eine besondere Einrichtung, die auch die Arbeiterwohlfahrt mit den 50 Mitarbeitern vor Ort gerne „fortentwickeln“ möchte.

Dazu bedürfe es freilich eines neuen Gebäudes, wofür die Gemeinde das Grundstück am Bühlach zur Verfügung stelle („Das hat uns gefreut“). Emili fügte noch den Satz hinzu: „Wir haben uns auf den Standort verlassen“. Die Vorstandsvorsitzende des AWO-Bezirksverbandes hofft nun ebenso wie Gesellschafter, Mitarbeiter und eine Mehrheit der Gemeinderäte, dass beim Bürgerentscheid am 23. August die Mehrheit der Wahlberechtigten ihr Kreuz beim Nein macht. Die Fragestellung lautet: „Sind Sie dafür, dass kein neues Marienheim am Bühlach gebaut wird?“

Am Modell und an der Skizze zum neuen Marienheim, die zurzeit in der Sparkasse in Peiting ausgestellt werden: vorne Cornelia Emili (Arbeiterwohlfahrt Oberbayern) und Adolf Kapfer (Gesellschafterfamilie). Hinten Bürgermeister Peter Ostenrieder (links), Geschäftsführerin Charlotte Straif vom Marienheim und Georg Reiprich (sozialtherapeutische Leitung).

Bürgermeister Peter Ostenrieder gab zu bedenken, dass „kein Ort weitum“ so viele soziale Einrichtungen wie Peiting habe, dass aber zudem keine Gemeinde so viele Menschen habe (zwischen 1.500 und 1.800 Frauen und Männer), die auf Betreuung angewiesen sind. Das Marienheim sei eine von mehreren sozialen Einrichtungen, aber „eine Institution in Peiting“. Es habe nie eine Beschwerde gegeben. „Darum hat der Gemeinderat nie mit dieser Welle gerechnet“, ergänzte Ostenrieder.

Der Knackpunkt sei, dass man die gut 60 Betreuten im Marienheim während einer zweijährigen Um- bzw. Neubauphase am bestehenden Standort nicht aus der vertrauten Umgebung herausnehmen und woanders einquartieren könne. Daher habe die Gemeinde der Arbeiterwohlfahrt Oberbayern als potenziellem künftigem Betreiber das Grundstück am Bühlach angeboten, wo eine Teilfläche zwischen 5.000 und 10.000 Quadratmeter zu verkaufen sei.

Charlotte Straif, sie ist seit fünf Jahren Geschäftsführerin im Marienheim, bezog zur Forderung nach kleineren Einheiten Position. Die Heimaufsicht verlange, dass pro Wohngruppe in Früh- und Spätschicht zumindest eine Fachkraft und ein Helfer präsent seien. In der Nacht seien es dann ab 21 Uhr eine Fachkraft und ein Helfer fürs gesamte Haus.

Den Personalschlüssel des Bezirks Oberbayern könne man nur erfüllen, wenn die Wohngruppen auch baulich bestimmte Voraussetzungen erfüllen, indem z.B. mehrere auf demselben Geschoss liegen, damit die Fachkräfte den Überblick haben. Am besten sei es, wenn das Personalzimmer in der Mitte zwischen Wohngruppen liege. „Das sind Sachen, die die Laien in der Diskussion nicht berücksichtigen“, sagte Charlotte Straif im Pressegespräch mit Bezug auf Argumente, dass kleinere dezentrale Einheiten die Zukunft seien.

Georg Reiprich, er ist sozialtherapeutischer Leiter im Marienheim, erwähnte beim Pressegespräch, dass in den letzten zehn Jahren 263 Männer und Frauen aus dem Marienheim wieder vermittelt werden konnten. Die stationäre Betreuung gehe meist zwischen sechs Monaten und zwei Jahren. Im bisherigen Marienheim an der Bahnhofstraße gebe es wenige Einzelzimmer, was aber im Pflegewohn-Qualitätsgesetz mittlerweile festgeschrieben sei. Alle 66 Bewohner hätten einen gesetzlichen Betreuer, sei‘s aus der Familie oder gerichtlich bestimmt.

Im letzten Jahr habe man nur noch aus Bayern Bewohner aufgenommen, informierte Reiprich. Außerdem erwähnte er, dass die Tendenz beim Durchschnittsalter nach unten gehe; es seien also mehr jüngere Leute, die eingewiesen werden. Alle hätten eine ernsthafte psychische Erkrankung. Körperlich seien die meisten Leute mobil.

Johannes Jais

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