Mit Nebelschwaden gegen die Flammen

Sie steht seit 1983 auf der Unesco-Welterbeliste und zählt damit zu den bedeutendsten Baudenkmälern der Welt: Die Wieskirche bei Steingaden ist das beeindruckendste Rokoko-Werk des Architekten Dominikus Zimmermann, der die Wallfahrtskirche zwischen 1745 und 1754 gemeinsam mit seinem Bruder Johann Baptist schuf. Wie die riesige Wallfahrtskirche samt ihrer Kuratenhäuser im Brandfall zu löschen wäre, darüber dürften sich die Brüder Zimmermann wohl kaum den Kopf zerbrochen haben. Es wäre zur damaligen Zeit schlicht ein unmögliches Unterfangen gewesen. Doch auch heutzutage ist der Brandschutz des historischen Gebäudeensembles eine Herausforderung. Eine einmalige Lösung soll das Denkmal in Zukunft vor den Flammen bewahren. Vertreter von Bund, Freistaat und Landkreis nahmen das fast fertige Projekt jüngst in Augenschein und informierten sich dabei auch über weitere Baumaßnahmen im Umfeld des Denkmals.

Wer den Weg zur Wieskirche hinaufgeht, um die berühmte Wallfahrtskirche zu besuchen, dem dürfte die Baustelle nicht entgehen, die sich links entlang des Gebäudes erstreckt. Immer noch wird am historischen Denkmal gewerkelt, seit das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung 2009 das Förderprogramm „Investitionen in nationale Welterbestätten“ aufgelegt hat. Rund 1,6 Millionen Euro stellt der Bund auf diesem Weg für den Brandschutz der Wieskirche und ihrer Kuratenhäuser, sowie der Neugestaltung des Umfeldes zur Verfügung. „Die Förderung ist immens wichtig für unsere kleine Gemeinde“, sagte Steingadens Bürgermeister Xaver Wörle, als er jüngst gemeinsam mit Landrat Friedrich Zeller, Vertretern von Bund, Freistaat und Staatlichem Bauamt Weilheim, sowie den beteiligten Planern und Architekten den Fortschritt der Projekte in Augenschein nahm. Das beeindruckendste davon ist gleichzeitig das unauffälligste, denn es verbirgt sich vor dem direkten Blick der rund eine Million Besucher, die jedes Jahr zur Wieskirche kommen. Nur wer Zugang zum hölzernen Dachstuhl des Bauwerks hat, sieht die Metallleitungen der Löschanlage, die im Brandfall das Denkmal retten soll. Und auch dann muss man schon genau hinsehen, denn die Ingenieure haben die Leitungen möglichst unauffällig entlang der Holzbalken geführt. Das Prinzip entspricht einer Sprinkleranlage, wie sie in vielen Betrieben zum Einsatz kommt. Doch im Detail unterscheidet sich die Einrichtung in der Wieskirche erheblich. Dies liege an den örtlichen Gegebenheiten, erklärte Fachplaner Hans Hanl. „Eine Vorgabe war, dass es bei einem Brand keine Folgeschäden durch Löschmittel gibt.“ Das bedeute auf der einen Seite, dass mit Wasser gelöscht werde und auf der anderen Seite, dass eine möglichst geringe Menge zum Einsatz komme. „Dadurch kam nur eine Feinsprühanlage in Frage“, sagte Hanl. Bei dieser hochmodernen Variante werde mit Hochdruck Wasser durch Düsen gepresst, wobei nur 0,1 Millimeter kleine Tropfen entstünden. „Das ist wie dichter Nebel.“ Um ganz sicher zu gehen, dass die sensible Bausubstanz der alten Wallfahrtskirche nicht darunter leidet, bauten Hanl und sein Team eine Teil der großen Kuppel detailgetreu nach und besprühten sie durch das System über 40 Minuten mit Wasser. Das Ergebnis war erfreulich: „Es ist so gut wie kein Schaden entstanden“, stellte Hanl fest. Die Rohrleitungen, die durch den Dachstuhl laufen, werden von einem großen Technikraum versorgt. Damit auch dieser den Anblick des Ensembles nicht stört, liegt er komplett unter der Erde. Nur eine senkrechte Steigleiter führt drei Meter in die Tiefe. Hier befinden sich die Druckluftflaschen und Gaspumpen, mit deren Hilfe das Wasser bei Bedarf in die Leitungen gepumpt wird. „Im Normalfall ist da kein Wasser drin, damit im Winter nichts zufriert“, erläuterte Hanl. Fünf eigenständige Versorgungseinheiten sind in diesem Kellergebäude untergebracht, jede ist an einen fünf Kubikmeter großen Wasserbehälter angeschlossen. Alles läuft vollautomatisch, ab 93 Grad beginnt die Anlage von alleine zu arbeiten. Per Brandmelder wird in einem solchen Fall die Feuerwehr verständigt. Diese brauche 40 Minuten, bis sie vor Ort sei und fertig aufgebaut habe, wies Hanl hin. „Ohne die Löschanlage, die das Feuer eindämmt, wäre die Wieskirche dann nicht mehr zu retten.“ Geht alles nach Plan, soll die Anlage ab Juli ihren Betrieb aufnehmen. „Wir warten derzeit noch auf die Sprinklerdüsen, die aus Finnland geliefert werden.“ Auch in den zwei Kuratenhäusern ist die Brandschutz-maßnahme fast abgeschlossen. Da das im ersten Stock gelegene Museum sowie der Prälatensaal bislang nur über ein offenes Treppenhaus erreichbar waren, wurde im Turm eine Wendeltreppe installiert, die als zweiter Fluchtweg dient. Außerdem, erläuterte Architekt Burkhardt Stadtmüller, sei das Treppenhaus mit Glasscheiben vom übrigen Gebäude abgetrennt worden, um die Rauchausbreitung bei einem Feuer einzudämmen. 2,5 Millionen Euro kosten die Verbesserungen an den Gebäuden, 500000 Euro davon trägt der Bund. Der Rest kommt vom Freistaat. Nicht nur an der Wieskirche selbst, sondern auch im unmittelbaren Umfeld laufen die Arbeiten auf Hochtouren. Derzeit wird ein neuer Parkplatz gebaut, der noch in diesem Jahr fertig werden soll. Anschließend soll der wenig ansehnliche Dorfplatz zurückgebaut werden. Bereits neu gestaltet wurden der beliebte Brettlesweg sowie der Weg zur Wieskirche und das Areal rund um den Gasthof Schwaiger.

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