Wenn Mama nicht auftaucht:

Nicht abgeholte Kinder zur Polizei?

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Symbolbild

Schongau – Die Öffnungszeiten des Kindergartens sind längst vorbei, die Erzieherin will abschließen und endlich in ihren Feierabend. Doch die Eltern des kleinen Ben (Name erfunden) tauchen seit über zwei Stunden nicht auf. Was nun? Mit dieser Frage beschäftigte sich jüngst der Schongauer Stadtrat – und tut dies womöglich in absehbarer Zeit erneut.

Die Satzungsänderung der städtischen Kindergärten und -krippen, also der Einrichtungen in der Wilhelm-Köhler-Straße, der Thanellerstraße, der Bahnhofstraße und im Gartenweg, in Anlehnung an die Mustersatzung des bayerischen Gemeindetags war in einigen Punkten reine Formsache. Die neu aufgenommene Mitwirkungspflicht der Eltern beispielsweise – völlig unstrittig.

Eher entzwei ging die Meinung darüber, wie viele Verfügungstage – also solche, an denen die Kinder zuhause bleiben und dem Kindergarten-Team Zeit für Hintergrundarbeiten bleibt – den Einrichtungen zuzugestehen sei. Vier, schlug die Verwaltung vor. Zwei wie bisher, hielt unter anderem Michael Eberle (CSU) entgegen. Sich in der Mitte zu treffen, empfahl Gregor Schuppe (ALS). Mit 10:10 fiel die Entscheidung knapp aus, alles bleibt beim Alten.

Hoch her ging es jedoch bei der Frage, wie mit Kindern wie Ben zu verfahren sei. Hauptamtsleiterin Bettina Schade wusste von einem Fall in jüngerer Zeit zu berichten, bei dem die Erzieherin zweieinhalb Stunden ausharren musste, ohne dass sich ein Elternteil meldete. „Das ist nicht zumutbar und bringt unser ganzes System durcheinander“, fand sie. Der Vorschlag der Verwaltung: Die Polizei möge sich der Kinder annehmen.

„Diese hat aber sicher genug andere Aufgaben“, kritisierte Eberle, der durch derlei Maßnahmen einen Knacks der kindlichen Psyche befürchtete. „Der Vorschlag ist unmöglich“, pflichtete auch Bettina Buresch (ALS) bei. Einen solchen Vorgang gelte es um das Wohl des Kindes willen unbedingt zu vermeiden. „Es geht auch darum, die Eltern zu erziehen“, fand Friedrich Zeller (SPD). Klar war: Die Polizei einzuschalten, sei die „ultima ratio“, das letztmögliche Mittel, stellte Bürgermeister Falk Sluyterman klar.

Auf Zustimmung traf der Vorschlag Schuppes, dem Gang zur Polizei das Jugendamt vorzuschalten. Seine Idee wurde mit 19:1 angenommen. Ob sie allerdings jemals in die Tat umgesetzt wird, scheint fraglich.

Denn „dazu haben keinerlei Absprachen stattgefunden“, wundert sich Johannes Lehnert, Leiter des Familienbüros beim Landratsamt. Ein Ablauf wie der vom Stadtrat befürwortete sei untypisch, das Jugendamt verfüge gar nicht über die Kapazitäten für solch ein Szenario und habe nach dem Stadtratsbeschluss entsprechend interveniert.

„Was machen Sie, wenn Sie auf der Straße ein unbeaufsichtigtes Kind auflesen?“, fragt Lehnert hypothetisch. „Richtig, sie informieren die Polizei.“ Ob das im Kindergarten-Fall aber verhältnismäßig sei, zweifele er an. „Das Kind ist eh aufgelöst, weil die Mama nicht auftaucht.“ Sein Fazit: „So was gehört nicht in eine Satzung.“

Für die dritte Januarwoche kündigt Lehnert Gespräche mit Stadt und Polizei an. „Für uns hat das Kinderwohl oberste Priorität.“

Rasso Schorer

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