Wer nicht wagt, der nicht gewinnt - Helmut Gehlert kürzt Goethes Text erfolgreich zu "Faust – Das Experiment"

Goethes „Faust“ zu inszenieren stellte schon unzählige Regisseure auf eine harte Probe. Trotz aller Ehrfurcht gegenüber dem Weltliteraturwerk entschloss sich Regisseur Helmut Gehlert zum Wagnis, den Text „brutal zu kürzen und den Stoff zu verdichten“. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Ein geradezu malerisches Bild bietet sich dem Zuschauer am Ort des Geschehens. Eingebettet in die imposante Kulisse der mittelalterlichen Stadtmauer ragt die Bühne in das Rondell des Bürgermeister-Schaegger-Platzes. Einen passenderen Ort konnte Gehlert kaum finden, um die Geschichte des Gelehrten Heinrich Faust zu erzählen. Faust ist des Lebens überdrüssig, weil ihm die tiefere wissenschaftliche Einsicht verschlossen bleibt und unfähig ist, das Leben zu genießen. Er schließt einen Pakt mit Mephistopheles, dem Teufel, und verspricht diesem seine Seele, wenn es ihm gelingt, Faust aus seiner Unzufriedenheit herauszuholen. Zum jungen Mann zurückverwandelt kommt er in den Genuss weltlicher Freuden und zieht das unschuldige Gretchen in den Strom des Verderbens, die im Gegensatz zu Faust trotz fehlender Bildung aber den richtigen Weg wählt. Den zeitlichen Sprung zurück in die Jugend setzt Gehlert geschickt auf mehreren Ebene um: Hüllten sich Faust und Mephisto eben noch in altertümliche Roben, zeigen sie sich jetzt im eleganten Anzug beziehungsweise in lässiger Lederkluft. Sowohl der alte aus auch der junge Mephisto, dargestellt von Delfo Viviani und Christian Schamper, glänzen durch schmeichlerisch-süßes Gebaren und diabolische Schadenfreude. Ebenso eindrucksvolle Leistungen erbrachten Helmut Gehlert und Markus Wühr in den Rollen des alten und jungen Fausts im Auf und Ab von Verzweiflung, Lebensfreude, Verliebtheit und nagenden Schuldgefühlen. Das Experiment, die Rollen im Dialekt sprechen zu lassen, gelang am besten bei Gretchen-Darstellerin Andrea Goldmann als Inbegriff der Unschuld vom Lande, die später Kindsmord begeht, weil Faust sie verließ. Goldmann bewältigt den Spagat zwischen heiler Welt und dem Absturz in den Wahnsinn meisterhaft und ist einer der großen Gewinner. Umso bedauerlicher, dass einige ihrer Passagen von der Musik überdeckt wurden. Ebenso erging es auch Luitpold Braun jun. in der hervorragend dargestellten Rolle des kommentierenden Direktors. Dennoch steht und fällt die Aufführung mit der Musik. Marcus Graf, Dirigent der Schongauer Stadtkapelle, bewies ein hervorragendes dramaturgisches Feingefühl bei der Auswahl der geeigneten Stücke, die er den einzelnen Szenen wie Filmmusik unterlegt. Seine Musiker ziehen dabei alle Register im Klangcharakter eines symphonischen Orchesters mit glasklaren und perfekt intonierten Soli bis hin zur Big Band. Ein großes Lob gilt dem Böbinger Männerchor, der ausgewogen mit der Kapelle zusammenarbeitete. Auch die tanzenden Akteure trugen zum Erfolg des Stückes bei, vor allem die Jazz-Dance-Gruppe unter der Leitung von Herbert Groß. Das Stück ist noch bis zum 15. August zu sehen, Karten dafür gibt es an der Abendkasse.

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