Der Peitinger Bohrmeister Hans Buchholz

Auf der Suche nach dem Lebenselexier

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Hans Buchholz im Wohnzimmer seines Hauses, in dem er mit seiner Frau Christa lebt. Die Erinnerungen an seine beruflichen Stationen hat der Bohrmeister in Fotoalben gesammelt.

Peiting – Somalia, Vereinigte Arabische Emirate, Gorleben, Sibirien: Hans Buchholz ist viel herumgekommen in seinem Leben. Das liegt auch an seinem ungewöhnlichen Beruf. Der Peitinger ist Bohrmeister mit Leib und Seele, bei der Suche nach Wasser macht ihm niemand so schnell etwas vor. Kein Wunder, dass der Rat des 71-jährigen Rentners noch immer heiß begehrt ist. Dabei wäre fast alles ganz anders gekommen, hätte Buchholz einst auf seine Eltern gehört.

Das Reihenhaus, in dem Hans Buchholz mit seiner Frau in Peiting lebt, sieht aus wie jedes andere. Der Vorgarten gepflegt, die Hauswand weiß, davor ein silberner VW Tiguan. Deutscher Alltag, der sich auch im Inneren fortsetzt. Nichts deutet darauf hin, dass hier einer wohnt, der Zeit seines Lebens von einer inneren Unruhe getrieben ist, die ihn an die entlegensten Orte der Welt führte und noch führt. 

Zu verdanken hat Buchholz das in gewisser Weise auch seinem ungewöhnlichen Beruf. Der Peitinger ist Experte darin, nach Wasser zu bohren. Fast wäre jedoch alles ganz anders gekommen. „Meine Eltern wollten, dass ich Friseur werde“, erzählt der 71-Jährige grinsend. Schere statt Bohrgerät, das hätte Buchholz’ Lebensgeschichte nicht unerheblich verändert. 

Doch der damals 16-Jährige wollte lieber das erlernen, was schon sein Vater und dessen Vater getan hatten – dort in Celle am Rand der Lüneburger Heide. In der Gegend lag einst eines der interessantesten Erdölfelder Deutschlands. Zwischen 1900 und 1920 wurden hier rund 80 Prozent der gesamten deutschen Erdöl-Produktion gefördert. Noch heute sind vor allem im Nachbarort Wietze Spuren der Erdölindustrie zu sehen. Für fünf Mark Monatslohn begann Buchholz 1959 seine Lehre bei der Erdölgesellschaft Brigitta Elwerath. Es war der Beginn einer wechselvollen Karriere. 

Buchholz’s Augen blitzen, wenn er von seinem Werdegang erzählt. Die Worte strömen nur so aus ihm heraus. Jedes Detail ist ihm wichtig, fast zu allen Begegnungen und Stationen kann er Anekdoten erzählen. Etwa, dass er schon bei seinem ersten Urlaub in Bayern, der in als Jugendlicher nach Roßhaupten brachte, seine Liebe zum Freistaat entdeckt habe. „Hier wollte ich unbedingt hin.“ 

Tatsächlich bot sich ihm schon bei seinem ersten Arbeitgeber nach der Lehre diese Chance und Buchholz griff dankbar zu. In ganz Bayern suchten er und sein Team nach Rohstoffen und bauten Brunnen. Es sollte für längere Zeit die letzte Station im Heimatland bleiben. Denn ab 1965 begann Buchholz’ berufliche Weltreise, die ihn über Holland, Türkei, Somalia bis in die Vereinigten Arabischen Emirate führte. Aufenthalte in Celle gerieten zu kurzen Stippvisiten. „Kaum war ich da, rief schon der Chef an mit dem nächsten Auftrag“, erinnert sich der 71-Jährige.

Seine Beruf führte Hans Buchholz in aller Herrren Länder. Die Aufnahme zeigt ihn vor einem Bohrgerät in den 1960-er Jahren in Afrika.

Seine Eltern waren darüber nicht immer glücklich, doch Buchholz ließ sich nicht aufhalten. Die Anziehungskraft der fremden Länder war zu groß. Zwei Stationen sind dem 71-Jährigen besonders im Kopf geblieben. Zwei Jahre bohrten Buchholz und seine Kollegen Ende der 1960er in Somalia nach Wasser, errichteten Versorgungsbrunnen. „Ein wunderschönes Land“, schwärmt er. “Das war ja noch weit vor dem Bürgerkrieg.“ 

Kurz nach Weihnachten 1970 schickte ihn sein Chef schließlich nach Al-Ain in Abu Dhabi. Damals lebten in der Oasenstadt nur ein Bruchteil der heute rund 350000 Einwohner. „Da gab’s vor allem Sand und Kamele“, sagt Buchholz, während er in alten Fotoalben blättert und zum Beweis auf alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen deutet. „Allein die Anreise mit Übernachtung in Damaskus war eine kleine Weltreise.“

Woran es in Al-Ain mangelte war klar: Wasser. Im Auftrag des Scheichs bohrte Buchholz’ Firma nach dem begehrten Nass. In dieser Zeit knüpfte der Deutsche Kontakt zum Herrscher. Als der schließlich fragte, ob Buchholz Einheimische in Sachen Brunnenbohren ausbilden wolle, sagte er zu. 

Zehn Jahre blieb Buchholz in Abu Dhabi. Die Hälfte davon in Begleitung seiner späteren Frau Christa. Die Peitingerin hatte er kennengelernt, als er für einen kurzen Besuch in der Heimat weilte. Noch heute unterhält Buchholz einen engen Kontakt in die Vereinigten Arabischen Emirate. Erst kürzlich nahm er auf Einladung der Scheich-Familie an den Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag teil. 

Nicht immer ging es in Buchholz bewegter Karriere allerdings um Wasser. Anfang der 1980er Jahre war er in Belgien an einem Forschungsprojekt der Firma Thyssen beteiligt, bei dem es um die Verflüssigung von Kohle ging. Anschließend folgte sein vielleicht prekärster Einsatz, als er in Gorleben für das geplante Atommüllendlager Schächte bohrte. Erstmals fühlte Buchholz bei seiner Arbeit richtig Furcht. 

Schuld daran trugen die massiven Proteste der Endlagergegner. „Wir sind vor den Demonstranten vor Angst bis oben auf den Bohrturm geklettert“, erinnert sich der 71-Jährige. Seine Stimme klingt erregt. Bis heute ist der Standort Gorleben umstritten. 

Buchholz’ Weg führte anschließend in die Schweiz. Zwölf Jahre bohrte er dort nach Geothermie, seine alte Firma hatte ihn angeheuert, da konnte und wollte er nicht Nein sagen. Zu sehr reizte ihn das Neue. Seine Frau blieb in Peiting – Fernbeziehung. Kinder hat das Paar nicht. „Das hat nicht sollen sein“, sagt Buchholz leise. 

Seit fünf Jahren ist der Bohrmeister offiziell in Rente. Zur Ruhe gekommen ist er dadurch aber nicht. Als ihn 2010 sein alter Chef, damals bereits 89 Jahre alt, anruft und ihn bittet, in Sibirien 60 Trinkwasserbrunnen zu bohren, zögert Buchholz nicht lange. Und auch als seine Expertise später in Rumänien gefragt ist, sagt er sofort zu. Er kann gar nicht anders. Löcher bohren im großen Stil, das ist sein Leben. Das beschauliche Reihenhaus kann da nicht mithalten.

Christoph Peters

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