Der Peitinger Pfarrer Hans Speckbacher spricht im Interview über die Beichte

"Das hat fast therapeutischen Charakter"

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Pfarrer Hans Speckbacher vor dem Beichtstuhl in Maria Egg.

Peiting – Sie gilt bei vielen Menschen als das ungeliebte Sakrament. Dass die Beichte was Befreiendes hat, dass es gut tut, sich mit Stärken und Schwächen zu stellen und was von der Seele zu reden, das betont Pfarrer Hans Speckbacher aus Peiting. Der Priester hat zusätzlich zum Theologiestudium später noch eine therapeutische Zusatzausbildung angehängt. Der 52-Jährige leitet die Pfarreiengemeinschaft Peiting/Hohenpeißenberg. Sie ist mit knapp 10 000 Katholiken der größte Seelsorge-Verbund im Schongauer Land. Der Kreisbote führte mit dem Pfarrer zur österlichen Bußzeit ein Interview.

Die Beichte – das ungeliebte Sakrament! Was sagen Sie zu dieser Einschätzung? 

Speckbacher: „Zweifellos ist es eine Herausforderung, sich mit Stärken und Schwächen in einem Gespräch zu stellen, insofern ist’s ein schwieriges Sakrament. Aber die Beichte hat was Befreiendes. Gläubige können da was loswerden. Auch Ballast. Beichten bedeutet, frei zu werden von dem, was einen niederdrückt, frei zu werden von Fehlerhaftem und von Schuld. Da kann man sich echt was von der Seele reden.“ 

Wie hat sich denn die Zahl der Beichtenden entwickelt? 

Speckbacher: „Über die Jahre ist noch ein leichter Rückgang zu erkennen. Aber der ist bei Weitem nicht so groß wie frü-her in den 70er und 80er Jahren. Genaue Zahlen gibt es nicht. In der Pfarreiengemeinschaft Peiting-Hohenpeißenberg sind es zusammen mit den Erstkommunionkindern und Firmlingen mehrere 100 Kinder und Erwachsene im Jahr.“ 

Was ist Ihre Erklärung für den zwar abgeschwächten, aber doch anhaltenden Rückgang? 

Speckbacher: „Es ist nach wie vor der Trend zur Säkularisation. Der Kirche wird nicht mehr so die Kompetenz zuge-sprochen wie früher. Auf der anderen Seite ist schon interessant, wie weit manche Men-schen gehen, wenn sie in sozialen Medien wie Facebook oder Twitter etwas gestehen. Das ist mitunter genauso viel oder sogar mehr als in einer Beichte.“ 

Wie oft bieten Sie Beichte an? 

Speckbacher:„So jede zweite Woche. Am Samstag vor der Abendmesse in Maria Egg ist Beichtgelegenheit.“

Gibt’s auch andere Gelegenheiten? 

Speckbacher:„Ja, insbesondere vor Weihnachten und vor Ostern. In der Karwoche besteht von Dienstag bis Karfreitag täglich Beichtgelegenheit. Da sind wir dann sogar zwei Beichtväter.“ 

Wie viel Zeit nimmt eine Beichte in Anspruch?

Speckbacher: „Bei der normalen Andachtsbeichte sind es zwischen drei bis fünf Minuten. Ein Beichtgespräch kann schon mal zwischen einer halben und einer ganzen Stunde dauern.“ 

So lange? 

Speckbacher:„Ja, es braucht Zeit, in die Tiefe zu gehen. Ein Beichtgespräch ist viel mehr als „Ich bekenne …“ Es bedeutet vielmehr Begegnung und Versöhnung, Erläuterung. Da wird die Mittlerperson des Priesters als Werkzeug Gottes besonders deutlich. Manche Themen werden intensiviert. Das hat fast therapeutischen Charakter.“ 

Stehen da Psychologen und Priester im Wettbewerb? 

Speckbacher: „Keineswegs. Beide können einander ergänzen. Dass ich im Anschluss an das Theologiestudium noch den Bereich Psychotherapie vertieft habe, ist mir heute noch eine wertvolle Hilfe.“ 

Worin unterscheidet sich die Arbeit? 

Speckbacher: „Der Therapeut arbeitet Konflikte auf. Aber er wird nicht das Handwerk des Beichtvaters übernehmen und sagen ,Ich spreche dich los von deinen Sünden/ Belastungen.“ 

Wie kommt so ein intensives Beichtgespräch zustande? 

Speckbacher: „Das geht nur über vorige Anmeldung bei mir im Pfarramt.“ 

Wo findet es statt? 

Speckbacher: „Das ist unterschiedlich. Das kann im neuen, beheizten Beichtzimmer in der Kirche Maria Egg sein. Das kann im Pfarrhof sein. Das kann genauso gut aber auch mal bei einem Spaziergang auf einem abgelegenen Weg sein.“

 Gehen Sie selber beichten? 

Speckbacher:„Ja, regelmäßig.“ Wo? Speckbacher: „Ich hatte einen festen Beichtvater, der ist aber verstorben. Seitdem lege ich die Beichte zumeist in Klöstern ab – oft in Verbindung mit Exerzitien.“ 

Wie oft? 

Speckbacher: „Unterschiedlich. Es gibt Jahre, da bin ich öfters gegangen. Dann gibt es Jahre, in denen ich einmal oder zweimal beim Beichten bin.“ 

Es gibt Menschen, die bekennen ihre Sünden lieber in anderen Pfarreien und nicht beim eigenen Priester. 

Speckbacher:„Damit habe ich überhaupt kein Problem. Wenn einige Peitinger und Hohenpeißenberger woanders die Beichte ablegen, ist das ganz normal. Es kommen auch Leute aus umliegenden Gemeinden zu uns. Da haben wir offene Grenzen zwischen den Pfarrgemeinden und zwischen den beiden Diözesen Augsburg und München-Freising. Nicht wenige suchen bei der Beichte auch die Anonymität.“ 

Tut sich die Jugend mit dem Beichten besonders schwer? 

Speckbacher: „Ja. Speziell mit der reinen Beichtstuhlpraxis. Aber es gibt jugendgemäße Angebote. Zum Beispiel bei der Firmbeichte.“ 

Damit meinen Sie …? 

Speckbacher: „Wir haben in unseren Pfarrgemeinden ausprobiert, dass Schüler zur Firmung Beichtzettel schreiben, dann die persönliche Lossprechung bekommen. Meine Erfahrung ist, dass sich Jugend-liche damit leichter tun.“

Wenn Buben und Mädchen auf die Erstkommunion vorbereitet werden, gehen sie das erste Mal zur Beichte – mit acht oder neun Jahren. Ist das nicht sehr früh? 

Speckbacher: „Die Kinder wachsen früh in dieses Sakrament rein. Das sage ich auch beim Elternabend zur Erstkommunion. Kinder haben schon in diesem Alter eine gute Einschätzung zu Recht oder Unrecht bzw. dazu, was Schuld bedeutet. Sie wissen genau, wenn ein Mitschüler gemobbt wird, wenn gelogen oder gestohlen wird. Wir Seelsorger müssen freilich aufpassen, dass wir den Kindern keine Sündenlitanei einreden. Mir geht’s vielmehr darum, ihre Stärken zu fördern. Dazu gehört eben auch, zu den Fehlern zu stehen. Wichtig ist, dass sie eine gute Beziehung zu Gott aufbauen.“ 

Wenn junge Leute oder Erwachsene sagen „Ich mach das nicht mehr oder „Damit kann ich nix anfangen – wie reagieren Sie darauf? 

Speckbacher: „Solche Aussagen haben verschiedene Gründe. Mir ist aber klar, dass wir Priester niemanden zum Sakrament zwingen können, es ist ein Angebot. Ich kann bei solchen Antworten aber immer auf viele geglückte Beichtgespräche verweisen.“ 

Geht’s bei der Gewissensprüfung meistens nach den zehn Geboten? 

Speckbacher:„Ältere Gläubige nehmen heute noch gern diesen Leitfaden. Bei Kindern strukturieren wir in vier Bereiche. Das sind das Leben mit Gott und mit der Kirche, das Leben mit den Mitmenschen, mit mir selber und mit der Umwelt und dem Straßenverkehr.“ 

Was sagen Sie zum sechsten Gebot „Du sollst nicht ehebrechen“? 

Speckbacher: „Das ist ein sehr sensibler Bereich. Da tut sich niemand leicht. Das liegt auch daran, dass die Kirche früher oft zu sehr ins Schlafzimmer hinein regiert hat – bis hin zum Thema Verhütung. Da rühren noch einige Vorurteile her. Es gilt, da besonders behutsam zuzuhören. Wobei jeder (junge) Mensch Begleitung braucht, um zu einer reifen Sexualität zu kommen.“ 

Wann fragen Sie als Priester in der Beichte nach? 

Speckbacher: „Immer am Schluss. Da ist meine Frage, ob es der Gläubige auf der anderen Seite des Beichtstuhles bei dem Gesagten bewenden lassen möchte oder einen Bereich vertiefen möchte. Aber das soll er selbst entscheiden.“ 

Was geben Sie am Ende mit auf den Weg? 

Speckbacher: „Dass so eine Beichte durchaus ein Moment der Befreiung ist, in der die Barmherzigkeit Gottes zu spüren ist. Oft versuche ich mit dem Beichtenden einen Weg in den Blick zu nehmen: Wo könnte man selber weiterarbeiten/dran bleiben? Wichtig ist, für sein Leben Verantwortung zu übernehmen.“

Interview: Johannes Jais

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