Fünf vor zwölf

Pflege, Distanzunterricht, Rahmenbedingungen: Heimerer Schulen mit Warnung

Pflege
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Pflegekräfte werden dringend gebraucht. Doch die Abbrecherquote unter den Berufsanfängern ist außergewöhnlich hoch, berichten die Heimerer Schulen.
  • VonRasso Schorer
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Schongau – Binnen gut eines Jahres waren nur wenige Tage uneingeschränkter Präsenz möglich. In Distanz und Wechselunterricht vermitteln die Heimerer Schulen das Rüst­zeug höchst praktischer Berufe – nun formulieren sie einen eindringlichen Appell.

Die Ausbildungen der zukünftigen Pflegefachkräfte sowie Ergo- und Physiotherapeuten bestehen rund jeweils zur Hälfte aus fachtheoretischem und -praktischem Unterricht. Praktische Inhalte „können nur schwer bis gar nicht online im Distanzunterricht vermittelt werden“, schildert Carina Jelonnek, Sprecherin der Heimerer Schulen. „Die Schülerinnen und Schüler müssen lernen wie sie ein Gelenk bewegen, wie sie einen bettlägerigen Patienten umlagern oder einem Schlaganfallpatienten mit einer ausgeprägten Halbseitenlähmung aus dem Bett in einen Rollstuhl transferieren und wie schwerstkranke und behinderte Menschen wieder in den Alltag zurückgeführt werden können. Dies muss in der Schule unter der Supervision der Lehrkräfte aneinander geübt werden.“ Zur vertiefenden Anwendung am Patienten dient dann der praktische Ausbildungsteil in Krankenhäusern und Rehaeinrichtungen – die Vermittlung der Techniken sollte zu diesem Zeitpunkt schon weit gediehen sein, doch daran hapere es unter den derzeitigen Rahmenbedingungen, so Jelonnek.

Die Folge: Beim Berufseinstieg drohe den Absolventen das Gefühl, nicht vollumfänglich auf den Berufsalltag vorbereitet zu sein, erklärt Jelonneks Kollegin Grit Hesse. Genau das sei allerdings der Anspruch der Heimerer Schulen. Dort beo­bachte man zunehmende Unzufriedenheit, sowohl unter den bereits praktizierenden, als auch den angehenden Pflege- und Therapiekräften. Nicht erst seit Corona sei vor allem der enorme Bedarf an Intensivpflegekräften und therapeutischem Fachpersonal um ein Vielfaches höher, als bereits vor der Pandemie ausgebildet wurden. Rund 50.000 Pflegekräfte fehlen schon jetzt, nennt Adrian Heimerer Zahlen. Diese Schere gehe nun immer weiter auseinander, und das vor dem Hintergrund des demographischen Wandels, der die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2030 nochmals um 50 Prozent steigen lassen könnte, so Jelonnek.

Die aktuelle Entwicklung und unzufriedenstellende Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten für klinisches und pflegerisches Fachpersonal lassen viele Fachkräfte der betroffenen Bereiche unter höchster Frustration kündigen oder ihre Ausbildung abbrechen. „Viele werden noch folgen“, befürchtet Jelonnek. Ein, zwei, manchmal drei Teilnehmer hören üblicherweise im Lauf des ersten Schuljahres auf, sagt Adrian Heimerer. „Diesmal waren es elf, zwölf.“ Im zweiten und dritten Jahrgang sei hingegen keine Verwerfung zu beobachten.

„Wir möchten das dringend benötigte Fachpersonal der Therapie- und Pflegeberufe wieder auf qualitativ höchstem Niveau ausbilden“, fasst Jelonnek zusammen. Es herrsche ein massiver Fachkräftemangel, der sich durch Ausbildungsabbrüche aufgrund der unzureichenden praktischen Ausbildung noch deutlich verstärken wird, wenn die Therapie- und Pflegeausbildungen nicht wieder in der Schule stattfinden können. Der Appell: „Fachpraktische Ausbildungsabschnitte sind mittel- bis langfristig nicht über den Distanzunterricht vermittelbar und müssen zwingend wieder Bestandteil des Präsenzunterrichts werden.“

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