Schongauer Zentrum unter der Lupe:

Schlechtes Zeugnis für die Altstadt

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Prof. Dr. Dirk Funck (Mitte) nahm bei der Bewertung der Schongauer Innenstadt kein Blatt vor den Mund. Dr. Harald Dinter (links) und Franz Köpf (rechts) gewannen der Deutlichkeit des Redners viel Positives ab.

Schongau – Sehr deutliche Worte fand Prof. Dr. Dirk Funck, „Hochkaräter im Bereich Stadtentwicklung“, wie Werbegemeinschafts-Vorstand Franz Köpf den Gast im Ballenhaus präsentierte. Der Experte hatte die Schongauer Innenstadt im Vorfeld etwa eineinhalb Tage intensiv unter die Lupe genommen – sein Fazit, für viele Einzelhändler sicherlich erschreckend: „Das, was ich hier gesehen habe, war tot.“

Eine „Koryphäe des Stadtmarketings“ zu sein, bescheinigte Schongaus BDS-Vorsitzender Dr. Harald Dinter dem derzeitigen BWL-Dekan an der Hochschule Nürtingen. Bereits in mehrere Stadtmarketing-Prozesse involviert, nahm sich Prof. Dr. Funck zuletzt auch der Situation der Schongauer Innenstadt an. „Ich habe keine umfassende Standortanalyse durchgeführt“, Erkenntnisse aus dem Einzelhandelsgutachten seien aber in seine Analyse eingeflossen, berichtete Funck noch vor der Präsentation seiner Ergebnisse.

Scheu vor dem Web?

Zuvor nahm er die etwa 50 Zuhörer noch mit auf einen Exkurs – dessen Thema: Die Chancen, die E-Commerce und Online-Marketing für Einzelhändler bieten, unter anderem belegt am Beispiel der Markt-Riesen Amazon und Zalando. „Dem Internet kann man sich heutzutage nicht mehr entziehen,“ so Funcks Einschätzung. „Und wie virtuell ist Schongau?“, spannte er den Bogen wieder zurück auf die Lechstadt. Die Internetauftritte der hiesigen Einzelhändler hatte der Professor ausgiebig inspiziert und attestierte: „Nutzt Schongau das Internet? Ich würde sagen: Nein.“ Konkret schnitten in die meisten Innenstadt-Händler seiner Beurteilung nur mäßig ab, dort seien zum Teil nicht einmal die Mindestanforderungen wie die Online-Veröffentlichung der Kontaktdaten oder Öffnungszeiten gegeben. Positiv-Beispiele gebe es zwar auch, wo sogar ein ansehnlicher Onlineshop gepflegt werde, das sei jedoch die absolute Ausnahme. Die Chance des Webs auch für kleine Schongauer Innenstadt-Läden: „Viele Kunden informieren sich zunächst online, gehen dann aber ins Geschäft.“

Durch die Vielzahl an Online-Angeboten habe sich auch die Rolle des Kunden im Vergleich zu früher verschoben: „In puncto Lieferzeiten, Preise und Produktverfügbarkeiten können Sie mit den Online-Giganten nicht konkurrieren“, erklärte Funck. Der Kunde habe heutzutage durch das Internet mit Unternehmen und Produkten noch wesentlich mehr Kontaktpunkte, die allesamt essentiell auf dem Weg hin zur Kaufentscheidung seien. Natürlich gebe es diese Punkte auch offline, beispielsweise ein hübsches Schaufenster oder eine freundliche Verkaufsberatung im Laden. „Jeder Kontaktpunkt muss funktionieren. Das weiß auch der Kunde, der schnell ungeduldig wird.“ Sollte einer dieser Kontakte vor dem Kauf misslingen, liege die Reaktion auf der Hand: „Dann kauft Ihr Kunde halt woanders, Angebote gibt es genug.“

Jeder Einzelhändler müsse außerdem seinen Beitrag leisten, um die Schongauer Innenstadt im Gesamtbild attraktiv zu gestalten, forderte Funck. Bevor er seine eigenen Beobachtungen und Nachforschungen teilte, die er binnen eineinhalb Tagen zur Innenstadt angestellt hatte, betonte der Experte seine Distanz: „Ich betrachte die Stadt aus der Ferne, bitte legen Sie deshalb nicht jede Zahl auf die Goldwaage.“

Innenstadt menschenleer

136 Millionen Euro betrage der gesamte Einzelhandelsumsatz der Stadt, wovon aber gerade mal zehn bis 15 Prozent in der Innenstadt umgesetzt würden. Im Vergleich die Stadt Penzberg – in vielen Aspekten Ähnlichkeiten zu Schongau aufweisend: Während dort über 30 Prozent der Innenstadt Einzelhandels-Fläche seien, befinde sich der hiesige Flächenanteil gerade mal bei zehn Prozent. Kombiniert mit dem großen Leerstand von 26 Gebäuden sei es kein Wunder, dass die Innenstadt menschenleer sei. „Gehen Sie mal in andere Städte, da ist wesentlich mehr los“, stellte Funck der Schongauer Innenstadt-Attraktivität ein schlechtes Zeugnis aus. Wirtschafts-Förderin Yvonne Voigt hatte diese im Interview mit dem Kreisboten zuletzt noch mit Schulnote Zwei bis Zwei Plus bewertet. Dieses Statement griff Funck bei seinen Recherchen auf und revidierte: „Eine Zwei kann ich hier keinesfalls geben, schon eher eine Drei bis Vier.“ Bestätigt habe ihn dabei auch folgender Eindruck: „Heute wollte ich in der Stadt noch einen Kaffee trinken gehen. Ich habe keinen einzigen Ort gefunden, an dem das gemütlich ging.“

Im Vorfeld war der Redner gebeten worden, auch zur Einrichtung der Fußgängerzone Stellung zu beziehen. Sein Urteil: „In der jetzigen Situation war das nicht gerade die schlauste Entscheidung.“ Nachdem er für diese Haltung reichlich Applaus aus dem Publikum erntete, fügte Funck hinzu: „Eine solche Diskussion sollten Sie erst führen, wenn Sie den Rest im Griff haben.“ Schließlich sei eine Fußgängerzone kein Heilmittel gegen Frequenzprobleme.

Wo soll man ansetzen?

Wie sich der Innenstadt wieder Leben einhauchen lässt, dazu hatte Funck eine ganze Reihe an Antworten: „Entwickeln Sie ein klares, gemeinsames Leitbild mit verbindlichen Zielen.“ Wichtig dabei sei die Authentizität: „Das Leitbild muss sich an denen ausrichten, die hier leben oder ihre Freizeit verbringen. Beziehen Sie deshalb Bürger, Vereine und Communities mit ein.“ Was die Integration des Internets in den lokalen Einzelhandel anbelangt, appellierte er insbesondere an die Wirtschaftsförderung: „Stellen Sie die nötige Qualifizierung in der Stadtverwaltung, bei Händlern und Gewerbetreibenden sicher.“ Perspektivisch müssten zudem kommunale Online-Plattformen für den Einzelhandel geschaffen werden, wie es sie auch in anderen Städten bereits gebe.

Zum Schluss mahnte Funck: „Wenn Sie Schongau nicht zu einer Schlafstadt mit Nahversorgung verkommen lassen wollen, müssen Sie jetzt handeln.“ Anschließend entschleunigte er noch: „Es ist nicht alles so dramatisch, wie ich es jetzt dargestellt habe.“ Dennoch hinterließen seine Gedanken merklich Spuren – die im Anschluss geplante Diskussionsrunde fiel spärlich aus. „Gefrustet und erschlagen“ habe die deutliche Kritik, wie aus den hinteren Reihen zu vernehmen war.

Das Wort ergriff deshalb Wirtschafts-Förderin Voigt, die sich dankbar zeigte: „Es ist gut, dass Sie die Dinge hier so deutlich auf den Punkt gebracht haben.“ Sie erhoffe sich durch die Impulse neuen Schwung für die Arbeit des Gewerbeverbandes. Franz Köpf schloss sich an: „Vielen Dank für diesen sehr interessanten und auch weiterführenden Vortrag.“

Marco Tobisch

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