Wichtige Hürde ist genommen

Weniger Deich, mehr Wildnis für die Ammer

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Die Ammer beim Kalkofenstegs: Hier soll der Fluss künftig wieder seine wildere Seite zeigen dürfen. Der Deich könnte bis zum Schnalzwehr zurückverlegt werden.

Landkreis – Seiner Befreiung ein gutes Stück näher gekommen ist der Abschnitt der Ammer, der zwischen Böbing und Peiting fließt. Bei einem von der internationalen Tier- und Umweltschutzorganisation WWF (World Wide Fund For Nature) anberaumten Treffen erwärmten sich die involvierten Interessensvertreter nun für den Vorschlag, den Deich vom Kalkofensteg bis zum Schnalzwehr zurück zu verlegen.

Als jüngst Naturschutzverbände, Tourismusverband, Behörden, Gemeinden, Nutzergruppen sowie Grundeigentümer im Landratsamt in Weilheim zusammenkamen, um die vom WWF gemeinsam mit den Bayerischen Staatsforsten (BaySF) und dem Wasserwirtschaftsamt geplante Renaturierung der Schnalzaue zu diskutieren, herrschte am Ende Einigkeit. „Allen ist es ein großes Anliegen, der Ammer zwischen Böbing und Peiting wieder mehr Raum für die natürliche Entwicklung zu geben“, berichtet Sigrun Lange, die beim WWF für Projektkoordination und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.

Schon seit 2015, teils länger, stehen die verschiedenen Akteure miteinander in Kontakt. Als „Weichenstellung und „riesen Schritt“ bewertet Mathias Fischer, Flussreferent des WWF, die erzielte Übereinkunft. „Aus der Idee kann nun Realität werden“, freut sich der Fachmann, dessen Organisation die Planungskosten trägt-

Die breiteste Zustimmung unter den Beteiligten fand ein Vorschlag, den das Planungsbüro Bosch&Partner, EDR GmbH und Boley erarbeitet hatte. Dieser sieht eine Deichrückverlegung vom Kalkofensteg bis in den Bereich des Schnalzwehres vor. Die Ammer soll in dem Abschnitt, der in den 1960er Jahren nach einer Haldenrutschung begradigt wurde, künftig wieder frei fließen. „Der Fluss strömt hier mit viel Energie aus der Ammerschlucht“, erklärt Lange. Nach diesem natürlichen, geologischen „Korsett“ habe die Ammer nach dem „Knie“ das Potenzial, ihren Lauf frei zu gestalten und dabei „wertvolle Lebensräume für flusstypische Tier- und Pflanzenarten zu formen“.

Auch für den Menschen entfalte ein freier Wildfluss einen großen Reiz. Der Abschnitt sei ein beliebtes Ausflugsziel. Das gelte es beizubehalten. „Die Besucher sollen in den nächsten Jahren miterleben können, wie sich der Fluss ein Stück seiner Freiheit zurückerobert und dabei ursprüngliche Landschaftsbilder formt, die heute in unserer durchorganisierten Welt selten geworden sind.“ Darauf freut sich auch Peitings Marktgmeinde-Oberhaupt: „Die Schnalzaue hat einen hohen kulturellen Wert für die Bewohner der umliegenden Gemeinden“, findet Bürgermeister Michael Asam. Die geplanten Veränderungen sollten durch ein Informationskonzept naturverträglich erlebbar gemacht werden.

Nachdem alle Beteiligten einer Planungsvariante grundsätzlich zugestimmt haben, geht das Projekt in die nächste Phase. Weitere Untersuchungen zu den ökologischen Auswirkungen und eine Konkretisierung der technischen Planung stehen an. Die finanziellen Mittel hierfür stammen vom WWF, der die Maßnahme als Teil seines Hotspotprojekts „Alpenflusslandschaften – Vielfalt leben von Ammersee bis Zugspitze“ verortet.

Unterstützung könnte vonseiten der oberbayerischen Regierung kommen, die Lange zufolge bereits das Signal gesendet habe, die Umsetzung der Baumaßnahmen, die rund 1,5 Millionen Euro kosten dürfte, zu übernehmen – vorbehaltlich der Genehmigung durch alle zuständigen Behörden.

Fischer, der hofft, dass die Realisierung 2020 starten kann, benennt zwei wichtige Hürden: Seit den Sechzigerjahren entwickelten sich hinter dem Deich neue Biotope. Hier sei zu klären, was schützenswert sei. Außerdem sei sicherzustellen, dass die neu anzulegenden Deiche unbedingt hielten. Denn in den alten Berg­bau-Halden ganz in der Nähe werden Altlasten vermutet. „Mit denen darf die Ammer – weder bei Hochwasser noch durch Eingraben – auf keinen Fall in Kontakt kommen.“

Erleichtert wird die Umsetzung dadurch, dass die BaySF als Grundstückeigentümer mitziehen. „Sie sind bereit, die benötigten Waldflächen zur Verfügung zu stellen und auch die Fischer an dem Flussabschnitt befürworten die Renaturierung“, freut sich WWF-Vertreterin Lange. „Die Relation aus Aufwand und ökologischem Nutzen ist hier sehr gut“, erklärt Flussreferent Fischer.

Seit 2011 engagiere sich der WWF deshalb für die Renaturierung der Ammer. Sie gelte nämlich als der naturnächste aller deutschen Wildflüsse. Die oft mehr beachtete Isar sei bei weitem nicht so wild. „Die Ammer ist ein richtiges Juwel.“

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