Ausprobieren möglich:

Mit dem Rolli am Berg

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Bergererlebnisse für alle – auch mit Behinderung: Der geländegängige Rollstuhl meistert selbst starke Steigungen und großes Gefälle auf grobem Untergrund.

Peiting – Mit körperlicher Behinderung auf den Berg? Das geht. Den Beweis erbringt der Peitinger Verein Bewegung und Begegnung. Bei einem Event am Wank stellten die Mitglieder einen geländetauglichen Rollstuhl vor, mit dem auch Gehbehinderte in den Genuss einer Bergtour kommen.

Es fing – wie bei vielen Innovationen – mit einem Problem an. Vor wenigen Monaten unternahm der Peitinger Verein Bewegung und Begegnung, der rund 30 behinderte und nichtbehinderte Mitglieder zählt, einen Ausflug. Eine Bergtour stand an. Alle wanderten hoch – nur eine Dame musste wegen ihrer Behinderung die Bergbahn nehmen. „Sie musste oben eine Stunde warten. Das war nicht der Sinn der Sache: Wir wollen eigentlich etwas gemeinsam unternehmen“, bedauert der Vereinsvorsitzende Stefan Jenuwein.

Wie kann man das lösen, war die Frage. So stieß man auf den Hersteller Surise Medical, der mit dem „Extreme X8“ einen geländetauglichen Rollstuhl anbietet. Den wollte man testen – und stieß bei der Firma auf offene Ohren. Das Gerät kostet 30.000 Euro, doch der Hersteller stellte es leihweise kostenlos zur Verfügung. Die Peitinger konnten auch Andreas Hertle, Hüttenwirt der Tannenhütte am Wank für ihre Sache gewinnen: Hertle hat bereits vor zwei Jahren einen Shuttleservice für Rolli-Fahrer eingerichtet. „Das ist meines Wissens die einzige barrierefreie Hütte bei uns“, sagt Jenuwein.

Bei dem Event mit dem Titel „Barrierefrei? Bist du dabei!“ waren auf dem Garmischer Hausberg rund 20 Mitglieder im Einsatz. Einige waren schon am Vortag gekommen und hatten oben im Zelt übernachtet. Sie stellten Infostände und selbstgebaute Dreibeiner mit Hängematten auf. Für eine Testrunde wurde dann der Gelände-Rolli in einem Rundkurs von rund einem Kilometer zum Testen vorgestellt. Eine Aktion, die bei vielen Wanderern für großes Interesse sorgte. Auch Jenuwein drehte eine Testfahrt – und ist begeistert: „Funktioniert super. Aber auch wenn das Gerät sicher ist, hab ich Respekt. Der kann bis zu 30 Prozent Steigung fahren – und das ist schon echt steil.“

Leider, so bedauert Jenuwein, kamen an diesem sehr heißen Samstag nur wenige Behinderte, um den Rollstuhl zu testen. Viele von ihnen, so weiß er, trauten sich wegen Corona derzeit kaum vor die Tür, da sie zur Risikogruppe gehörten. „Und MS-Patienten vertragen die Hitze generell sehr schlecht.“ Aber einige waren doch gekommen – und stark beeindruckt. Jenuwein bekam etwa Feedback von einer 54-Jährigen, die seit ihrem dritten Lebensjahr im Rollstuhl sitzt. „Sie war so gerührt über das Erlebnis, dass sie zweimal anhalten musste, weil sie weinte.“

Denn das Ziel von dem Inklusionsverein ist es schließlich, mit innovativen Konzepten Behinderte bei solchen gemeinsamen Erlebnissen miteinzubeziehen. Jenuwein, der als Sportlehrer bei der Herzogsägmühle therapeutisches Klettern betreut, ist überzeugt, dass solche Erlebnisse sinnvoll sind: „Bei den einen dockt so eine Bergtour an alte Positiverinnerungen an. Bei den anderen sind das völlig neue Erfahrungen.“

Für die Testphase von sechs Wochen steht der Gelände-Rolli nun für Ausflüge am Wank zur Verfügung, jeden Tag von 10 bis 17 Uhr. Kostenpunkt: 15 Euro. Nach einer Anmeldung startet man beim Materiallager der Tannenhütte in Garmisch-Partenkirchen. Wer den Geländerolli testen will, wendet sich an den Verein Bewegung und Begegnung unter www.be-und-be.org.

Partner gesucht

„Der Mietpreis ist natürlich nicht kostendeckend“, sagt Jenuwein. „Wir als Verein können es auch leider nicht leisten, das zu betreuen.“ Daher sucht Bewegung und Begegnung einen Betreiber – und vor allem Sponsoren. Das Ziel: Einen Rollstuhl kaufen. Oder besser noch drei, damit Behinderte gemeinsam Touren machen können.

Zu dem Event auf dem Wank waren Vertreter von GAP Tourismus, dem Garmischer Gemeinderat, dem Staatsforst, dem Hersteller Sunrise Medical sowie Daniela Bittner, die Behindertenbeauftragte des Landkreises Garmisch-Partenkirchen, gekommen. Und zeigten sich begeistert von der Initiative. Dass die Peitinger diese Entscheider überzeugten, stimmt Jenuwein optimistisch. Er sucht nun Partner: „Es wäre toll, wenn man den Gelände-Rolli als Dauereinrichtung machen könnte – auch wenn der Weg dahin nicht einfach wird. “

Klaus Mergel

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