Das Trugbild vom Fehlstart

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Alles wie immer, rund um Schongau? Der Kälteeinbruch der vergangenen Wochen war jedenfalls nicht untypisch für diese Jahreszeit.

Landkreis – Es war eines der beherrschenden Themen der letzten Tage: Spargelbauern erahnten ihre Ernte nur noch unter fingerbreiten Schneedecken, Obstbestände wurden beregnet, um Blüten und Fruchtknoten vor den allerfrostigsten Minustemperaturen zu schützen. Doch wie sieht es im Schongauer Land aus? Müssen sich die hiesigen Bauern auf Ernte-Einbußen einstellen? Nein, meint Wolfgang Scholz, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) im Gespräch mit dem Kreisboten.

Aufgegeben hat er noch nicht, der Winter. Nach einem kurzen Auftritt wanderten Sandalen und kurze Hosen Mitte April wieder in den Kleiderschrank, die Eisdielen blieben auf ihren süßen Versuchungen sitzen.

Für die Bauern des Landkreises ist die vorübergehende Rückkehr von Minustemperaturen, Eis und Schnee kein Problem, ist sich Wolfgang Scholz, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes, sicher. „Ich habe jetzt ja schon einige Jahre Beobachtungen sammeln können“, bilanziert der Sachsenrieder nüchtern. Die zwischenzeitlich vorherrschende Kälte der vergangenen Wochen bewertet er als absolut nicht ungewöhnlich. „Es hat schon Jahre gegeben, da lagen um diese Zeit noch 60 Zentimeter Schnee.“ Die hiesige Landwirtschaft sei an die vorherrschenden Bedingungen angepasst.

Soweit Scholz‘ Empfinden. Doch untermauern die Kennzahlen der Meteorologen seine Wahrnehmung? Der Deutsche Wetterdienst (DWD) stellt umfangreiches Datenmaterial seiner Messstation in Hohenpeißenberg frei zur Verfügung. Ein Blick darauf verrät: Tatsächlich waren der diesjährige 18. und 19. April sogenannte Eistage. An ihnen kletterte das Thermometer nie über den Gefrierpunkt. Das gab es, nur den April betrachtet, zuletzt im Jahr 2013; damals aber ganze sechs Mal. Insgesamt finden sich in den Aufzeichnungen seit 2001 nur 14 April-Eistage, zwischen 2006 und 2011 allerdings gar keine. Dennoch: Eine absolute Ausnahme sind sie nicht. Auch Schnee im April ist ganz deutlich die Regel, nicht die Ausnahme. Der 19. April 2017 war, gemessen an der Tagesdurchschnittstemperatur, der kälteste Apriltag seit dem 2. April 2013.

Der gefühlte Frühling

Dafür, wieso die Rückkehr des Winters in diesem Jahr dennoch solch besonderen Nachhall in der öffentlichen Wahrnehmung fand, hat

Scholz eine eigene Theorie: den Klimawandel. Durch dessen regionale Auswirkungen lege die Vegetation auch im Schongauer Land im Frühjahr zeitiger los. Das Gras im Landkreis sei bereits weidefähig. Der Frühling halte, zumindest optisch, früher Einzug. Deshalb fühle es sich eben so an, als ob der Winter schon lange vorbei sei. „Das ist aber ein rein subjektives Empfinden.“

Und wieder scheinen die Kennzahlen Scholz recht zu geben. Der Beginn des sogenannten phänologischen Frühlings, der Beginn der Apfelblüte, setzte zuletzt von Jahr zu Jahr früher ein.

Robuste Kulturen

Dass die Landwirte im Schongauer Land sich nach dem winterlichen Comeback auf Ernte-Einbußen einstellen müssen, glaubt Scholz nicht. „Mir sind überhaupt keine Schäden bekannt“, so sein Kenntnisstand nach dem zwischenzeitlichen Kälteeinbruch. Zwar habe er sich zwischenzeitlich etwas um seine Luzerne gesorgt, doch der Blick auf das Feld verriet: „Da fehlt sich gar nix.“ Ausnahmen seien zwar möglich, die Kulturen, die die hiesigen Bauern vorrangig anbauen, hält der Kreisobmann aber für robust. „Gegenüber Frost sind wir eigentlich wenig sensibel.“

Als größte Gefahr für den Ertrag in der Region erachtet er etwas anderes: Dürreperioden. „Wobei wir hier durch unsere Nähe zu den Alpen privilegiert sind.“ Auf die Niederschlagssicherheit sei üblicherweise Verlass. „Nehmen wir das Beispiel Silomais: Der muss hier nie Trockenstress aushalten.“ Fünfzig Kilometer nordwärts, weiter weg vom Gebirge, an dem sich die Wolkenmassen stauen und abregnen, könne das schon ganz anders aussehen. „Durch unsere Lage legt die Vegetation in einem normalen Jahr zwar erst 14 Tage später los als anderswo. Da wir üblicherweise aber keinen Trockenstress haben, holen wir bis zur Ernte wieder auf“, erklärt Scholz. 

Rasso Schorer

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