Regenbogenfarbener Demozug

Rund 300 Teilnehmer beim ersten Christopher Street Day: »Schongau ist bunt«

CSD Schongau 2021
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Der Demozug führte die 300 Teilnehmer vom Marienplatz entlang der Münzstraße durch die Altstadt. Zielpunkt war der Schwanenpark.

Schongau – „Schongau ist bunt, Schongau ist tolerant“. Unter anderem mit diesem Satz begrüßte Soja-Nemo Heißerer (25) gemeinsam mit Natalia (18), die ihren Nachnamen „lieber nicht“ nennen wollte, auf dem Marienplatz die etwa 300 oft mit Regenbogenfahnen oder -umhängen herausgeputzten Teilnehmer zum ersten Christopher Street Day (CSD) in Schongau.

Annähernd zeitgleich wurde an diesem von viel Sonnenschein begleiteten Sommertag auch in anderen deutschen Städten, unter anderem in Berlin, ebenfalls für die LGBTQ*­-Rechte demonstriert. Die LGBTQ*-Bewegung (aus dem Englischen übernommene Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer, also lesbisch, schwul, bisexuell, transgender, queer – das Sternchen oder auch ein Plus stehen dafür, um noch weitere, nicht benannte Identitäten einzubeziehen) will mit den Veranstaltungen queeren Menschen dabei helfen, sichtbarer für alle und damit nicht mehr übersehen zu werden. „Und eben dieses Übersehen werden und Alleinfühlen“ wollte man der Äußerung von Soja zufolge mit diesem ersten CSD auch in Schongau beenden und gleichzeitig ein Zeichen für Toleranz, Gemeinschaft und Sichtbarkeit setzen.

Mit dem Hinweis „Wir werden immer noch diskriminiert“, brachte Soja bei der Begrüßungsansprache auch die Einschätzung vieler Teilnehmer zum Ausdruck. Und nicht nur woanders auf der Welt, wie zum Beispiel in Ungarn. Auch hier in Deutschland gebe es „noch viel zu tun“.

Beide gingen in ihrer wechselseitigen Rede unter anderem mit den nach ihrer Einschätzung vorhandenen Mängeln und Ungerechtigkeiten im Adoptionsrecht sowie beim Blutspenden ins Gericht. Danach dürfen schwule und bisexuelle Männer nur Blut spenden, wenn sie ein Jahr lang keinen Sex mit einem Mann hatten. Diese Regelung aber schließe die allermeisten dieser Männer von der Blutspende aus. Auch Themen wie Diskriminierung am Arbeitsplatz und bei der Wohnungssuche wurden angesprochen. Die Diskriminierung nehme allgemein wieder zu, was nicht zuletzt am großen Erfolg rechtsextremer Parteien läge, so Soja. Und Natalia ergänzte, dass es auch Jugendliche gebe, die beim CSD nicht dabei sein könnten, weil sie sich nicht getraut hätten, ihre Eltern zu bitten, sie zu fahren – oder diese gar LGBTQ*-feindlich seien. Heute aber sei der Tag „an dem sich alle LGBTQ*-Menschen zeigen können und hoffentlich können sie es irgendwann jeden Tag“, so Soja und Natalia zum Abschluss ihrer Rede, die von kräftigem Klatschen und teils frenetischen Beifallsbekundungen begleitet wurde.

Vom Marienplatz aus ging es weiter mit dem geplanten CSD-Demozug. Dieser führte die ausgestreckte Menschenschlange entlang der Münzstraße durch die Bauerngasse in die Christoph­straße.

Nach einer knappen Stunde hatten die 300 Teilnehmer am Demozug den Schwanenpark erreicht und nutzten bei herrlichem Sonnenschein die verbleibende Zeit, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

Danach liefen die rund 300 Teilnehmer durch das Frauentor heraus aus der Altstadt nördlich an den Schulen vorbei zur Lechsporthalle und von dort weiter Richtung Süden zum Dornauer Weg und anschließend in die Fanschuhstraße. Erneut durch das Frauentor führte der Weg zurück in die Altstadt entlang der Lechtorstraße vorbei an einer neben dem Ballenhaus feiernden Hochzeitsgesellschaft. Hernach ging es über die Karmeliterstraße, die Amtsgerichtsstraße und Friedhofstraße durch das Münztor in den Schwanenpark unmittelbar vor der Stadtmauer.

Für die sichere und hindernisfreie Bewältigung der in knapp einer Stunde zurückgelegten Strecke sorgten neben einem vorausfahrenden und einem nachfolgenden Fahrzeug der Polizei weitere Beamte an Kreuzungen und Abzweigungen. Wenn auch die Organisatoren die durchweg gut gelaunten Teilnehmer auf dem Weg ein paarmal auf die Einhaltung der Abstände aufmerksam machen mussten, bemühten sich aber nahezu alle, diese, so gut es eben bei so vielen Menschen geht, einzuhalten. Und auch die – oft in Regenbogenfarbe leuchtenden – Gesichtsmasken waren ein mehrheitlich gern genutztes Utensil.

Im Schwanenpark gab es eine Abschlusskundgebung, zu der auch der in München lebende Henryk Hoefener gekommen war. Der 43-Jährige, der dem Vorstand des CSD Deutschland e. V. angehört, hatte unter anderem eine größere Anzahl der aktuellen Zeitung des Vereins „Querstimme Deutschland“ sowie vielerlei regenbogenfarbene Utensilien mitgebracht. Das regenbogenfarbene Bändel mit dem Motto der Veranstaltung „Coming out – 26.6.2021 – 1. CSD Schongau“ wurde von den Teilnehmern sehr gerne zur Erinnerung an diesen Tag entgegengenommen. Hoefener, der vor 25 Jahren in Schongau in die Lehre gegangen war, sagte zum ersten CSD in Schongau: „Ein Traum, dass das hier möglich ist“.

Dem Kreisboten verriet er, dass es sich bei den von ihm mitgebrachten bunten Fahnen, Masken sowie auch einigen Regenschirmen um Restbestände der kürzlich in München bei dem EM-Fußballspiel zwischen Deutschland und Ungarn verteilten Utensilien handele. Dort hatte die UEFA eine Beleuchtung der Münchner EM-Arena in Regenbogenfarben als Zeichen für Toleranz und Gleichstellung untersagt, obwohl damit ein Zeichen in Richtung Ungarn gesendet werden sollte, um auf die dort massiv beschnittenen Rechte der LGBTQ*-Klientel aufmerksam zu machen.

Auf einer Notenskala von 1 bis 10 (wobei letzteres die beste Note ist) gab Hoefener dem ersten Schongauer CSD eine 9,5. Soja sah es wohl ein klein wenig kritischer, vergab aber auch eine sehr gute 9, wovon der fehlende Punkt im Hinblick auf den Perfektionismus sei, an dem für nächstes Jahr gearbeitet werde.

Zu den guten Bewertungen und auch zu der guten und reibungslosen Zusammenarbeit mit den 15 eingesetzten Polizeibeamten hatte ganz sicher auch die kurzfristig als Versammlungsleiterin zu Zuge gekommene Sandra Mögele einen entscheidenen Beitrag geleistet. Die erst 19-jährige Peißenbergerin erfüllte diese Aufgabe in offener und unbeschwerter Weise nahezu mustergültig.

Erfolg macht Mut

Anerkennenswert ist, dass es dem 18-köpfigen Organisationsteam gelungen ist, diesen für viele ersten CSD überhaupt in nur wenigen Wochen in gefälliger Weise vorzubereiten und durchzuführen. Gemäß Soja hatte man zunächst mit vielleicht 100 Teilnehmenden gerechnet, die erwähnten 300 sind dann aber gekommen. Ein voller Erfolg aus Sojas Sicht auch deshalb, weil die Veranstaltung nur in den letzten zwei Wochen vor der Durchführung beworben wurde.

Schlussendlich stellte Soja heraus, dass es im nächsten Jahr definitiv wieder einen CSD in Schongau geben wird. „Wir hoffen, dann ohne Corona, so dass wir auch außenrum noch ein bisschen mehr machen können mit mehr Vorbereitungszeit dann“. Gerne sollen sich all die jederzeit beim CSD Schongau melden, die sich berufen fühlen, mit vorzubereiten, „zu sponsern oder sonst was (gerne auch Musik, Reden...)“ beizusteuern.

Manfred Ellenberger

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