Schmerzklinik am Schongauer Krankenhaus

Den Kampf mit dem Schmerz annehmen

Schmerzklinik Schongau Waldvogel Hofbauer
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Schmerzpatientin Inge Hofbauer (rechts) ist voll des Lobes über die Tagesklinik für Schmerztherapie am Schongauer Krankenhaus, wo Lisa Waldvogel (links) als Psychologin und Psychotherapeutin arbeitet.
  • VonRasso Schorer
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Schongau – Als sie in ihrer Qual nicht mehr weiter wusste, wählte Inge Hofbauer die Telefonnummer, die sie zuvor in der Zeitung entdeckt hatte. Das Schongauer Krankenhaus hatte eine Anzeige geschaltet, in der es seine Tagesklinik für Schmerztherapie bewarb. Heute, ein Vierteljahr nach ihren fünf Wochen ambulanter Behandlung, hat sich Hofbauers Leben mit der Mi­gräne deutlich zum Guten entwickelt: „Ich bin so dankbar. Eigentlich ist es traurig, dass noch so wenige Menschen wissen, dass es eine solch gute Anlaufstelle für Schmerzpatienten gibt.“  

„Wer noch nie Migräne hatte, kann nicht nachvollziehen, wie schlimm das ist“, ist Hofbauer überzeugt. „Das ist nichts eingebildetes, nichts, das man als Ausrede heranzieht – man liegt einfach zwei Tage flach.“ Mitunter zwei bis dreimal pro Woche suchten sie die Schmerzen früher heim. Und obwohl sie dadurch einige Lebensqualität einbüßte, tat sie rückblickend zu wenig dagegen, findet die 54-Jährige heute. „Tabletten, das war‘s“, beschreibt sie ihre früheren Versuche, gegen die Migräne anzukommen.

Von ihrem Arzt hätte sie sich seinerzeit mehr Information gewünscht: „Woher und warum kommt der Schmerz, was kann ich machen und wie vorbeugen?“ Diesen Fragen stand Hofbauer hilflos gegenüber, ehe sie sich ans Schongauer Krankenhaus wandte.

Vor dem Antritt der dortigen fünfwöchigen ambulanten Behandlung – an fünf Tagen pro Woche arbeiten die Patienten wortwörtlich an sich, abends und am Wochenende kehren sie nach Hause zurück – erwartete sie sich davon vor allem zweierlei: Spritzen und Physiotherapie. Doch es kam anders.

In den ziemlich genau sechs Jahren, seit es die Schmerzklinik gibt, habe das Konzept immer wieder punktuelle Veränderungen erfahren, beschreibt Psychologin und Psychotherapeutin Lisa Waldvogel. „Die grundlegenden Inhalte haben sich aber bewährt.“ An den Abläufen, bei denen multimodal gearbeitet wird, sich also verschiedene Disziplinen beteiligen, veränderte auch Corona bisher kaum etwas.

Hat die eine Gruppe ihre fünf Wochen absolviert, schließt sich montags darauf direkt die nächste an. Bis auf jene rund zwei Monate Ende 2020, als das ganze Krankenhaus geschlossen bleiben musste, hielt die Schmerzklinik daran fest, lediglich die Teilnehmerzahl wurde von acht auf fünf oder sechs Patienten reduziert. Die Einheiten finden in größeren Räumen statt, für die Sportstunden, die zeitweise nicht mehr im Fitnessstudio unterkamen, teilte sich die Gruppe auf. Dazu das obligatorische Hygienekonzept.

Weniger Anmeldungen als vor der Pandemie beobachtet Waldvogel nicht. In anderen Bereichen zögerten Patienten, sich ans Krankenhaus zu wenden, bestätigt Sprecherin Isa Berndt. Doch am Ende sei es bei den Schmerzpatienten wohl der große Leidensdruck, der sie den Schritt zur Schmerzklinik gehen lassen, schildert Waldvogel.

Schmerz durch Stress

Die Nachfrage, so schätzt die Psychologin und Psychotherapeutin, werde auch wegen Corona wachsen. Der Stresspegel steigt bei manchen, die Möglichkeiten zur Stressbewältigung werden gleichzeitig weniger – die Folge könne Schmerz sein.

Scheu, sich wegen Corona bei der Schmerzklinik zu melden, hatte auch Hofbauer nicht. „Ich habe mich gefreut, dass mir geholfen wird.“ Und das wurde es.

Denn auch sie habe zuvor den Zusammenhang zwischen Schmerz und Alltagsstress nicht erkannt und es nicht verstanden, aus diesem Trott auszubrechen, blickt die Marktoberdorferin zurück: Der Mensch sei wie ein Fass, habe sie gelernt. Laufe er mit negativen Erlebnissen voll, reagiere der Körper – beim einen über die Haut, beim anderen über den Darm und bei ihr selbst mit Migräne. „Das ist nix, was auf einmal da ist“, ist sie sich sicher. Zu erfahren, woher ihre Beschwerden rühren, sei hochinteressant gewesen.

Raus aus der Opferrolle

Gleich seit ihrem ersten Tag in der Schmerzklinik setze sie die aufgezeigten Anstöße um. „ Das Leben ist so, wie ich bin. Ich arbeite an mir, dass die Welt wieder schön ist, denn ich bin die Person, die das steuert.“ Die Hilfe zur Selbsthilfe sei der entscheidende Punkt, den die Schmerzklinik vermitteln wolle, stimmt Waldvogel zu. Damit hole man den Patienten aus der Unsicherheit, hebe ihn aus einer leidenden passiven Rolle in eine aktive. Der Werkzeugkasten, um dem Schmerz nicht ohnmächtig gegenüber zu stehen, sei prall gepackt. „Wir bieten ein umfangreiches Programm und der Patient soll auswählen können, welcher Möglichkeiten er sich bedient.“ Dabei sei nicht die eine große Änderung ausschlaggebend, sondern ein Bündel aus mehreren kleinen.

Kündige sich eine Migräne an, könne sie nun entgegensteuern, freut sich Hofbauer. „Ich bekomme das relativ gut in den Griff.“ Daneben gelte es, am eigenen Alltag zu feilen: Nicht immer auf die Uhr zu schauen, sich bewusst Pausen im Job als Standesbeamtin zu nehmen, das Wörtchen „schnell“ aus dem Leben zu verbannen – das seien für sie echte Herausforderungen.

Auch ihren Arbeitsplatz im Büro hat Hofbauer sich anders gestaltet: Mit Jalousien, einer ergonomischen Tastatur, einer neuen Brille. Ein Joystick ersetzte die Computermaus. „Ich wusste vorher gar nicht, dass ich das bekommen kann“, sagt sie. Die ganze Behandlung in der Schmerzklinik übernimmt die Krankenkasse. „Wunderbar“, fasst Hofbauer ihre dortige Zeit zusammen.

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